Mit Heilpflanze Fernseher bezahlt Twister erinnern sich an Boomzeit des Sonnentaus

Von Horst Heinrich Bechtluft

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Twist. Die Pflanze Sonnentau steht als besonders gefährdete Moorbewohnerin unter strengem gesetzlichen Schutz. Ihr Lebensraum ist heute von den Menschen weitgehend vernichtet worden. Noch vor 50, 60 Jahren war im Hochsommer „Erntezeit“ für Sonnentau. Wenn die Rede darauf kommt, fangen ältere Twister an zu schwärmen.

Nicht wegen der Schönheit oder der biologischen Auffälligkeit der Insekten fangenden „Drosera“ im Moor vergangener Zeiten. Nein, mit Sonnentau ließ sich in den 1950er-, 1960er Jahren als Heilpflanze erstaunlich viel Geld machen.

„Wir haben mit gesammeltem Sonnentau unseren ersten Fernseher bezahlt, und der war nicht billig“, erinnert sich eine Twisterin. Sie saß als Kind hinten auf dem Fahrrad ihrer Mutter auf einem „Kissen“, das mit getrocknetem Sonnentau befüllt war. Auf diese Weise wurde die wertvolle Fracht unauffällig über die Grenze nach Holland befördert. Die Holländer waren an der Pflanze als Grundstoff für vielfältig einzusetzende Heilmittel stark interessiert und zahlten gutes Geld dafür.

Pingeliger Abnehmer

Paul Weidner (66) weiß noch, wie er als 12-, 13-Jähriger für einen mit getrocknetem Sonnentau gefüllten Futtermittelsack die für den Jungen enorme Summe von 130 Gulden bar auf die Hand gezahlt bekam. Das entsprach damals einer Kaufkraft von über 140 D-Mark. „Ich meine, dass das Kilo mit 30 Gulden berechnet wurde“, erinnert er sich.

Dafür war der holländische Abnehmer allerdings sehr pingelig, was die Ware anging: Die Pflanzen mussten von einer bestimmten Art des Sonnentaus sein – wohl die mehr ergiebige „Drosera intermedia“ –, sie durften keine Schmutzanteile enthalten und mussten perfekt getrocknet sein. Wer als Lieferant meinte, ein wenig Feuchtigkeit (Gewicht!) könne für ihn nur von Vorteil sein, wurde unverrichteter Dinge weggeschickt.

Auf Abtorfungsflächen

Die Frage des Naturschutzes in Deutschland oder in den Niederlanden spielte für die Twister Sammler damals keine Rolle. Bei der massiv betriebenen Austorfung der Hochmoorlandschaft wäre das auch einigermaßen seltsam gewesen.

Der zu erntende Sonnentau verbreitete sich in erstaunlich großen Mengen speziell auf Abtorfungsflächen. „An den Moorrändern, wo die Weißtorf-Grabemaschine im Einsatz gewesen war, konnten wir die Pflanzen mit beiden Händen pflücken“, berichtet Paul Weidner. Auch er bemühte sich, mit seinem Sonnentau den Zöllnern beider Seiten nicht aufzufallen. Das hatte weniger mit Naturschutzgesetzen, sondern eher mit dem Transport über die Grenze zu tun. Bei der Kneipe von Gels Wilm, einige Häuser hinter dem niederländischen Grenzübergang Nieuw-Schoonebeek, wurde der Sack mit den getrockneten Pflanzen ausgeschüttet, kontrolliert, auf einer Tafelwaage gewogen und anschließend bezahlt.

Noch existiert die fleischfressende Pflanze an einigen Stellen des Hochmoors bei Twist, wie Weidner auf Radtouren feststellen kann. An ein „Ernten“ der gesetzlich geschützten seltenen Exemplare denkt niemand mehr. Die extrem trockenen Monate Juli und August haben das Wachstum in diesem Jahr deutlich vermindert, sodass der Naturfreund schon den richtigen Standort und ein scharfes Auge braucht, um Sonnentau überhaupt noch zu entdecken.


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