Lange zusammen hinter der Theke Nach 46 Jahren: Ehepaar Theil schließt Traditionsgaststätte in Rühlerfeld

Von Malte Goltsche


Twist. Nach 46 Jahren hat die Gaststätte Theil in Rühlerfeld geschlossen. Mehr als 50 Jahre stand das Ehepaar Carola und Anton Theil zusammen hinter der Theke. „Ich könnte ein Buch darüber schreiben, was in den Jahren alles passiert ist“, sagt Carola Theil.

Und Carola Theil übertreibt nicht. Sie und ihr Mann sitzen im Hinterzimmer ihrer rustikalen Kneipe und haben einiges zu erzählen. Von einer Rudereinlage, Psychologie und was sie nun so vorhaben. Doch der Reihe nach.

1965 ist Anton Theil 27 Jahre alt und pachtet zusammen mit seiner damals 20-jährigen Frau seine erste Gaststätte in Neuenkirchen bei Rheine in Nordrhein-Westfalen. Gebürtig kommen beide aus der Nähe von Spelle. Nach sieben Jahren läuft der Pachtvertrag aus und die Theils beauftragen ihre Brauerei nach einem neuen Lokal zu suchen, das sie übernehmen können. So kommt das Paar nach Rühlerfeld, das mittlerweile zur Heimat geworden ist.

Carola und Anton Theil an ihrem langjährigen Hauptarbeitsgerät. Foto: Malte Goltsche

Zunächst ist das Emsland ein Schock. „Es war sehr schwierig. Wir kamen mit den Leuten und der Kultur anfangs nicht so gut klar. Aber mit der Zeit wurde es immer besser“, erinnert sich Carola Theil. Auch an die emsländischen Trinkgewohnheiten hätten sie sich anpassen müssen. „Früher in Neuenkirchen war um ein Uhr nachts Polizeistunde. Dann war Schluss. Das kannten die hier gar nicht“, sagt ihr Mann Anton.

1988 kauft das Ehepaar die Gaststätte. Damals sind die beiden Töchter fast schon erwachsen. Sie leben beide in Süddeutschland und haben sich beruflich anders orientiert – für die Theils kein Problem. „Ich habe ihnen immer gesagt: ‚Es ist egal, was ihr macht. Hauptsache, ihr seid glücklich‘,“ sagt Carola Theil.

Ganz vorne mitgerudert

Das Ende der Kneipe hat sich schon länger angebahnt, nun ist es beschlossen. Seit mehreren Jahren war nur noch am Wochenende geöffnet. Dann lief der Laden jedoch, sagen die Theils. Die Schließung sei nicht auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen, sondern auf gesundheitliche. „Ich hatte einen Oberschenkeltrümmerbruch“, berichtet Carola Theil, die an manchen Tagen mit dem Rollator unterwegs ist. „Und ich bin ja jetzt auch schon über die 80 Jahre“, ergänzt ihr Mann.

Vieles fällt nicht mehr so leicht wie früher. „Wenn wir gekonnt hätten, hätten wir weitergemacht“, sagen die Theils. Die Arbeit habe ihnen immer noch Freude gemacht. Besonders der Zusammenhalt in der Nachbarschaft sei einzigartig, berichten die Wirte. „Die Gemeinschaft war wirklich besonders. Wir haben ja einige Generationen erlebt und die Leute, die jetzt groß sind, schon gekannt, als sie Kinder waren. Wir konnten auch immer gut mit jungen Leuten“, erzählt Carola Theil.

Dass dem so ist, zeigte die zierliche Wirtin auch auf den Feiern in der Gaststätte. Eine davon ist der 75-Jährigen besonders im Gedächtnis geblieben. Beim Party-Klassiker „Aloha Heja He“ von Achim Reichel setzten sich die Gäste auf den Boden und rudern über das imaginäre Meer. „Ich habe mich dann einfach an die Spitze der Reihe gesetzt und mitgemacht. Da haben alle gestaunt“, erzählt sie.

Käufer am Telefon

Dann holt sie ihr Handy heraus und zeigt ein Video vom letzten Öffnungstag der Kneipe. Ein Stammgast kommt mit einem Fahrrad angeradelt, vorne unter dem Lenker ist ein Megafon montiert, aus dem laut Musik dröhnt. Ein spezieller Auftritt für einen speziellen Tag in der Gemeinde. Am Ende sieht man die begeisterte Carola Theil und ihren Mann, inmitten der anderen Gäste. Später habe es sogar noch ein Feuerwerk zu Ehren des Paars gegeben, erzählt sie mit glänzenden Augen. Es ist zu spüren, dass es dem Paar schwerfällt, ihr Leben als Wirte aufzugeben. „Wenn wir gekonnt hätten, hätten wir weitergemacht“, wiederholt sie und es wirkt fast so, als müsste sie sich selbst überzeugen, dass es wirklich nicht mehr geht.

Auf einmal klingelt das Telefon an der Theke. Anton Theil nimmt ab, spricht kurz mit dem Anrufer, kommt zurück und sagt: „Der Verkauf ist durch.“ Die Theils erzählen, dass sie sich in den vergangenen Wochen mit mehreren Interessenten getroffen haben. Nun habe einer dem Kaufpreis zugestimmt. Ein Niederländer ohne Deutschkenntnisse. Sie sind zwiegespalten. Einerseits wollen sie verkaufen und sich mit dem Geld „ein paar schöne Jahre machen“, andererseits wollen sie ihr Zuhause der letzten 46 Jahre in die richtigen Hände übergeben. „Wir wollen, dass die Gemeinschaft so bestehen bleibt“, sagen sie. Verkauft das Paar sein Heim tatsächlich, haben sie vorgesorgt und sich in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen angemeldet. Dann ist endlich Zeit, die Kinder und Enkelkinder in Heidelberg und Freiburg öfter zu besuchen.

Ein Wirt ist nicht nur Wirt

Mehr 50 Jahre standen die Theils zusammen hinter der Theke. Sie sind fast ihr ganzes Erwachsenenleben Wirte gewesen. Was einen Wirt ausmacht, erklärt Anton Theil, den alle seine Stammgäste nur „Töns“ nennen: „Man muss verschwiegen sein. Ein Wirt, der nicht verschwiegen ist, hat den falschen Beruf.“ Was er genau damit meint, erklärt seine Frau: „Man ist Wirt, Psychologe und Beichtvater zusammen. Die Leute kommen mit Problemen hierher und wollen darüber sprechen. Oft bleiben sie dann bis zum Schluss, warten bis alle weg sind und erzählen dann über ihre Ängste und Sorgen.“ Über diese Gespräche und alles andere aus den letzten 53 Jahren könnte Carola Theil vermutlich ein Buch schreiben. Aber Wirte sind verschwiegen.


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