Festival im Heimathaus Publikum in Twist tanzt Blues in den Mai

Von Tim Gallandi


Twist. Mit drei Bands, die den Blues in verschiedenen Spielarten zelebrieren, teils mit starker Neigung zum Rock, sind die Besucher des Mini-Festivals im Twister Heimathaus in den Mai gestartet.

Um Robert Johnson, den König des Delta Blues, rankt sich eine Vielzahl an Legenden. Der bekanntesten zufolge soll er seine Seele dem Leibhaftigen verkauft haben. Durch diesen Deal an einer Kreuzung in Clarksdale, Mississippi, sei er zum Gitarrenvirtuosen geworden; der Tod ereilte ihn dann schon mit 27 Jahren.

Dass es fatal sein kann, etwas vorschnell zu veräußern, hat auch Kris Pohlmann erlebt. In seinem Fall war es die erste Liebe, eine schwarze Fender Telecaster. „Denn als Teenager habe ich zwei Sachen geliebt: Fußball und Gitarren.“ Da er aber Geld brauchte, weil er feiern gehen und Frauen kennenlernen wollte, versetzte er die Gitarre – und konnte das Geschäft nach dem bösen, verkaterten Erwachen am nächsten Morgen nicht mehr rückgängig machen: Der Händler hatte sie schon weiter verhökert.

Raum für Improvisationen

„Die erste Liebe sollte man nicht verkaufen“, so Pohlmann. Immerhin lieferte ihm diese Episode später Stoff für „Taylor Road“, einen der Songs, die der deutsch-britische Gitarrist mit seiner Band im proppevollen Heimathaus darbot. Davon lebt der Blues: von den Geschichten ums Scheitern und alternativlose Wiederaufstehen wie vom Flirt mit anderen Genres, allen voran Rock.

Pohlmann und Band starteten wuchtig: „Don‘t Make No Fool Of Me“ und „Borrowed Time“ stießen wie einst Mountain in Grenzbereiche zum Hardrock vor, ehe „One Day Baby“ den Weg zurück zu den Wurzeln markierte. Aus dem Sound des Wahl-Düsseldorfers hallten diverse Vorbilder wider: Bei ihm treffen sich Alvin Lee und Gary Moore zum Barbecue, und später stößt Rory Gallagher mit einer Flasche Whisky hinzu.

Der 40-Jährige nahm sich Raum für Improvisationen, wie beim ruppigen Boogie-Stampfer „Falling Down“. Und die Behauptung im Titel „I‘m Too Tired“ konnte das Publikum, das im Finale „down, down, down“ mitskandierte und zuvor bei einem Solo von Bassist Jonas Bareiter mitgeklatscht hatte, keinesfalls wörtlich nehmen.

Nie vorhersehbar

Das Jonglieren mit den Spielarten des Blues und dessen Verwandten trieben Wille & the Bandits noch ein Stück weiter. Nicht wenige dürften sich an Led Zeppelin erinnert gefühlt haben, denn das Trio, das optisch einem Konzertfilm der späten 60er entsprungen zu sein scheint, wechselt zwischen düster grollenden Blues-/Hardrockriffs und optimistischem Hippie-Flair, wie es auch Page & Co. einst taten. Bemerkenswert war indes nicht allein, wie Wille Edward per Bottleneck auf den Slide-Guitar-Saiten tänzelte, Matt Brooks seinen Six-String-Bass bearbeitete und Andrew Naumann Hagelschauer aufs Schlagzeug brachte. Sondern besonders die hohe Dichte an Überraschungen.

Kam der Auftakt „Bad News“ polternd nach Art von Zeppelins „Immigrant Song“ daher, wirkte „Living Free“, das vom Surfen handelt (nicht in Kalifornien, sondern in ihrer Heimat Cornwall), geradezu sonnig. Mit gespenstischem Vibe transportierten Wille & the Bandits ihre Version von Robert Johnsons „Crossroads“, das sie zu einem Jam-Koloss entfalteten. Ähnlich wie später den Höhepunkt des Gigs: „Angel“, ein Instrumentalstück in Gedenken an Wille Edwards Mutter, das fast zehn Minuten lang im Wechsel leisen Folk, hymnischen Rock, psychedelische Klangmuster bot – und dabei nie repetitiv oder vorhersehbar war. Selbst wer kein Fan solcher ausufernden Arrangements ist, hätte hier den Hut ziehen müssen.

Geradliniger Chicago Blues

Aus diesen Sphären holten Mississippi Heat das Publikum wieder ab und erdeten sie mit im besten Sinne geradlinigem Chicago Blues, der an die Zeiten von Muddy Waters erinnerte. Bandchef Pierre Lacocque ließ seine Bluesharp losschnaufen, dass einem der oft bemühte Vergleich mit dem Güterzug unweigerlich in den Sinn kam. Und Carla Stinson verlieh dem Ganzen mit ihrem Gesang Soul-Flair. Nimmt man das Twister Festival als Gradmesser, könnte der Mai ein guter Monat werden.


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