Wagner-Interview vor Relegation SV Meppens Kapitän: „Wir können Geschichte schreiben“

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Meppen. In Trier trainierte Martin Wagner unter Coach Mario Basler, bei Viktoria Aschaffenburg arbeitete er mit Trainer Andy Möller und bei Waldhof Mannheim mit Sportdirektor Jürgen Kohler zusammen. In den Relegationsspielen gegen Waldhof Mannheim will der 30-Jährige den SV Meppen als Kapitän zum Aufstieg führen.

Herr Wagner, wagen wir zunächst mal einen Blick in die Vergangenheit. Vor einem Jahr wurde bekannt, dass der Etat gekürzt wird und ein Großteil der Spieler künftig nebenbei arbeiten gehen muss. Inwiefern haben Sie und Ihre Mannschaft gedacht, der Zug in Richtung 3. Liga fährt in den nächsten Jahren ohne Sie ab?

So extrem, dass man sagte, der Zug ist abgefahren, dieses Gefühl hatte ich zumindest nie. Natürlich wusste man, dass sich jetzt einiges verändern wird. Und das ist auch so gewesen. 70 Prozent der Spieler gehen jetzt in eine Ausbildung, zur Schule oder einer Arbeit nach. Das ist natürlich ein enormer Einschnitt, auch in Sachen Trainingssteuerung oder was generell zum Beispiel die gesamte Erholungsphase nach dem Spiel anbelangt. Natürlich hat man eine andere Belastung. Aber im Nachhinein, das hab ich auch schon häufiger gesagt, hat es uns allen gutgetan, auch dem Verein. Weil wir auch Spieler dazubekommen habe, die hier unbedingt sein wollen. Und die anderen, die hiergeblieben sind, wollen den Weg mitgehen, was man auch sieht. Ich glaube, das war ein Mosaiksteinchen, dass wir eine intakte Truppe zusammenbekommen haben, die einfach alles für den Verein gibt. Dazugekommen ist auch ein Schuss Lockerheit. Ich kann es nur von mir sagen, dass man einfach andere Dinge im Fokus hat und nicht den ganzen Tag über Fußball nachdenkt. Ausbildung und Beruf sind nun auch schon Bestandteil des Alltags. Das ist natürlich auch mal für den Fußball nicht so schlecht, dass man einen Schuss Lockerheit dazubekommt, weil man nicht mehr so fokussiert auf alles ist.

Die Vorbereitung auf die gerade abgelaufene Saison war bereits vielversprechend verlaufen. Der SV Meppen hat anderen Fußball gespielt, attraktiveren Fußball. Andererseits heißt es immer, dass die Ergebnisse nichts aussagen würden. Mit welchen Erwartungen sind Sie persönlich in die Saison gegangen? Schon so, dass nach oben etwas möglich ist?

Auf jeden Fall. Wenn man die Vorbereitungsspiele gegen Lotte, Paderborn und Donezk oder das Turnier in Loga durchgeht, das war schon stark. Da haben wir uns schon zusammengefunden und gemerkt, da geht was. Du merkst dann schon, wie die Truppe zusammengewachsen ist. Wie wir uns von den Positionen und vom System her gesteigert haben. Alles hat sich einfach verfestigt. Man hat schon ein sehr, sehr gutes Gefühl für die Saison gehabt. Wir wussten, wenn wir die ersten Spiele gut bestreiten, werden wir uns vorne festsetzen können.

Ihr Trainer Christian Neidhart hat erzählt, dass bei Ihnen in der Kabine ein Zettel hängt mit gewissen Werten und Prinzipien, auf die man sich verständigt hat. Es sei kein Geheimnis, was darauf steht, sagt er. Können Sie die Leute mal aufklären, worauf Sie sich geeinigt habt?

Wir haben nicht nur einen, sondern mehrere Zettel aufgehängt. Die hängen auch immer noch. Das sind Sachen, auf die wir uns eingeschworen haben - auf die Saison und uns selber. Das sind einfach allgemeine Sachen wie Teamgeist und Respekt voreinander. Dass man einfach alles der Mannschaft unterordnet. Das sind Eckpunkte und Sachen, die wir untereinander besprochen haben. Was wichtig ist für eine erfolgreiche Saison und für uns als Mannschaft. Wirklich jeder von der Mannschaft hat Argumente geliefert, was wichtig ist für die Truppe. Das alles haben wir zu Papier gebracht und hängt jetzt auf Plakaten in der Kabine. Man merkt, die Jungs sind heiß und machen sich Gedanken um die Mannschaft. Wollen erfolgreich sein und machen sich Gedanken, wie wir das am besten schaffen können. Das haben wir uns auf die Fahne geschrieben beziehungsweise auf die Plakate, damit man es jeden Tag beim Training immer wieder sieht, was nötig ist, um erfolgreich zu sein.

Wessen Idee war das?

Die Idee kam vom Trainerteam. Wobei: Als feststand, dass ich Kapitän sein sollte, was es mir im persönlichen Gespräch mit dem Trainerteam wichtig, dass wir eine homogene Truppe zusammenhaben. Dass wir eine intakte Mannschaft haben, wo jeder für den anderen da ist. Das war für mich und wird immer für mich wichtig sein. Man hat ja auch gesehen, dass wir nie Spiele hergeschenkt haben. Dass wir nie den Eindruck erweckt haben, dass es nicht stimmt in der Mannschaft. Wir haben Mannschaftsabende gemacht und sind Essen gegangen. Geschichten, bei denen man ein Feeling kriegt für die Truppe. Man hat auch gesehen, dass so etwas enorm wichtig ist für eine erfolgreiche Saison. Unabhängig davon, dass man auf dem Platz eine gewisse Qualität mitbringt – was wir auch hatten. Diese Grundtugenden haben wir als Mannschaft verinnerlicht.

Nachdem Johan Wigger den Verein verlassen hat, sind Sie Kapitän geworden. Inwiefern hat sich Ihre Rolle geändert? Heutzutage wird gerne von flachen Hierarchien geredet. Was verlangt das Trainerteam von dir? Müssen Sie in der Kabine das Wort ergreifen?

Ich bin jetzt nicht der Typ Stefan Effenberg, der auf dem Platz oder in der Kabine herumschreit. Das kommt natürlich auch schon mal vor, ist ja klar, wenn man Fußballer und insbesondere Kapitän ist. Dann muss das natürlich auch schon mal sein. Man muss seine Rolle wahrnehmen. Ich sage schon das eine oder andere Mal vor dem Spiel gewisse Worte, wenn ich das Gefühl habe, dass ich noch mal einen Push geben muss. Der Trainer erwartet einfach von mir, dass ich vorweg gehe. Zunächst einmal mit meiner Leistung, aber auch in der Trainingswoche. Dass ich mit Spielern spreche. Ein bisschen das Feeling kriege, wie der eine oder andere momentan drauf ist. Und als Spieler auch ein bisschen einwirken kann. Letztendlich bilden Spieler wie Dennis Geiger, Thilo Leugers, Benny Gommert und Basti Schepers mit mir eine Gruppe, die zusammen diesen Weg gegangen ist. Es ist so, dass ich das mit dem Trainerteam vorgebe. Und ältere Spieler das mit tragen müssen. Und ihre Sachen mit einbringen. Das gibt es auch, glaube ich, gar nicht mehr, dass sich ein oder zwei Spieler aufspielen. Sondern ich versuche das immer zusammen mit der Mannschaft. Mit meinen Erfahrungen, die ich gesammelt habe, den jungen Spielern zu helfen. Dass ich die auch mal zur Seite nehme und mit denen spreche. Tipps gebe, was sie besser machen könne. Letztlich ist das vielfältig. Letztendlich kommt es als Kapitän darauf an, mit Leistung voranzugehen.

Lassen Sie uns über Waldhof Mannheim reden: Sie sind vor vier Jahren von diesem Verein nach Meppen gekommen. Wie ticken dieser Verein und seine Fans, die bereits in der 1. Liga gespielt haben?

Ich hatte ja damals schon häufig gegen Waldhof gespielt, als ich das Angebot von Mannheim bekommen habe. Wenn ich dort aufgelaufen bin, habe ich immer gesagt, das wäre mal eine richtig geile Sache, wenn du da mal spielen darfst. Alle zwei Wochen ein Heimspiel vor mehreren tausend Zuschauern, wo richtig Stimmung ist. Man merkt halt, dass der Verein lange, lange Zeit in der 1. Liga gespielt hat. Dass viele wichtige Figuren im Fußball auch damals schon da gespielt haben. Das merkt man permanent, wenn du in Mannheim oder Umgebung irgendwo hinkommst. Die Fans haben dort einen enormen Stellenwert, weil der Verein auch immer mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und die Fans das schon immer mitgetragen haben. Immer den Verein weiter unterstützt haben. Ich verfolge das trotzdem immer noch. Mein größerer Sohn ist ja auch in Mannheim geboren, was mich immer noch mit der Stadt verbindet. Wenn man jetzt weiter verfolgt, wie das jetzt so ist, wenn der Verein erfolgreicher ist, dass dann immer acht- bis zehntausend oder mehr Zuschauer kommen zu den Heimspielen, dann merkt man, was dahintersteckt. Deswegen ist das schon ein Verein, wo man als Spieler immer gerne gespielt hat. Die Zeit möchte ich nicht missen. Aber nichtsdestotrotz bin ich jetzt in Meppen, bin glücklich hier und froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe. Weil wir jetzt irgendwo auf Augenhöhe stehen und da auch Geschichte schreiben können.

Ist aus Ihrer damaligen Waldhof-Zeit noch dabei?

Nee, gar keiner mehr. Selbst Dennis Geiger, der noch ein halbes oder ein Jahr länger geblieben ist, hat keinen mehr, mit dem er gemeinsam in Mannheim gespielt hat. Fußball ist halt schnelllebig. Das ist auch schon wieder vier Jahre her. Da sieht man auch wieder, wie das Geschäft ist. Schade, aber das macht es auch nicht besser, einfacher oder schlechter, wenn man noch drei, vier Leute kennt. Letztendlich müssen wir uns damit auseinandersetzen, die zwei Spiele spielen und zusehen, dass es klappt.

Im Hinspiel werden Sie mit dem SV Meppen vor 25.000 Zuschauer spielen. Welche Rolle wird der Kopf spielen. Denn es wartet eine besondere Druck- und Stresssituation auf die Mannschaft? Wie geht man in so eine Partie: Bloß keine Fehler machen? Oder mutig, konzentriert und kontrolliert sein?

Schon die zweite Sache. Wir müssen uns schon vor dem Spiel damit auseinandersetzen, dass uns da eine enorme Kulisse erwartet. Dennis und ich, wir kennen das dort. Für uns wird das nicht so das große Problem sein. Aber es gibt bei uns Spieler, die vielleicht das erste Mal vor so vielen Zuschauern spielen. Da gilt es, die Jungs vor dem Spiel darauf einzustellen, dass uns einiges erwarten wird. Auch eine Mannschaft erwarten wird, die alles geben wird. Da gilt es, ganz fokussiert und ganz kontrolliert zu Werke zu gehen, um unsere Stärken einzubringen, ins Spiel reinzufinden und gefährlich zu werden. Nicht viel zuzulassen und eben auch da unsere Chance zu suchen.

Sind Sie jemand, der alles über den Gegner wissen muss. Oder vertrauen Sie lieber auf Ihr eigenes Können, auf Ihre eigene Stärke?

Sowohl als auch. Eigentlich bin ich immer ein Freund davon, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. Und die durchbringen will. Wir sind eine dominante Mannschaft und können es auch in Mannheim schaffen, unser Spiel durchzubringen. Trotzdem weiß man bei Standards über einzelne Spieler Bescheid. Vor allem darf man bei solchen Spielen nichts dem Zufall überlassen. Wenn du da nicht Bescheid weißt, wäre das fatal. Da müssen wir ehrlich zueinander sein, dass wir schauen müssen, dass es passt.

Mannheim hat im Vorjahr bereits die Relegation zur 3. Liga gespielt. In Lotte hat sich Waldhof 0:0 getrennt, hätte zuhause im Rückspiel alles klarmachen können, hat aber 0:2 verloren. Vor- oder Nachteil für Ihre Mannschaft?

Man muss natürlich schon sagen, dass das für Waldhof ein enormer Druck ist. Wir haben über uns und Drucksituationen gesprochen, aber Waldhof macht es das zweite Mal mit. Dass da die Köpfe auch mitspielen, ist logisch. Wir können als Meister nach Mannheim fahren und versuchen, dort unser Spiel durchzukriegen. Fokussiert und konzentriert zu Werke zu gehen. Ich denke schon, dass Mannheim im ersten Spiel Druck hat, weil es im Vorjahr dort nicht geklappt hat. Aber letztendlich werden das zwei harte Spiele, zwei heiße Spiele. Ein heißer Tanz, und darauf müssen wir uns jetzt konzentrieren und vorbereiten. Dann hoffen wir, dass es auch mit einem stückweit Glück, was man an solchen Tagen auch braucht, klappt.


Martin Wagner stammt aus Bad Abbach. Geboren wurde er am 16. September 1986 in Regensburg.

Der 1,68 Meter große Linksfuß spielt im Mittelfeld und trat beim SV Meppen vor der Saison die Nachfolge von Kapitän Johan Wigger an.

Seine fußballerischen Anfänge liegen bei FC Teugn und Post/Süd Regensburg. Mit 14 Jahren ging Wagner zum FC Bayern, zwei Jahre später zum 1. FC Nürnberg.

Im Alter von 18 Jahren schaffte er mit Hessen Kassel eine grandiose Aufholjagd. Zwölf Punkte betrug der Rückstand auf den FSV Frankfurt, der seinen Vorsprung allerdings noch verspielte. Durch einen 1:0-Sieg beim FSV wurde Wagner mit Kassel noch Meister und stieg in die Regionalliga Süd auf, damals die dritthöchste Klasse. Dort machte Wagner 13 Spiele.

Es folgten die Stationen Viktoria Aschaffenburg, Eintracht Trier, Sonnenhof Großaspach, Wormatia Worms und Waldhof Mannheim.

Im Sommer 2013 wechselte Wagner von Waldhof Mannheim zum SV Meppen. Seitdem bestritt er 141 Pflichtspiele für die Emsländer, erzielte 28 Tore und legte 43-mal einen Treffer auf.

Derzeit macht Wagner eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei der Firma Barlage, einem Hersteller von Sonderapparaten für Kraftwerke, Öl- und Gasindustrie bis hin zur Luft- und Schifffahrt.

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