Köln-Fan Hannes Wefers Nur 17 Schritte bis zum Geißbockheim in Biene

Von Uli Mentrup


Lingen. Das Geißbockheim ist Kultstätte für jeden Anhänger des 1. FC Köln. Einer muss nur wenige Schritte gehen, bis er da ist: 37 von der Haustür, 17 vom Wintergarten. Denn sein Geißbockheim steht in Biene. Es gehört Hannes Wefers, einem bekennenden, leidenschaftlichen, eingefleischten Fan des Effzeh.

Das emsländische Geißbockheim unterscheidet sich vom Original an der Franz-Kremer-Allee in Köln, das Wefers erstmals vor zwei Jahren besuchte. Die Tour war ein Geschenk zur Silberhochzeit. Das Biener Pendant ist aus Holz und 15 Quadratmeter groß. Die aktuelle Mannschaft des 1. FC Köln , die am 8. August um 15.30 Uhr beim SV Meppen antritt, müsste sich drängeln wie die Zuschauer am Spieltag in der Hänsch-Arena , um dort Platz zu finden. Es wäre ausverkauft – nach Sicherheitsstandards vermutlich sogar überfüllt. Im Reich von Hannes Wefers finden sich selbstverständlich Köln-Tassen, -Wimpel, -Fahnen, -Schals, -Trikots. Sogar ein Holz-Geißbock auf vier Rädern, der wie das echte Vereinsmaskottchen Hennes heißt. Und ein lebensgroßes auf Pappe aufgezogenes Foto von Prinz Lukas Podolski. „Der hat zehnmal das Tor des Monats geschossen“, bewundert Wefers die Schusstechnik des 30-Jährigen, der den FC schon zweimal verlassen hat: 2006 Richtung Bayern München, 2012 Richtung FC Arsenal. „Der kommt zurück“, hofft Wefers.

Aber im Biener Geißbockheim finden nicht nur Devotionalien des 1. FC Köln Platz. Auch andere Erinnerungsstücke tauchen auf: Besonders oft natürlich der SV Holthausen/Biene, bei dem Wefers schon Fußballobmann und Geschäftsführer war und für den er seit 1993 die mit Informationen und Anekdoten gespickte Buschtrommel herausgibt , die viel mehr als eine Stadionzeitung ist. Vom SV Meppen finden sich auch Wimpel und ein Trikot von Spielmacher Josef Menke. Berührungsängste kennt Wefers nicht. Sogar der Schriftzug Borussia Mönchengladbach ist zu lesen. Dabei mögen sich die Borussen und die Kölner eigentlich nicht. Aber mit den Fohlen vom Niederrhein muss sich Wefers oft auseinandersetzen. Der Freund seiner Tochter Laura, Patrick Humbert, ist Borussen-Fan. „Das ist Strafe genug“, lacht der 55-jährige Vermessungstechniker. Sven Foppe, der Freund seiner Tochter Maren, ist Anhänger von Borussia Dortmund. Das ist schon entspannter.

„Als Köln-Fan wird man geboren“, ist Wefers sicher. „Das ist Kult, das ist Leidenschaft.“ Und viel leidenschaftlicher als der Emsländer kann die Verbundenheit zum Effzeh kaum sein. Doch in die Wiege war ihm die Begeisterung für den Verein vermutlich noch nicht gelegt. Aber die Fußballbegeisterung seines Vaters Hermann, wegen der sogar die Taufe einer Enkelin verschoben werden musste. Als Köln die zweite Deutsche Meisterschaft feierte nach der ersten Saison der Bundesliga (1964) war Wefers noch nicht einmal vier Jahre alt.

Als Jugendlicher wurde Hannes Wefers vom Köln-Virus infiziert. Die Vereinsikone Wolfgang Overath oder Heinz Flohe, zwei von etlichen Nationalspielern, hatten es ihm in der FC-Hoch-Zeit besonders angetan „in weißen Trikots wie Real Madrid“. Köln hat einen „aggressiven und offensiven Fußball gespielt“. An den dritten und letzten Meistertitel der Dom-Städter, die zudem viermal den DFB-Pokal gewannen, erinnert das Nummernschild am Auto der Familie Wefers: FC 78.

Die ersten Spiele seines Lieblingsklubs hat Wefers in Bremen, Hamburg, Gelsenkirchen und Hannover gesehen. Die Anfahrt war nicht so weit wie nach Köln. Die erste Partie im damaligen Müngersdorfer Stadion besuchte der Emsländer 1979 mit Heinz Bemboom. „Dass ich das überlebt habe“, denkt er an das 1:1 gegen den Erzrivalen Mönchengladbach. Alle Eintrittskarten bewahrt er in seinem Geißbockheim auf, das am 1. Mai 1986 eingeweiht wurde. „Beim UEFA-Cup-Finale“, sagt Wefers wie aus der Pistole geschossen. Das Wohnhaus wurde erst später errichtet. Die Daten des Effzeh scheinen im Gehirn eingebrannt zu sein. Köln verlor das Hinspiel trotz Führung durch Klaus Allofs 1:5. Beim Rückspiel, das wegen vorheriger Zuschauerausschreitungen in Berlin stattfand, reichten die Tore von Uwe Bein und Ralf Geilenkirchen nicht.

Wefers ist den Kölnern auch in schlechteren Zweitligazeiten treu geblieben. Bei allen fünf Abstiegen (1998, 2002, 2004, 2006, 2012). „Es ist einfacher, Bayern-Fan zu sein“, erklärt er. „Aber Köln-Fans haben auch das Verlieren gelernt.“ Beim ersten Abstieg dachte er noch an einen Betriebsunfall. „Es war ein Crash“, weiß er, wie viel Geld nach einem Abstieg fehlt – und wie schwer es ist, nach der Rückkehr in die Eliteliga wieder Fuß zu fassen. Noch heute ist der Biener richtig sauer auf den Schalker Oliver Held. Der wehrte 1998 im Spiel gegen die abstiegsbedrohten Kölner in der Schlussphase einen Schuss mit der Hand ab, gab das aber auf Nachfrage des Schiedsrichters nicht zu. Der entschied auf Eckball statt auf Elfmeter. In der Schlussphase kassierte Köln noch das 0:1 und trudelte der Zweiten Liga entgegen.

Wefers lebt und leidet mit dem FC. „Ich habe schon vor dem Fernseher geheult“, bekennt er. Heute schaut er sich längst nicht alle Spiele an, weil er zu nervös ist und Magenbeschwerden bekommt. Oft joggt er dann, um sich abzulenken. Aber er erkennt nach der Rückkehr schon am Gesicht seiner Frau Ingrid, wie das Spiel endete. Bei erfolgreichem Ausgang schlüpft er ins Kölner Trikot und schaut sich die Aufzeichnung an. Bei Niederlagen verzichtet er darauf. Einmal, sagt das FC-Mitglied, das seit der Saison 1976/77 auch als Schiedsrichter im Einsatz ist, packte ihn die Neugier auf dem Platz. „Ich habe bei einem Jugendspiel einen eingewechselten Spieler gefragt, ob er weiß, wie es in Köln steht.“ Gelassener bleibt er offenbar nur zweimal in der Saison. Dann schaut er mit den Köln-Fans Bernd Bemboom und Holger Cohnen sowie dem ehemaligen Biener Platzwart Bernd Roth, einem eingefleischten HSV-Anhänger, das Duell beider Klubs an. Fast immer im Fernsehen, dreimal im Kölner Rhein-Energie-Stadion.

Vor Ort war Wefers, der fast alle Heimspiele des SV Meppen in der Zweiten Liga gesehen hat, auch beim ersten Pflichtspielvergleich zwischen Köln und dem SVM am 1. Dezember 1990. Er hatte mit seinem Arbeitskollegen Martin Schomaker zwei Busse organisiert. Die emsländischen SVM- und FC-Fans standen friedlich zusammen. Mit dabei: Wefers hölzerner Geißbock Hennes. Ein Hochzeitsgeschenk seiner Arbeitskollegen, die ihm eigentlich ein lebendes Tier schenken wollten. Köln siegte 1:0 durch ein Tor von Frank Greiner. Das Plakat zum Spiel hat Wefers später schriftlich beim damaligen Kölner Sportdirektor Udo Lattek angefragt – und auch bekommen. Es hat einen Ehrenplatz im Biener Geißbockheim. Oben auf dem Plakat wird der letzte internationale Auftritt des Erstligisten gegen Bergamo angekündigt, unten das Duell mit dem SVM.

Als schade empfindet es Wefers, dass die emsländischen Spieler „kein Glück haben in Köln“. Michael Rensing lernte er schon als Jugendspieler beim TuS Lingen kennen, Thomas Bröker hat er einmal in Köln getroffen. Jetzt freut sich der 55-Jährige auf das zweite Pflichtspiel zwischen Meppen und Köln am 8. August im DFB-Pokal . Eine Karte hat er längst. „Das Herz für Köln, die Sympathien für Meppen“, lautet sein Motto. Jubeln wird er nur bei Treffern des Teams von Trainer Peter Stöger. Doch ganz leichte Zweifel bleiben ihm. Schließlich, auch daran erinnert sich Wefers, verloren die Domstädter vor fast genau 20 Jahren beim krassen Außenseiter Spielvereinigung Beckum nach Elfmeterschießen mit 3:4.

Wefers hat noch einen Traum, an dessen Erfüllung er kaum zu glauben wagt: Dass der 1. FC Köln in der Champions League spielt. Und wenn er die Königsklasse gewinnt, grinst er, dürfte Ortsbürgermeister Uwe Dietrich keine Probleme damit haben, die Straße, an der Wefers wohnt, in „Am Geißbockheim“ umzubenennen. In Biene gibt es ohnehin kaum jemanden, der nicht weiß, wo das emsländische Geißbockheim steht...