Ausgeklügelte Technik Für Kapitän Diesing ist 100-Meter-Schiff eine Nussschale

Von Jessica Lehbrink


Spelle. Bildschirme für die Navigation, dutzende leuchtende Knöpfe und viele kleine Hebel befinden sich auf der Armatur in Ursulas Steuerhauses. Die Dame ist ein Binnenschiff, das regelmäßig im Speller Hafen anlegt, um be- und entladen zu werden. Am Steuer sitzt Pedro Diesing, Kapitän und selbstständiger Schiffsführer aus Lingen.

„Eine kleine Nussschale“, nennt Diesing Ursula scherzhaft. Der erfahrene Binnenschiffer saß schon hinter Steuern noch größerer Wasserfahrzeuge. Dabei ist Ursula mit einer Länge von 100 Metern bereits das größte Binnenschiff, das seine Fahrten auf dem Dortmund-Ems-Kanal leistet. Mit einer Überlänge von fünf Metern benötigt das Tankschiff vom Typ C – dies steht als Abkürzung für den Begriff Chemikalie – sogar eine Sondergenehmigung. „Außerdem besteht eine Meldepflicht vor jeder engen Kurve und Pflicht zum Bordfunk“, erklärt Diesing.

Gefühl von Fernweh

Aufgrund der Größe und des Fassungsvermögens, darf das Binnenschiff zudem anstatt bei einem Tiefgang von 2,80 Meter lediglich auf einer bei 2,60 Meter abgeladen werden. „Das Fassungsvermögen ist so groß, dass wir knapp 69 Lkw beladen können“, sagt Diesing. An das Datum, an dem er zum ersten Mal auf einem Schiff anheuerte, kann sich der Lingener noch ganz genau erinnern. „ Das war der 5. Januar 1980 auf einem Segelschiff.“ Schon als er ein kleiner Junge war, zog ihm seine Mutter des Öfteren die Kleidung eines Matrosen an. „Außerdem hatte ich immer ein gewisses Gefühl von Fernweh“, erzählt der 52-Jährige. Ein Jahr später kam er dann zur Binnenschifffahrt.

Müdigkeit nach 14 Stunden

14 Stunden dauert eine Schicht als Binnenschiffsführer in der Regel. 14 Stunden, in denen er sich trotz Erfahrung stets konzentrieren muss. „Danach gehst du einfach nur in deine Bude und schläfst“, beschreibt es der Kapitän aus Erfahrung. Vier Schlafzimmer – das größte für den Kapitän – zwei für die Crew-Mitglieder und eines zum Ersatz, birgt die achtjährige Ursula. Hinzu kommen ein gemütlicher Wohn- und Ess-Bereich sowie eine voll ausgestattete Küche. Die Bezeichnung „ein zweites Zuhause“, liegt also nicht allzu fern.

Lebensefährtin an Bord

Genügend Zeit für private Dinge zu finden, gestaltet sich jedoch in diesem Beruf nicht immer einfach. Zumindest von seiner Lebenspartnerin ist Diesing nicht häufig getrennt, macht sie doch derzeit bei ihm eine Ausbildung zur Matrosin. Sein sechsjähriger Sohn ist mit dem Arbeitsplatz seines Vaters bestens vertraut. „Ich nehme ihn öfter mal mit. Er kann sich ganz gut beschäftigen“, sagt Diesing. Die Neugierde der Kinder siegt jedoch oft. Deshalb hat er auf seinen Kleinen, den er liebevoll „Baby-Bärchen“ nennt, sowie auf die Knöpfe, die zum Drücken verführen, stets ein wachsames Auge.

Genaues Kalkül

Dennoch: „Ein Binnenschiff ist kein Kindergeburtstag“, betont Diesing mehrmals. Abgesehen von einem monatlichen Mindest-Bruttoumsatz von 90.000 Euro, welches ein Schiff wie Ursula umsetzen muss, ist die Technik im höchsten Maße anspruchsvoll. Jedes Teil des Schiffes lässt sich von seinem Steuerhaus aus kontrollieren. Anlagen im Falle von Gasaustößen, Systeme zur Beheizung des Kraftstoffes, vor allem aber Generatoren und starke Motoren liegen unter Diesings Obhut. Allein der Motor im hinteren Teil des Schiffes hat eine Leistung von 1500 Pferdestärken. Hinzukommen Hydraulik-Systeme, wie beispielsweise für das Führerhaus. Sobald Ursula eine Brücke aufgrund der Höhe nicht unterqueren kann, ertönt ein schrilles Signal in Diesings „Kontrollzentrum“. „Per Knopfdruck lässt sich das Steuerhaus hoch und runter fahren“, erklärt er. Und auch beim Passieren einer etwa zehn Meter breiten Schleuse ist Fingerspitzengefühl gefragt: „Dabei habe ich zu beiden Seiten einen Platz von zehn Zentimetern. Aber das ist kein Problem“, sagt der geübte Binnenschiffer. Schließlich ist für ihn seine Ursula auch in der engen Schleuse nur eine „Nussschale“.