Alternativer Stadtrundgang Lena hat Angst, Klaus keinen Halt: Weihbischof besucht Lingener Sozialverbände


Lingen. Beeindruckt vom Angebot der Sozialverbände in der Stadt Lingen hat sich Weihbischof Johannes Wübbe während eines alternativen Stadtrundgangs im Rahmen seiner Visitationsreise im Dekanat Emsland-Süd gezeigt.

„Wenn Papa meine Mama schlägt, habe ich Angst“, steht auf dem Kinder-T-Shirt von Lena. Monika Olthaus-Göbel informiert zwischen dem Caritas-SKF-Haus und dem Amtsgericht über häusliche Gewalt. „Wir haben sehr viel mit dem Familien- und Strafgericht zu tun“, sagt sie und lässt die etwa 40 Personen teilhaben an der Gedankenwelt der 16-jährigen Mila: Papa schreit, es kracht, Mama wird diesmal nicht verletzt – Flucht vor dem Ehemann, Milas Vater, Zuflucht im Frauen- und Kinderschutzhaus.

54 Frauen im vergangenen Jahr aufgenommen

Körperliche und psychische Gewalt hat viele Gesichter. Schlagen, würgen, treten, beschimpfen, beleidigen und kontrollieren erleiden Betroffene. 54 Frauen jeglichen Alters, allein oder mit Kindern, fanden im vergangenen Jahr Aufnahme und Schutz. Sie erhalten vielfältige Beratung, werden unterstützt in allen Bereichen, bleiben für einen Tag oder mehrere Monate. Rund um die Uhr ist das Frauen- und Kinderschutzhaus erreichbar, 15 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen helfen.

Tendenz: leicht steigend

317 Opfer wurden 2016 durch die Polizei an die Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt (BISS) übermittelt. Kinder als Opfer oder Zeugen von häuslicher Gewalt leiden sehr darunter und können sich jederzeit an den SKF wenden. In einem Gruppenangebot sollen Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren die Möglichkeit erhalten, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. 50 bis 60 Aufnahmen verzeichnet das Frauenhaus jährlich, mit leicht steigender Tendenz, „wozu auch Flüchtlingsfrauen gehören“, erläutert Olthaus-Göbel.

Der Weg zurück für Obdachlose

Ein paar Meter entfernt im Park liegt der „Kölsche Jung Klaus“ auf einer Bank. Julia Gebbeken und Niels Freckmann von der Wohnungslosenhilfe des SKM konnten ihn trotz der Hitze überreden, mit zum Korczak-Haus an der Rheiner Straße zu kommen, wo er eine Woche bleibt. Er hat mit dem bürgerlichen Leben gebrochen, den Weg zurück findet Klaus erst mit Hilfe des SKM. „Etwa 400 Menschen kommen jährlich zu uns“, sagt Niels Freckmann, der anhand dieses Beispiels das Leben der Obdachlosen erläutert. Unbürokratische Hilfe und erste notwendige finanzielle und gesundheitliche Versorgung erhalten sie. „Aktuell sind es 20 Personen, die nicht mehr auf der Straße leben wollen und einen Wohnraum suchen“, sagt Julia Gebbeken. Immer mehr junge Menschen zählten dazu, der Anteil von Frauen steige ebenfalls. Keine Wohnung, keine Arbeit, kein Geld, Flucht in den Alkohol- und Drogenkonsum, Isolation, physische und psychische Krankheiten sind Ursachen und Auswirkungen. Klaus will wieder Fuß fassen, viele aber nicht.

Guter Start ins Leben

Einen guten Start ins Leben und frühe Hilfen bieten Daniela Kaß und Stephanie Lüßling vom SKF Lingen sowie Marianne Wiggering und Anja Schumacher als Familienhebammen an. Vor dem Bonifatius-Hospital berichten sie von ihren Bemühungen, der praktischen Arbeit, den Kindern, Eltern und Familien einen „positiven Start ins Leben“ zu ermöglichen. Manche Eltern seien in gewissen Situationen mit ihren Säuglingen überfordert, hätten Partnerschaftsprobleme oder Geldsorgen. Schwangerschaftsberatung, Hilfe jeglicher Art nach der Geburt sowie praktische Unterstützung zählen zu den ehrenamtlichen Aufgaben zugunsten von momentan 16 Familien dazu. Die Familienhebammen sind für den gesamten Landkreis im ersten Lebensjahr zuständig. „Als Familienhebammen haben wir die ganze Familie im Blick“, sagt Anja Schumacher.

Hilfe beim Einkauf

Über den mobilen Einkaufswagen des Malteser-Hilfsdienstes berichtet Dienststellenleiter Norbert Hoffschröer. „Wir verbessern damit die Mobilität vieler Senioren“, betont Bernhard Albertz. Donnerstags mit bis zu sieben Personen einkaufen und Arzttermine wahrnehmen zählen zu den ehrenamtlichen Angeboten der Fahrer und Begleitpersonen. Über Spenden werde diese Hilfe finanziert und sei eine Ergänzung zu den anderen Malteser-Diensten. Mitglied müsse man nicht sein, der mobile Einkaufswagen stehe allen zur Verfügung, hieß es.

Lebensfreude schenken

Sarah und Daniel gehören zum Projekt „U 25-Emsland“ der Caritas. Im vorgetragenen Gedicht ist die Rede von Antriebs- und Ausweglosigkeit, von Schmerzen, Kälte, Dunkelheit, einem schwarzen Loch, das den suizidgefährdeten Menschen immer tiefer in sich hineinzieht, ihn nach außen hin nur noch als Maske lächeln lässt. U25-Projekt ist ein Online-Suizidprävention: Es ist ein ehrenamtliches Beratungsangebot von Jugendlichen für Jugendliche und junge Erwachsene. Sie begleiten Gleichaltrige, die sich in einer Krise befinden, und wollen Lebensfreude zurückgeben. „Wir würden gerne Lebensfreude von Ihnen sammeln“, sagt Katrin, und reicht kleine Leinwandtafeln an die Gruppe. Diese Tafeln mit den Aussagen werden in Lingen ausgestellt und später an neun weiteren Standorten von Hamburg bis Bayern. Seit 15 Jahren gibt es U 25, und seit sechs Jahren ist die Caritas als großer Partner dabei.

Hohe Spielhallendichte

Vor einer Spielhalle berichtet Mariette Köhler, Suchttherapeutin- und Beraterin, über Suchterkrankungen, ihre Auswirkungen und lenkt den Blick auf das „pathologische Glücksspiel.“ Die Fachambulanz für Suchtprävention und Rehabilitation motiviert und begleitet Frauen und Männer, aus der „schambelegten Sucht“ herauszukommen. Der Altersdurchschnitt liege bereits bei 27 Jahren. Die Spielhallendichte in Lingen sei hoch. Sie hoffe, dass die Umsetzung des Glücksspielhallenstaatsvertrages sich positiv auswirken werde. und sie hoffe, dass die Umsetzung des Glückspielhallenstaatsvertrages sich positiv auswirken werde. Folge sei, dass einige Spielhallen ihre Konzession verlieren würden..

In den Räumen des Freiwilligen-Zentrums berichtet SKM-Geschäftsführer Hermann-Josef Schmeinck vor allem über die Flüchtlingshilfe und das Freiwilligenmanagement, bevor Holger Berentzen ein Resümee dieses Stadtrundganges zieht. „Wir sind als Kirche gemeinsam unterwegs“, betont er als Dekanatsreferent und Stadtpastoral. Berentzen erhält ein sehr positives Echo, über das sich Geschäftsführer Marcus Drees vom Caritasverband für den Landkreis Emsland sowie Weihbischof Johannes Wübbe sehr freuen. Der Weihbischof dankt den Initiatoren, doch „vor allem aber danke ich denjenigen, die hinter diesen Institutionen stehen, die uns heute vorgestellt wurden. Wir haben heute ein starkes Stück Kirche kennengelernt, das für die Menschen da ist.“

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