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Seelsorge im Hümmling-Hospital Sögel: Glücksgefühle gibt es auch am Sterbebett

Von Juliane Horn | 09.01.2015, 09:24 Uhr

So unterschiedlich die Menschen in ihrem Charakter sind, auf so verschiedene Weise gehen sie mit dem Sterben um. Im Hümmling-Hospital in Sögel ist Seelsorger Michael Strodt dafür da, die Patienten der Palliativstation auf ihrem Weg zu begleiten.

„Glücksgefühle gibt es auch am Bett eines sterbenden Menschen.“ Diese Erfahrung hat Strodt bei seiner Arbeit auf der Palliativstation des Krankenhauses schon des Öfteren gemacht. Denn wer unter einer fortgeschrittenen, unheilbaren Krankheit leidet, wisse die Kostbarkeit von Augenblicken oft mehr zu schätzen, erzählt der 49-jährige Seelsorger.

In psychisch belastenden Situationen ist der Pastoralreferent seit zwei Jahren der erste Ansprechpartner sowohl für Patienten als auch für Mitarbeiter der Klinik. Besonders auf der Palliativstation, wo es häufig zu emotionalen Momenten kommt, unterstützt er Patienten und ihre Angehörigen durch seelsorgerische Gespräche. Damit ergänzt Strodt die Behandlung der Pflegekräfte und Ärzte, die auf die Linderung der Krankheitssymptome abzielt.

Um zu reden, kommt der Seelsorger ans Bett oder in die Angehörigenzimmer. Ihre Konfession spielt für Strodt dabei keine Rolle. In der Regel besucht er alle Patienten, die auf der Palliativstation liegen – es sei denn, sie möchten es ausdrücklich nicht. Die Termine macht er individuell nach Bedarf aus. Dabei ist der Seelsorger immer auch auf die Einschätzung der Pflegekräfte über den Patienten angewiesen. „Auf der Station kriegen sie am meisten mit. Sie merken, wo es Probleme gibt, die besprochen werden müssen“, erklärt er. Und genau dafür nimmt sich der Diplom-Theologe Zeit.

In den Unterhaltungen spiele vor allem das Zuhören eine wichtige Rolle. „Es sind keine therapeutischen Gespräche. Manchmal geht es auch einfach darum, gemeinsam zu schweigen“, erzählt Strodt. Auch nehme er den Betroffenen keine Entscheidungen ab, die getroffen werden müssen, sondern bespreche mit ihnen lediglich die Möglichkeiten. Sowohl Patienten als auch Angehörige seien sich in solchen Situationen meist bewusst, dass eben nicht alles wieder gut werde. „Das Leid und die Unerträglichkeit können wir aber gemeinsam aushalten“, fügt der 49-Jährige hinzu. Eine wichtige Grundlage für die Gespräche und somit für die Arbeit des Seelsorgers seien die Erfahrungen, die der Erkrankte in seinem Leben gemacht hat. Weiß der 49-Jährige darüber Bescheid, kann er in Gesprächen daran anknüpfen.

Wut und Lethargie

Immer wieder reagieren die Patienten auf der Palliativstation auf ihre Situation mit Wut oder Lethargie, wollen die fortschreitende Krankheit nicht wahrhaben oder aber leugnen, dass es ihnen schlechter geht. Wie Strodt darauf eingeht, ist von Patient zu Patient unterschiedlich: „Da gibt es kein Patentrezept. Das ist eine Herausforderung, der ich mich immer wieder stellen muss.“ Auch wenn es ähnliche Probleme sind, mit denen Patienten und Angehörige konfrontiert sind – etwa der Verlust der Selbstbestimmung –, so gebe es für den Seelsorger dennoch keine Routine. „Wenn es so weit kommt, würde ich aufhören, schon aus Respekt vor den Gesprächspartnern“, sagt der Sögeler.

Falls einmal doch ein Patient auf der Palliativstation verstirbt, obwohl er noch nach Hause entlassen werden sollte, so ist Strodt auch für die Angehörigen da. „Manchmal sitze ich mehrere Stunden mit ihnen zusammen.“ In solchen Momenten seien Rituale sehr hilfreich, um überhaupt etwas zu tun, wie etwa das gemeinsame Beten.

Obwohl manche Situationen selbst für den Seelsorger sehr belastend sind, so ist seine Arbeit dennoch „persönlich enorm bereichernd“, wie er sagt. Es sei das Vertrauen, dass die Menschen ihm schenken, die Zugewandtheit, die entsteht, und nicht zuletzt auch das Mitfühlen in leidvollen Situationen. Zwar sei auch für ihn ein Ausgleich im Privaten notwendig, allerdings sei er froh, dass es so ist. „Zum Patienten baue ich eine Sorge- und keine Kundenbeziehung auf“, begründet Strodt. Schließlich sei es das Wichtigste, dass die Menschen, bei denen nur noch die Symptome der unheilbaren Krankheit gelindert werden können, zumindest seelisch entlastet werden.

Der Palliativstützpunkt Sögel im Thema der Woche: Im ersten Teil erfahren Sie mehr über das Netzwerk für die palliative Versorgung. Im zweiten Teil erhalten Sie einen Einblick in den Alltag einer Fachkraft, die täglich mit schwerkranken und sterbenden Menschen zu tun hat. Außerdem erzählt eine Angehörige, wie der ambulante Palliativdienst sie und ihren Mann vor dessen Tod unterstützt hat. Im vierten Teil stand ein Hund im Mittelpunkt des Geschehens.