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Hümmling-Dorf im Visier Betrug mit „Kaffeefahrten“: Welche Rolle spielte Adresse in Börger?

Von Daniel Gonzalez-Tepper | 11.02.2017, 16:52 Uhr

Die kleine, beschauliche Hümmling-Gemeinde Börger (Samtgemeinde Sögel) ist ins Visier der Staatsanwaltschaft Gera in Thüringen geraten. Grund sind umfangreiche Ermittlungen, die mit Betrügereien bei sogenannten „Kaffeefahrten“ zu tun haben. Welche Rolle spielte dabei eine Postadresse in Börger?

Der Fall ist verworren und unübersichtlich, das bestätigt auch ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Gera. „Die Beweislage in dem Verfahren ist insbesondere im Hinblick auf die Frage, wer gehandelt hat, äußerst dünn“, heißt es aus Thüringen. Als gesichert gilt, dass bei seiner Ermittlungsbehörde, die eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Organisierter Kriminalität ist, ein Ermittlungsverfahren läuft, bei der eine Postadresse in Börger eine Rolle spielt. „Das Verfahren betrifft eine ,Ausfahrt‘ an die Talsperre Zeulenroda, die im Bezirk der Staatsanwaltschaft Gera liegt. Auf der hier betreffenden Einladung firmiert in der Tat eine Postfachanschrift aus Börger. Dabei entstand Schaden in Höhe von 2400 Euro“, teilte der Sprecher mit. Der Geschädigte stammt aus dem Vogtlandkreis in Sachsen.

Weil allerdings die Hintermänner des Betrugs sich sehr geschickt verhalten und auch Zeugen unterschiedliche Angaben gegenüber den Behörden gemacht haben, fürchtet der Sprecher, dass „das Geschehen bei der ,Ausfahrt‘ an die Talsperre Zeulenroda nicht mehr hinreichend genau rekonstruiert werden könnte“. Das bedeutet, die Hintermänner dürften ungeschoren davon kommen.

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Der Sprecher aus Gera bestätigte auch, dass in dem Fall auch andere Staatsanwaltschaften ermittelt haben oder noch ermitteln, nämlich in Hannover, Gießen, Oldenburg und Osnabrück. War also die Adresse in Börger Bestandteil eines bundesweit, groß angelegten Betrugs mit der „Kaffeefahrten“-Masche?

Dauer der Postfachnutzung unklar

Keine der ermittelnden Behörden konnte oder wollte mitteilen, wie lange die Adresse auf dem Hümmling genutzt wurde, um Post an potenzielle Opfer zu senden und Briefe von ihnen in Empfang zu nehmen. „Es gibt hier keine Erkenntnisse dazu, wie lange die besagte Adresse für Kaffeefahrtanwerbung genutzt wurde“, teilte beispielsweise der Sprecher der Staatsanwaltschaft Gera mit. Die Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim bestätigte auf Anfrage, dass sie im Auftrag der Kollegen aus Thüringen im Jahr 2016 das Postfach aufgesucht und geschlossen hatte. „Über das Postfach wurden Einladungen zu sogenannten Kaffeefahrten mit Gewinnversprechen verschickt. Inhaber dieses Postfachs war ein Niederländer, gegen den Verfahren wegen des Verdachts des Betruges eingeleitet wurden“, teilte ein Sprecher aus Lingen mit. Auch ihm sei nicht bekannt, wie lange die Adresse genutzt wurde.

Alexander Retemeyer, Sprecher der Staatsanwaltschaft in Osnabrück, konnte lediglich allgemein mitteilen: „Sogenannte ,Kaffeefahrten‘ werden üblicherweise unter Verwendung diverser, häufig wechselnder Postfächer organisiert und im gesamten Bundesgebiet durchgeführt. Dabei traten in den vergangenen Jahren auch immer wieder Postfächer, unter anderem im Emsland, in Erscheinung.“

Warnung vor Teilnahme

Alle ermittelnden Behörden weisen auf die Gefahren und Rechte hin, die Verbraucher haben, sollten sie bei solchen vermeintlichen Vergnügungsfahrten über das Ohr gehauen worden sein. „Teilnehmern von Kaffeefahrten, die bei den Verkaufsveranstaltungen Waren kaufen, haben ein Verbraucherwiderrufsrecht, das sie ohne Angabe von Gründen ausüben können“, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Gera. Das Recht gilt bei außerhalb von Geschäftsräumen geschlossenen Verträgen und bei Fernabsatzverträgen. Gewerberechtlich müssen solche Verkaufsveranstaltungen als „Wandergewerbe“ angemeldet sein, was viele Veranstalter nicht tun.

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Von der Polizei Emsland heißt es: „Insgesamt kann man sagen, dass Kaffeefahrten und Verkaufsveranstaltungen mit Gewinnversprechen auch hier im Emsland und der Grafschaft Bentheim in Gaststätten durchgeführt werden.“ Genaue Zahlen liegen ihm aber nicht vor. Der Sprecher warnt: „Wir können Bürgern nur dazu raten, nicht an solchen Fahrten teilzunehmen und die Briefe sofort zu vernichten. In Zweifelsfällen sollten sich angeschriebene Adressaten an die örtliche Polizeidienststelle wenden. Sollten sich Personen, die an solchen Veranstaltungen teilgenommen haben, betrogen fühlen, sollten sie sich an die Polizei wenden und eine Anzeige erstatten.“ Bei diesen Veranstaltungen sei es in der Regel so, dass es ausschließlich um den Verkauf von überteuerter und qualitativ schlechter Ware gehe. Auch die versprochenen Gewinne gibt es nur in den seltensten Fällen. „Wir raten: Sprechen Sie mit Ihren älteren Angehörigen und weisen Sie diese auf die Machenschaften der Veranstalter solcher Kaffeefahrten hin“, so die hiesige Polizei.