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Artgerechtes Leben Letzte Heimat Sögel: Würdige Unterkunft für Tiere in Not auf dem Gnadenhof Melief

Von Manuela Kanies | 01.06.2012, 22:25 Uhr

Traurige Geschichten von Misshandlungen würden die Tiere auf dem Gnadenhof Melief in Sögel erzählen, wenn sie könnten. Doch auf dem idyllischen Bauernhof haben Hähne, Hunde, Katzen und viele weitere Tiere eine schöne Heimat gefunden. Ihre letzte.

Zara ist eine fröhliche, kleine Mischlingshündin. Sie begrüßt jeden Gast freundlich und schmiegt sich an seine Beine. Ihr kleiner Rollstuhl auch. Darin sind ihre Hinterbeine befestigt, die sie nach drei Bandscheibenvorfällen nicht mehr bewegen kann. Das tut ihrer Fröhlichkeit aber keinen Abbruch. Sie versteht ja nicht, dass ihre Besitzer sie lieber einschläfern lassen wollten, als die teure Operation zu bezahlen.

Die „schnelle Frida“ begrüßt keine Menschen, sondern schaut sie nur misstrauisch an. Das Schwein war ein Geschenk zum 40. Geburtstag und wurde dafür mit Farbe besprüht. Punkie, das Hängebauchschwein, fanden Helfer ausgesetzt an einer Straße. Über 1000 verwahrloste, misshandelte oder mit dem Tod bedrohte Tiere haben auf dem Gnadenhof Melief im emsländischen Sögel ihr Happy End gefunden, oder besser: ihre letzte Heimat. Marc Winters und Lothar Vermeulen geben den Tieren die Chance, in Ruhe ihr Leben artgerecht zu verbringen. Bis zum Tod.

Über 200 Hähne begrüßen lautstark den neuen Tag auf dem Gnadenhof. Nachts kommen sie in ihren Stall, um die Umgebung und die menschlichen Hausbewohner, Marc Winters und Lothar Vermeulen, nicht zu früh zu wecken. Die Aufnahme der Hähne sei für die beiden Holländer ein besonderes Anliegen, denn die Tiere werden als wertlos angesehen: Ihre Haltung ist schwierig aufgrund ihrer Lautstärke, mehrere Hähne und Hühner vertragen sich oft nicht. Überfordert mit der Haltung, werden die Tiere von ihren Besitzern in Wäldern ausgesetzt, mit dem Gedanken, sie könnten in einer natürlichen Umgebung überleben. „Das können sie nicht“, stellt Winters klar.

In abgetrennten Bereichen leben Hähne, Hühner, Katzen, Hunde, Enten, Gänse, Ziegen, Schweine, Schwäne, Schafe, Ponys und viele weitere Arten auf dem vier Hektar großen Gelände. Für die Wasservögel gibt es einen großen Teich, die Katzen haben ein eigenes Haus, die Hunde leben in verschiedenen Rudeln, Kaninchen toben sich in ihrem Hügel aus. Alle Tiere sind kastriert oder sterilisiert und werden regelmäßig geimpft. Auf den ersten Blick eine Bilderbuchidylle. Auf den zweiten Blick wird dem Besucher klar: Hier gibt es jeden Tag eine Menge Arbeit.

Besucher werden misstrauisch von der Krähe „Bodyguard“ beäugt. Egal, wohin man geht, sie beobachtet einen aus sicherer Entfernung. Gästen tut sie nichts, fliegt weg, wenn man sich ihr nähert. „Bodyguard“ sei ein Beispiel dafür, dass sich Tiere nicht mehr auswildern ließen, wenn sie einmal an Menschen gewöhnt seien. Warum die Krähe so heißt? „Sie beschützt mich“, erklärt Lothar Vermeulen. Er ist der Einzige, der „Bodyguard“ anfassen darf. Sogar auf seiner Schulter bleibt die Krähe sitzen. Der 36-Jährige hat sich in den Niederlanden zum Tierheilpraktiker ausbilden lassen und ist darüber hinaus noch Verhaltenstherapeut für Hunde und Katzen. Mit seiner Tierliebe fing die Geschichte des Gnadenhofs an. Nachdem er und Marc Winters einige Tiere bei sich zu Hause aufgenommen hatten, gründeten sie im Juni 2003 die Stiftung Melief in Rockanje an der holländischen Küste bei Rotterdam. Wobei Stiftung hier nicht die korrekte Übersetzung aus dem Niederländischen sei. „Stichting heißt eher Verein“, erklärt Marc Winters. Das Prinzip der Stiftung in den Niederlanden sei dem Prinzip des Vereins in Deutschland ähnlich, trotzdem seien viele Menschen erst einmal irritiert, wenn sie das Wort Stiftung in dem Zusammenhang hörten. Finanziert werde der Gnadenhof rein durch Spenden, so Winters.

Von der Arbeit auf dem Hof können sich Besucher samstags von 14 bis 16 Uhr selbst überzeugen. Dann wird ihnen das Gelände gezeigt. Obwohl alles täglich gesäubert wird, bleibt es nicht aus, dass die Gäste in der natürlichen Umgebung der Tiere rumlaufen. Sprich: auf ihren Hinterlassenschaften. Außerdem müssen Besucher damit klarkommen, dass die Tiere auch etwas kuschelig werden können. Wie der große weiße Ziegenbock, der gerne an der Kleidung kaut und dabei unschuldig aus seinen dunklen Augen blickt. Oder sich an einen schmiegt. Die gebogenen Hörner weisen dabei sanft in die Richtung, in die es gehen soll, und scheinen zu sagen: Du gehörst mir. „Er glaubt, er ist der Chef im Ring“, kommentiert Marc Winters sein Verhalten. Chef im Ring könnten aber auch die riesigen Schweine sein. Die enormen Tiere liegen entspannt in ihrem Stall und schlafen. Tun die was? „Heute nicht“, sagt Marc Winters und lacht. Solche Fragen kommen oft. „Einige Kinder, die uns besuchen, haben Angst, zu den Tieren zu gehen. Sie kennen das nicht, wollen sie nur in ihren Ställen oder Käfigen ansehen“, berichtet Winters. Traurig findet er das. Und er möchte dazu beitragen, dass die Menschen die Tiere in einer natürlichen Umgebung sehen. Und dass es nur Tiere sind, keine Gefährten. Zwar gehen Marc Winters und Lothar Vermeulen liebevoll mit ihnen um, verhätscheln sie aber nicht.

Zwischen den Hühnern laufen imposante Hähne herum, mit schwarz-weißem Gefieder, das geräuschvoll über den Boden schleift. „Das sind Truthähne. Die Kinder sagen dann nur, die kenne ich, hab ich schon gegessen“, berichtet der 40-Jährige. Tiere und Tierprodukte essen beide nicht mehr, sie sind Veganer. „Wir haben zu viel Elend gesehen“. Das personifizierte Elend steht auch zwischen den Hühnern rum: weiße Masthühner. „Die stehen nur so da, teilnahmslos, und picken rum“. Die anderen Hühner hingegen laufen in ihrem Areal zwischen den Katzen herum, sehen friedlich und zufrieden aus. Die Masthühner, erklärt Winters, seien noch sehr jung. Sie hätten Futter bekommen, das sie rasant wachsen lasse, damit sie schnell geschlachtet werden können. Aufgrund ihrer enormen Körperfülle haben sie meistens mit Herzproblemen zu kämpfen, so dass auch diese Hühner nicht lange leben werden, vermutet Winters. Auch, wenn sie teilnahmslos auf der Stelle stehen, sei ihre neue Heimat immer noch besser, als beengt mit hunderten anderen Hühnern im Stall auf ihren eigenen Exkrementen zu stehen. Immerhin: Jetzt weht ihnen noch einmal der Wind durchs Gefieder.

Dennoch drängt sich die Frage auf: Wie gehen die beiden damit um, wenn ein Tier stirbt? Sein Herz an jedes Tier zu hängen gehe natürlich nicht, dafür seien es schlicht zu viele, erklärt Winters. Dennoch würden den beiden Tierliebhabern einige ans Herz wachsen. Dann sei es nicht leicht, sie gehen zu lassen. Aber das Wissen, dass sie zum Schluss ein schönes Leben gehabt hätten und nun erlöst seien von teils schlimmen Leiden, mache es einfacher.

Bei aller Tierliebe müssen aber auch Grenzen gezogen werden: „Wir nehmen nur absolute Notfälle auf“, stellt Marc Winters klar. Die Kapazität des Hofes sei schon jetzt ausgelastet. Zum fehlenden Platz komme der Personalmangel. Winters und Vermeulen sind vom Verein für je 13 Stunden angestellt. Das reiche bei Weitem nicht aus. Daher arbeiten die beiden den Rest der Woche ehrenamtlich weiter: Der 36-jährige Lothar Vermeulen trägt dabei die Hauptlast der Tierversorgung. Freiwillige helfen bei der Fütterung und der Instandhaltung des Hofes. Marc Winters, gelernter Innenarchitekt, kümmert sich hauptsächlich um die Öffentlichkeitsarbeit sowie die Pflege der Homepages, eine auf Deutsch, eine auf Niederländisch und den  Facebook-Auftritt. Darüber hinaus gehe er noch arbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Zudem kümmert Winters sich um das Telefon, das täglich klingelt. „Ich habe folgendes Problem…“, so würden die meisten Anrufe beginnen, sagt der 40-Jährige. Und damit wollen die Menschen ihr Problem auf den Gnadenhof abwälzen. Doch der Hof sei kein Tierheim. Zwar versuche Winters, zu vermitteln und zu helfen, wo er könne. So kam zum Beispiel Plato, ein zwölfjähriger Rottweiler-Mischling auf den Hof. Er sei halb verhungert gewesen, spindeldürr und musste dringend kastriert werden, da er Hodenkrebs hatte. Ein Fall für den Gnadenhof, wo Plato wieder aufgepäppelt und medizinisch versorgt wurde. „Eine Achterbahn der Gefühle“ - so beschreibt Marc Winters das Gefühl, das die Arbeit auf dem Gnadenhof mit sich bringt. Welches Tier kann noch aufgenommen werden? Wo ist die Grenze? Fragen, die jeden Tag neu beantwortet werden müssen. Denn das Wichtigste sei immer das Recht der Tiere auf Leben.

Wer helfen möchte, kann das mit Spenden oder einer Tier-Patenschaft tun. Weitere Infos gibt es im Internet: www.gnadenhofmelief.de. Der Hof ist samstags von 14 bis 16 Uhr geöffnet.