Die ersten schliefen auf Strohsäcken Sögeler Marstall Clemenswerth peilt neuen Gästerekord an

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Sögel. 70 Jahre nach der Genehmigung, den Marstall der Schlossanlage Clemenswerth in Sögel für die kirchliche Bildungsarbeit nutzen zu dürfen, steuert die Jugendbildungsstätte Marstall Clemenswerth auf einen neuen Gästerekord zu. In einer sechsteiligen Serie stellt unsere Redaktion bis zum kommenden Samstag, 16. Juli 2016, die größere der beiden Einrichtungen ihrer Art der Diözese Osnabrück vor.

„Die Idee wurde aus den schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges geboren“, berichtet Marstall-Leiter Christian Thien. Initiator war der damalige Sögeler Pfarrer Georg Wolters. Die ersten Gäste in dem ehemaligen Pferdestall des Jagdschlosses aus dem Jahr 1737 schliefen seinerzeit noch auf Strohsäcken. Das Kursangebot umfasste unter anderem Exerzitien, Jugendseelsorge, Krankenpflegekurse, Gitarrenkurse sowie Lehrgänge für Polizisten und Soldaten.

Öffnung ohne Lehrplan

„Heute sind wir viel pädagogischer unterwegs und eine moderne Jugendbildungsstätte“, erklärt Thien. 1968 ging der Marstall von den arenbergischen Herzögen in den Besitz des Bistums über. Drei Jahre später wurde das Gebäude durch einen großen Anbau mit zweigeschossigen Bettentrakten erweitert. „Seit den 70er Jahren kann man auch von einer Jugendbildungsstätte sprechen“, sagt Thien, der die Einrichtung seit Dezember 2012 leitet. Die Ausrichtung sei heute zwar noch immer auch religiös, „aber wir sind modern aufgestellt und decken unterschiedliche Bildungsbereiche ab“. Die Religionspädagogik habe sich weiterentwickelt. „Wir können heute von Gott sprechen, ohne ihn gleich verordnen zu müssen“, betont Thien.

Der Marstall versteht sich als ein Ort der Bildung, Begegnung und Gemeinschaft. Das Angebot unter dem Motto „(er-)leben und begegnen“ reicht von Schulgemeinschaftstagen über Erlebnispädagogik, Bildungs-, Ferien- und Familienfreizeiten (auch inklusiv), jugendpastorale Schwerpunkte und musikalische Förderung bis hin zum Spektrum der Integration und Willkommenskultur. „Hier werden Räume geöffnet – und zwar ohne Lehrplan“, betont Thien. „Wir sind schließlich keine Schule.“

Das Haus bietet 120 Betten (in Ein- bis Vier-Bett-Zimmern), sechs Seminarräume mit 15 bis 80 Plätzen sowie mehrere Kleingruppenräume. Zum Marstall gehört außerdem eine eigene Kapelle. Zum Mitarbeiterteam zählen 35 Festangestellte (in Voll- und Teilzeit), ein Bildungsteam von sechs Pädagogen, 60 nebenamtliche Schulungsteamer sowie zahlreiche Ehrenamtliche.

Finanziell gefördert wird die Einrichtung durch das Bistum Osnabrück. Die Höhe der Fördersumme möchte Thien nicht in der Zeitung lesen. Ziel sei, dass die Preise für die Gäste erschwinglich bleiben – beispielsweise auch für benachteiligte Jugendliche. Der aktuelle Tagessatz für Schüler und Jugendliche beträgt 23,50 Euro, bei Erwachsenen sind es 33,50 Euro.

Abenteuer für Jungen

Mit 10.245 Teilnehmern, die im Schnitt zweieinhalb Tage geblieben sind, hat der Marstall Thien zufolge im vergangenen Jahr einen neuen Rekord registriert. „Wir hatten knapp 2000 Übernachtungen mehr als 2014“, sagt der Marstall-Leiter. Thien führt das zum Einen auf die Erhöhung der Bettenkapazität (18 in den vergangenen drei Jahren) zurück. „Wir haben uns aber auch noch breiter aufgestellt, unser Angebot beispielsweise durch Abenteuertage ganz speziell nur für Jungen oder die Verknüpfung mit dem Hümmlinger Pilgerweg vertieft und unsere Öffentlichkeitsarbeit intensiviert.“ Nach den ersten sechs Monaten dieses Jahres deutet sich Thien zufolge an, das der Rekord erneut gebrochen wird. Die aktuelle Auslastung auch bei den Angeboten für Kinder und Jugendliche spreche für ein großes Grundvertrauen der Eltern gegenüber unserer Einrichtung.

Ein ganz wichtiger Partner sei zudem der Kreissportbund Emsland (KSB) mit Sitz in Sögel. Der KSB führt jährlich rund 400 Kurse im Marstall durch.

Die Vorsitzende des Marstall-Trägervereins, Sögels Bürgermeisterin Irmgard Welling (CDU), lobt das Wirken von Thien und seinem Team. „Sie warten nicht, bis jemand kommt, sondern entwickeln selbst immer wieder Projektideen“, betont Welling.

Weitere Infos und Kontakt: Telefon 0 59 52/20 70, E-Mail: info@marstall-clemenswerth.de , www.marstall-clemenswerth.de


Gegen die Bedenkendes Generalvikars

Die Geschichte der Jugendbildungsstätte Marstall Clemenswerth in Sögel ist eng mit Pfarrer Georg Wolters verknüpft. Auf seine Initiative vermietete der Herzog von Arenberg als Patron der Pfarrei im August 1946 trotz großer materieller Not in der Nachkriegszeit und der Bedenken des Generalvikars eine Hälfte des Marstalls für kirchliche und karitative Zwecke.

„Da die verflossene Zeit eine mangelhafte Erziehung und Betreuung der Jugend mit sich brachte und diese den Eltern sehr am Herzen liegt, … stellt die Arenberg Meppen Grundbesitzverwaltung zur Förderung des Erziehungswesens das ihr gehörende Hauptgebäude des sog. Marstalles zu Clemenswerth zur Verfügung“, heißt es in der Präambel des Mietvertrages.

Wolters war als Kaplan von 1992 bis 1937 Leiter der Rektoratsschule in Sögel. Beim Einzug der alliierten Streitkräfte im Frühjahr 1945 rettete er den Ort gemeinsam mit Bürgermeister Josef Möhlenkamp vor der totalen Zerstörung.

Das halbrunde Marstall-Gebäude ist der ehemalige Pferdestall des Jagdschlosses Clemenswerth aus dem Jahr 1737. Nach dem Tod des Kurfürsten Clemens August (1700–1761) wurde die barocke Schlossanlage unter den folgenden Fürstbischöfen kaum genutzt. Durch die Säkularisierung ging Clemenswerth 1803 in den Besitz der arenbergischen Herzöge über. Teile des Marstalls dienten später als Wohnraum sowie als eine private höhere Knabenschule (1834–1887).

Von 1932 bis 1935 beherbergte das Haus den freiwilligen Arbeitsdienst, bis 1940 den Reichsarbeitsdienst. Danach wurden dort polnische Kriegsgefangene untergebracht. Weil das Heimatmuseum im Ludmillenhof 1943 einer NS-Schulungsstätte weichen musste, wurde es ins Dachgeschoss des Marstalls verlagert. Nach Kriegsende waren die Schlossalleen mit Zelten für kranke polnische und sowjetische Kriegsgefangene und Überlebende der Konzentrationslager gefüllt. Das Pflegepersonal wohnte im Marstall.

Am 9. August 1946 bekam Pfarrer Wolters die Genehmigung, den Marstall für die kirchliche Bildungsarbeit nutzen zu dürfen. Mitte August 1948 wurden das neue Bildungshaus und die Kapelle nach einem Umbau eingeweiht. 20 Jahre später ging der Marstall in den Besitz des Bistums Osnabrück über. (gs)

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