Patienten stehen Schlange „Ärzteversorgung im Hümmling vor dem Kollaps“

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Schreibtischarbeit: Über seine Tätigkeit als behandelnder Arzt hinaus sieht sich der Sögeler Allgemeinmediziner Max-Reinhard Steuber vielfältigen Verwaltungsaufgaben in seiner Praxis gegenüber, die er eigenen Worten zufolge meist per „Nachtschicht“ erledigt.Foto: Klaus DieckmannSchreibtischarbeit: Über seine Tätigkeit als behandelnder Arzt hinaus sieht sich der Sögeler Allgemeinmediziner Max-Reinhard Steuber vielfältigen Verwaltungsaufgaben in seiner Praxis gegenüber, die er eigenen Worten zufolge meist per „Nachtschicht“ erledigt.Foto: Klaus Dieckmann

Sögel. Der Sögeler Hausarzt Dr. Max-Reinhard Steuber (60) sieht die Grenze des Erträglichen überschritten. Auch in Verantwortung für seine Patienten will er nicht länger schweigen: „Die Ärzteversorgung auf dem Hümmling steht vor dem Kollaps.“

Steuber hat eine harte Woche hinter sich: Mehr als 300 Patienten fanden in den vergangenen fünf Tagen den Weg in seine Praxis. An einem Tag hätten Frauen, Männer und Kinder bis draußen vor der Tür Schlange gestanden, berichtet er. „Die Arzthelferinnen hätten geradezu Unmenschliches geleistet, um den Patientenansturm aufzufangen“, lobt Steuber das Team seiner sechs medizinischen Fachangestellten.

Von seinem eigenen Arbeitspensum spricht der Landarzt nicht. Nur so viel: Aufgrund des Urlaubs einer Reihe seiner Kollegen habe er sich in Sögel nahezu „mutterseelenallein“ gefühlt. Mit Steuber sind ansonsten in dem Ort sechs Hausärzte in drei Praxen tätig.

Das liest sich auf den ersten Blick recht gut. Aber bereits im Frühjahr werde ein Allgemeinmediziner seine Praxis komplett schließen. Zwei weitere Kollegen trügen sich angesichts ihres Alters ebenfalls mit dem Gedanken, in absehbarer Zeit in den Ruhestand zu gehen, zeigt Steuber auf.

Die Lücke könne auch nicht die für Mitte 2014 angekündigte Modellarztpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) schließen. Und mit einem Blick auf die Nachbarkommunen auf dem Hümmling stellt Steuber fest, dass es in den Samtgemeinden Werlte und Nordhümmling auch nicht besser aussehe als in der SG Sögel. Reihum stünden Praxen vor der Schließung, da die aus Altersgründen ausscheidenden Ärzte keinen Nachfolger finden würden.

Die Statistik der KVN-Bezirksstelle Aurich, die für den Altkreis Aschendorf-Hümmling zuständig ist, spricht zwar bei 55 Hausärzten von einem Versorgungsgrad von 95 Prozent. Doch darin mit einbezogen sei die Stadt Papenburg, die über eine gute Hausarztdichte verfüge, rückt Steuber die Zahlen grade. In den Landgemeinden würden die Menschen den Mangel an Hausärzten vor Ort bald in drastischer Weise zu spüren bekommen.

Mehr als 3000 Frauen, Männer und Kinder umfasst der Patientenstamm von Steuber. Pro Woche registriert er in seiner Praxis im Durchschnitt gut 200 Patienten. Hinzu kommen um die 20 Hausbesuche. Ein Aufgabenpensum, das der Allgemeinmediziner als durchaus zu bewältigen einstuft – wäre da nicht der „Wahnsinn an Bürokratie“, dem er sich zusätzlich gegenübersehe.

Überwiegend in „Nachtschicht“ bewältigt der Sögeler Arzt („Es ist ein Wust“) die Erstellung von Gutachten und Dokumentationen sowie das Bearbeiten von Anträgen und Versicherungsanfragen. Und selbst dann fehlt ihm über den Tag noch die Zeit, sich so den Anliegen der Patienten zu widmen, wie er es sich eigentlich wünschen würde. „Die sprechende Medizin ist eingeschlafen“, diagnostiziert Steuber. Selbst für ein kurzes Gespräch fehle oftmals die Zeit – der nächste Patient wartet schon.

Seine Kollegen sähen sich dem gleichen Druck gegenüber: Zeitfenster für Behandlungen, Budgetierung der Kosten für Medikamente, die verschrieben werden, sowie generelle Vorgaben zur Honorarabrechnung. Bis 1300 Patienten pro Quartal können die Hausärzte 40 Euro pro Patient geltend machen. Danach sinke der Satz stufenweise so tief, dass eine Behandlung von unternehmerischer Warte aus gesehen nicht mehr zu vertreten sei, rechnet Steuber vor.

Doch er wolle „die Menschen nicht auf der Straße stehen lassen.“ So nehme er – im Gegensatz zu manchem Kollegen – weiterhin auch noch neue Patienten auf. Um die wachsenden Anforderungen zu bewältigen, stehe er in Verhandlungen zur Beschäftigung eines Weiterbildungsassistenten. Die Perspektive ist, mit dem jungen Arzt künftig eine Gemeinschaftspraxis zu bilden. Damit wäre Sögel um einen Hausarzt reicher.

Steuber, der in diesem Jahr den 60. Geburtstag feierte, kann sich vorstellen, noch zehn Jahre zu praktizieren. „Ich bin trotz aller Widrigkeiten mit Leib und Seele Arzt“, verweist er auf eine inzwischen 33-jährige Tätigkeit. Und er möchte auf seine Art auch Vorbild sein für junge Mediziner, Landärzte zu werden.


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