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Landkreis: Alles rechtens Das Zuhause der Eimermenschen: Ausländische Schlachter leben in Sögel auf Baustelle

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<em>Eine Baustelle</em> als Zuhause: Hier leben mindestens 54 Menschen. Satellitenschüsseln und ausländische Autos sind den Bewohnern von Sögel ein Zeichen: Hier wohnen Eimermenschen.Eine Baustelle als Zuhause: Hier leben mindestens 54 Menschen. Satellitenschüsseln und ausländische Autos sind den Bewohnern von Sögel ein Zeichen: Hier wohnen Eimermenschen.

Sögel. Sie sind ins Emsland gekommen, um zu schlachten. Um mehr Geld zu verdienen als in ihrer Heimat irgendwo im Osten Europas. Eimermenschen werden die ausländischen Schlachthof-Arbeiter in Sögel genannt. Sie töten Schweine, zerlegen die Tiere. Nach Feierabend gehen sie zurück in ihre Unterkünfte. Irgendwo in Sögel leben sie. Manchmal unter fragwürdigen Bedingungen.

Massenunterkünfte? Nein, die gebe es in seiner Samtgemeinde nicht. Bürgermeister Günter Wigbers (CDU) ließ vor einer Woche keine Zweifel aufkommen. Sögel, einer der größten Orte auf dem Hümmling. Bekannt für das Schloss Clemenswerth, aber genauso für den Schlachthof Weidemark. Ein schmuckes Dorf, wirtschaftlich gesund – wohl auch dank des Großschlachthofs. Er prägt den Ort. Durch die Viehtransporte, die voll ankommen und leer wieder fahren, aber auch durch die Eimermenschen. So werden die ausländischen Schlachter im Ort genannt. Vermutlich über 800 leben in und um Sögel.

Wenn ihre Schicht beginnt, dann ziehen sie mit weißen Plastikeimern voll mit einem Schlachtermesser und Arbeitskleidung zum Schlachthof. Dort arbeiten sie zwar, angestellt sind sie aber bei Subunternehmern, die dafür Geld von Weidemark bekommen. Werkvertrag nennt sich das. Mittlerweile Usus in der Fleischindustrie mit ihrem enormen Preisdruck.

Nach Schichtende geht es für die meisten zurück in den Ort. In Sögel weiß man, wo die Schlachter wohnen, wo sie von ihren Subunternehmern untergebracht werden. Viele Satellitenschüsseln, Kabel, ein Auto mit Kennzeichen aus Polen, Rumänien, Ungarn oder Bulgarien. „Hier wohnen die Eimermenschen“, heißt es dann.

Sprachkurse finanziert

Keinesfalls sind die Unterkünfte immer schlecht: Einfamilienhäuser oder Apartments im Wohnblock. Der Garten ist nicht immer gepflegt, aber wozu auch? Die Schlachter kommen zum Arbeiten nach Deutschland. Manchmal bringen sie gleich ihre Familie mit. Für sie gibt es Angebote, etwa Sprachkurse, die der Schlachthof mitfinanziert.

Ein Idyll und ein gelungenes Beispiel für Integration. So der Eindruck, wenn man sich mit Bürgermeister Wigbers unterhält. Manchmal komme es vor, dass Wohnungen nicht in Ordnung seien, geben Samtgemeinde und Landkreis zu. Aber sie seien bemüht, solche Missstände abzustellen. Regelmäßig würden sich die Verantwortlichen von Behörden, Schlachthof und Subunternehmen treffen.

Doch nach ersten Veröffentlichungen unserer Zeitung zum Thema Unterbringungen von Werkvertragsarbeitern häuften sich die Meldungen aus Sögel: „Schauen Sie doch mal dort“, oder: „Gucken Sie doch mal hier.“ Es waren Bürger, die die Auffassung ihres Bürgermeisters nicht teilten, es gebe keine Massenunterkünfte. Immer wieder fiel ein Name: das alte Hotel Lucull. Viele kennen es noch aus besseren Tagen. Mittlerweile ist es in Besitz eines Unternehmens aus Hannover. Mal parken elf Autos davor, mal 15. Allesamt mit ausländischen Kennzeichen. Sögeler wissen: Hier wohnen Eimermenschen.

Die Tür steht offen. 54 Namen sind an den Briefkasten geklebt. Wer die Räume betritt, muss aufpassen, wo er langgeht: Bauschutt, Kabel, die von der Decke hängen. Die Tapeten in den Fluren sind abgerissen, der Teppichboden verdreckt. Es ist eine Baustelle, aber dem ersten Eindruck nach kein Zuhause für 54 Menschen.

Doch genau dafür wird das alte Hotel genutzt. Vom langen Gang gehen in regelmäßigen Abständen Türen ab. Dahinter wohnen die Schlachter, einige mit Partnerin, sodass weit mehr als 54 Menschen hier leben müssen. Der kurze Blick durch einen Türspalt: ein Bett, ein Tisch, mehr nicht. Von der Decke hängen Styroporplatten. Oder besser gesagt die Reste davon. Ein Mann mit einem Topf voll Wasser in der Hand deutet auf eine Zimmertür. Dahinter soll der Hausmeister wohnen.

Er könne kaum Deutsch, sagt der, zückt sein Handy und ruft den „Chef“ an. Der hat keine Verständigungsschwierigkeiten. Das Hotel sei gerade in der Umbauphase. Aber drinnen sei „alles in Ordnung“. Wie viel Miete die Bewohner zahlen, will er nicht verraten. Währenddessen kommen mehr Männer mit Töpfen um die Ecke. Wo die hinwollen? In die Küche, sagt der Hausmeister. Eine Küche für 54 Menschen. Mindestens.

Nachfrage bei der Firma in Hannover. Hier werden die Zustände zunächst geleugnet. „Da ist keine Baustelle“, sagt die Geschäftsführerin. Erst auf Nachfrage und konfrontiert mit den Zuständen, erklärt sie: Es werde gerade beim Brandschutz nachgerüstet. Das habe eine Behörde angeordnet. Welche, da scheint sie nicht ganz so sicher, angeblich die Samtgemeinde Sögel.

Landkreis: Alles rechtens

Stimmt das? Anruf bei Günter Wigbers. Schriftlich erklärt er, er wisse, dass dort 54 Bewohner in 32 Räumen leben. Die Kontrolle aber müsse durch den Landkreis Emsland durchgeführt worden sein, die übergeordnete Behörde.

Anfrage beim Landkreis: „Am 18. Oktober hat ein Brandschutzbeauftragter das Gebäude überprüft. Es handelte sich hierbei um eine Brandschau aufgrund einer Meldung der Samtgemeinde Sögel“, teilt die Sprecherin mit. Verschiedene Mängel seien festgestellt worden und müssten bis zum Jahresende abgestellt werden. Dann finde noch mal eine Ortsbegehung statt.

Ob es rechtens sei, dass Menschen auf der Baustelle leben? „Die Mängel führen nicht dazu, dass das Gebäude nicht bewohnt werden kann.“ Auf eine Feststellung legt die Behörde aber Wert: „Es sei hier besonders betont, dass es dem Landkreis wichtig ist, dass die Arbeiter in geeigneten Unterkünften leben können.“ Und wenn es Hinweise gebe, dann werde kontrolliert.

Darauf beharrt auch Wigbers. Er teilt mit: In welchem Zustand sich das Gebäude aktuell befinde, wisse er zwar nicht. „Wir werden das aber prüfen und nicht wegsehen. Unhaltbare Zustände dulden wir nicht.“ Was ihn wütend macht: „Es gibt gesetzliche Regeln dafür, wie viele Hähnchen auf einem Quadratmeter gehalten werden dürfen.“ Nur für Wohnungen privater Anbieter gebe es derzeit keine verlässlichen Grundlagen. Ein Problem. Nicht nur in Sögel. Auch andernorts wohnen die Eimermenschen.


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