Erinnerungen an den Mauerfall vor 30 Jahren Was Rudolf Seiters in der aktuellen Politik vermisst

Von Nils Kögler

Bilder wie dieses gingen um die Welt: Menschen auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor in der Nacht vom 9. auf den 10.11.1989. Foto: Peter Kneffel/dpaBilder wie dieses gingen um die Welt: Menschen auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor in der Nacht vom 9. auf den 10.11.1989. Foto: Peter Kneffel/dpa

Sögel. Mit mahnenden Worten für die Gegenwart haben maßgebliche Mitgestalter des Mauerfalls ihre Schilderungen der historischen Ereignisse vor 30 Jahren bei einer Veranstaltung in Sögel verknüpft.

Auf Einladung des Sögeler Europaabgeordneten Jens Gieseke waren Rudolf Seiters, damals Chef des Bundeskanzleramtes, sowie Werner Kuhn (alle CDU), der sich in der früheren DDR für die Bürgerbewegung Neues Forum engagierte, ins Rathaus Ludmillenhof gekommen. Gieseke, damals noch Schüler, habe am 9. November 1989 „ungläubig, fasziniert und hoffnungsvoll zugleich“ vor dem Fernseher gesessen, berichtete er. Die Einheit habe einen europäischen Rahmen gehabt. Deshalb erfülle es ihn mit „Wut, Trauer und Verzweiflung, dass einige den Weg Europas verlassen wollen“, mahnte der Europapolitiker in Bezug auf aktuelle politische Entwicklungen. 

Jens Gieseke. Foto: Nils Kögler

Durch das „Gespräch mit mehr als nur Zeitzeugen“ führte Moderatorin Carolin Könning. Seiters und Kuhn hätten die Politik ihrer Zeit wesentlich mitgestaltet, betonte Könning. 

Er sei in einer Besprechung im Kanzleramt gewesen, als er von der entscheidenden Nachricht erfuhr, erinnert sich Seiters. Abteilungsleiter Eduard Ackermann sei damals aufgeregt in die Sitzung geplatzt und habe mitgeteilt, die Mauer sei offen. „Ackermann, als ich noch Chef des Kanzleramts war, war Alkohol im Dienst noch verboten“, zitierte Seiters seinen Parteikollegen Wolfgang Schäuble, der damals ebenfalls an der Besprechung teilgenommen habe. 

(Seiters: In Prag wurde der erste Stein aus der Mauer gebrochen)

Nachdem sich Ackermanns Aussage jedoch als die Wahrheit herausgestellt hätte, sei Hektik ausgebrochen, berichtet Seiters. Unter anderem hätte Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich zu diesem Zeitpunkt in Warschau aufhielt, schnellstmöglich nach Deutschland zurückgeholt werden müssen. Einen Masterplan für die Wiedervereinigung habe man damals nicht gehabt, räumt der Papenburger ein. Dennoch sei es innerhalb kürzester Zeit gelungen, eine Regelung zu finden, was in Anbetracht der Tatsache, dass man keinerlei Vorbild für die Zusammenführung zweier Staaten gehabt hätte, eine beachtliche Leistung nicht nur von westdeutscher Seite, sondern auch der an den Verhandlungen beteiligten Volkskammer-Abgeordneten der DDR gewesen sei, erklärt Seiters.

Rudolf Seiters. Foto: Nils Kögler

„Es war eine Erlösung als die Mauer gefallen ist“, erklärt Werner Kuhn, der im Rahmen seines Engagements beim Neuen Forum das Leben in der DDR in einer öffentlichen Rede als unerträglich angeprangert hatte. Dass man überwacht wurde, sei ihnen natürlich bewusst gewesen, sagt Kuhn. Der Mauerfall habe ihm und seinen Mitstreitern also die Möglichkeit gegeben, Freiheit und Demokratie aufzubauen anstatt in die wahrscheinlich schon vorbereiteten Internierungslager zu kommen, berichtet Kuhn weiter. 

Revolution ohne Blutvergießen

Dass die Revolution letztendlich friedlich und ohne Blutvergießen verlaufen sei, habe man nicht nur den Leuten zu verdanken, die auf die Straße gegangen seien, sondern „auch denen, die auf der anderen Seite standen und besonnen waren“, gibt der 64-Jährige zu Bedenken. Dieser Umstand bewege ihn noch immer. „Wir können Gott danken, dass es ohne Blutvergießen gegangen ist“, stellt er sichtlich gerührt fest.

Werner Kuhn. Foto: Nils Kögler

Auch Seiters führt die friedliche Wende zum Teil auf die Staatenlenker zurück. Es habe ein Vertrauensverhältnis zwischen der deutschen Seite und dem Generalsekretär der kommunistischen Partei der damaligen Sowjetunion, Michail Gorbatschow, gegeben, erklärt Seiters. 

Was Nationalstaaten nicht können

Diese Vertrauensverhältnis vermisse er in der aktuellen Politik. Mit Persönlichkeiten wie den amtierenden Präsidenten Wladimir Putin (Russland) oder Donald Trump (USA) sei dies sehr schwierig, bemängelt der 82-Jährige. Auch innerhalb Europas sei man mittlerweile zerstritten und deshalb sei es „die wichtigste Aufgabe der Politik zu zeigen, dass die Nationalstaaten die Probleme dieser Welt nicht lösen können“, stellt Seiters fest und schlägt damit in die gleiche Kerbe wie Jens Gieseke. Dieser verbuchte den Abend als „lehrreich, informativ und auch überzeugend“.


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