Gewerkschaft schaltet sich ein Mitarbeiterin am Sögeler Schlachthof wehrt sich gegen Versetzung

Ihre Situation am Schlachthof in Sögel schilderten Cosmin Virgil Cazan und seine Ehefrau Adriana Cazan (rechts) der DGB-Beraterin Raluca-Florina Gheorghe. Foto: Christian BellingIhre Situation am Schlachthof in Sögel schilderten Cosmin Virgil Cazan und seine Ehefrau Adriana Cazan (rechts) der DGB-Beraterin Raluca-Florina Gheorghe. Foto: Christian Belling

Sögel. Adriana Cazan ist enttäuscht. „Dass man so mit mir umgeht, obwohl ich schon länger im Betrieb bin, trifft mich sehr“, sagt die 42-jährige Rumänin, die seit zweieinhalb Jahren mit ihrem Mann und ihrer 14-jährigen Tochter in Sögel lebt.

Bis Ende März war sie als Werkvertragsarbeiter bei einem Subunternehmen auf dem Sögeler Schlachthof Weidemark beschäftigt. Den Dienstleister verließ sie mit ihrer Kündigung auf eigenen Wunsch. „Ich hab es einfach nicht mehr ausgehalten.“

„Ich bin nicht mobil, mein Mann arbeitet hier und meine Tochter geht in Sögel zur Schule. Das geht doch nicht“Adriana Cazan über die kurzfristig angeordnete Versetzung

Um zu wissen was vorgefallen ist, ist ein Sprung acht Wochen zurück auf den 1. März erforderlich. An diesem Tag bekam Adriana Cazan schriftlich mitgeteilt, dass sie drei Tage später, am 4. März, ihre Arbeit in einer weiteren Betriebsstätte des Subunternehmers in Rheda-Wiedenbrück, gute zwei Stunden Fahrzeit mit dem Auto von Sögel entfernt, fortsetzen soll. Eine Begründung oder eine Angabe über die Dauer der Versetzung fehlten in dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt. „Ich bin nicht mobil, mein Mann arbeitet hier und meine Tochter geht in Sögel zur Schule. Das geht doch nicht“, zeigt sich die 42-Jährige erbost. 

„Viele Werkvertragsarbeiter trauen sich nicht, sich zu wehren, weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Auch spielt die Sprachbarriere eine Rolle. Diese Hilflosigkeit wird ausgenutzt“Raluca-Florina Gheorghe, Beraterin beim DGB-Projekt „Faire Mobilität"

Das ist auch Raluca-Florina Gheorghe, Beraterin beim DGB-Projekt „Faire Mobilität“. „Eine solch kurzfristige Versetzung, bei der zudem keinerlei soziale Belange berücksichtigt wurden, ist nicht rechtmäßig.“ Cazan wandte sich an die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die ein Schreiben an den Subunternehmer aufsetzte, mit der Forderung, die Versetzung zurückzunehmen. „Viele Werkvertragsarbeiter trauen sich nicht, sich zu wehren, weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Auch spielt die Sprachbarriere eine Rolle. Diese Hilflosigkeit wird ausgenutzt“, so Gheorghe, die von mehreren vergleichbaren Fällen berichtet. 

Von der Schlachtung in die Kuttelei - eine Strafversetzung?

Das Schreiben der NGG zeigte zunächst Erfolg. Das Subunternehmen zog die Versetzung zurück. Allerdings wurde Cazan unmittelbar darauf innerhalb des Betriebs in Sögel in eine andere Abteilung versetzt. War sie vorher jahrelang in der Schlachtung im Einsatz, sollte sie nun in der Kuttelei arbeiten. Eine Abteilung, in der die Reinigung der Därme vorgenommen wird und als eine schwere und belastende Tätigkeit gilt. „Für uns ist das eine Strafversetzung“, so Gheorghe. Einen Vormittag arbeitete Cazan in der Kuttelei, ehe sie den Dienst aus gesundheitlichen abbrach und in den Tagen darauf die Kündigung einreichte.

Vorwurf wird zurückgewiesen

Andre Vielstädte, Leiter Unternehmenskommunikation bei der Tönnies Lebensmittel GmbH, dessen Tochter Weidemark ist, weist den Vorwurf der Strafversetzung zurück. „Für uns stellen Schlachtung und Kuttelei vergleichbare Tätigkeiten dar“, sagt Vielstädte gegenüber unserer Redaktion.

„Das war nicht korrekt und wurde vom Dienstleister auch rückgängig gemacht“Andre Vielstädte, Leiter Unternehmenskommunikation bei der Tönnies Lebensmittel GmbH

Die kurzfristige angeordnete Versetzung sei hingegen nicht in Ordnung gewesen. „Das war nicht korrekt und wurde vom Dienstleister auch rückgängig gemacht.“ Eine höhere Planbarkeit für den Arbeitnehmer sei natürlich erforderlich. Die Versetzung nach Rheda-Wiedenbrück erfolgte nach seinen Worten aufgrund personeller Ausfälle in der dortigen Betriebsstätte und sei für eine Woche geplant gewesen. Von mehreren Fällen wie diesem wisse Vielstädte nichts. „Das war ein Einzelfall.“

"Keine Schikane, keine Ausbeutung, alles viel besser"Cosmin Virgil Cazan über seinen neuen Job in der Metallbranche

Für Adriana Cazan und ihren Ehemann Cosmin Virgil Cazan, der bis März 2018 über den gleichen Subunternehmer am Schlachthof in Sögel gearbeitet hat, ist der Fall abgeschlossen. Mit der Fleischindustrie wollen sie nichts mehr am Hut haben. "Wir wollen unseren Stolz nicht verkaufen", stellt der 40-Jährige klar. Er hat einen Job in der Metallindustrie gefunden. "Keine Schikane, keine Ausbeutung, alles viel besser", sagt der Rumäne. Seine Ehefrau hofft ebenfalls auf eine Beschäftigung fernab der Schlachtbranche. In Sögel will das Ehepaar zusammen mit der Tochter gerne bleiben. "Hier ist es klein und fein."  


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