EZ-Archiv intensiv durchforstet Doktorandin erforscht Migration in Sögel

Das Durcharbeiten der Zeitungsbänder von 1945 bis heute stand für Lien Lammers in den vergangenen sechs Monaten an. Foto: Christian BellingDas Durcharbeiten der Zeitungsbänder von 1945 bis heute stand für Lien Lammers in den vergangenen sechs Monaten an. Foto: Christian Belling
Christian Belling

Sögel. Lien Lammers ist vom Naturell her eher eine ruhige Person. So ist zu erklären, dass die 29-jährige Doktorandin von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Göttingen fast schon unbemerkt ein halbes Jahr im Verlagsgebäude der Ems-Zeitung ein und aus ging. Dabei immer das Archiv unter dem Dach im Blick habend.

Alle Zeitungsbände von 1945 bis heute durchforstete Lammers, um an ihrer Promotion zu arbeiten, die sich mit der Migration in der Gemeinde Sögel befasst. Thema des Promotionsvorhabens: „Einfluss von Erfahrungswissen auf Verantwortungsübernahme im Umgang mit Migration im Dorf“. Die gebürtige Achimerin, die ihren Master in Regionalmanagement ablegte, will wissen, welche Bedeutung Erfahrungen von Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft bezüglich früherer Migrationen auf gegenwärtige Aktivitäten im Bereich Migration und Integration auf kommunaler Ebene haben.

"Die Gemeinde hat Migration zu unterschiedlichen Zeiten erfahren"Lien Lammers auf die Frage, warum sie Sögel für ihre Doktorarbeit gewählt hat

Studium in Hildesheim und Göttingen, in Achim geboren, in Hannover aufgewachsen, wie kommt man da auf Sögel als Untersuchungsgemeinde? „Die Gemeinde hat Migration zu unterschiedlichen Zeiten erfahren“, begründet die 29-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion. Als Beispiele nennt sie die Vertriebenen und Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, die Spätaussiedler in den 1990er-Jahren sowie die heutige EU-Binnenmigration. „Sögel passt einfach zu meiner wissenschaftlichen Fragestellung“, so Lammers.

Wissenschaftlicher Baustein zur Aufarbeitung der Zeitgeschichte

Dieser Eindruck habe sich nach ihren Worten nach einem ersten Treffen mit Vertretern der Gemeinde sowie des Forums Sögel vor gut einem Jahr verfestigt. „Dabei habe ich meine Arbeit vorgestellt und alle haben mir sofort ihre Unterstützung zugesagt und Kontakte hergestellt.“ Für Sögels stellvertretenden Gemeindedirektor Hans Nowak war dies selbstverständlich. „Die wissenschaftliche Untersuchung der Migrationsarbeit in Sögel wird von mir positiv beurteilt, weil ein weiterer wissenschaftlicher Baustein zur Aufarbeitung der Zeitgeschichte der Gemeinde gesetzt werden kann“, teilt er auf Anfrage mit.

Viele Sögeler ehrenamtlich engagiert

Viele Menschen haben sich nach seinen Worten immer wieder ehrenamtlich engagiert und damit zum Gelingen der Integration sowohl der Flüchtlinge und Vertrieben als auch der Spätaussiedler beigetragen. Auch bei der Aufnahme der amerikanischen Soldaten und deren Familien, die 33 Jahre in Sögel lebten, sei eine hohe Bereitschaft zur Integration bewiesen worden.

Viele Stunden hat Lien Lammers in den vergangenen Wochen damit verbracht, die Zeitungsbände von 1945 bis heute durchzuarbeiten auf der Suche nach Berichterstattungen über die Migrationsarbeit in Sögel. Foto: Christian Belling

Lammers‘ Recherchen im Archiv der Ems-Zeitung bestätigen dies. „Es wurde immer wieder über die Aktivitäten der Ehrenamtlichen in Sögel berichtet.“ Berichterstattungen über die Migrationsarbeit in der Hümmlinggemeinde fotografierte sie und gab den Artikel händisch in ihren Laptop ein. „Pro Tag habe ich etwa ein Jahr durchgearbeitet“, zeigt die 29-Jährige ihre intensive Arbeit im Archiv auf.

Interviews mit Akteuren vor Ort

Nachdem diese Recherche nun abgeschlossen ist, steht in einem ersten Schritt die Auswertung an. „Ich vergleiche dabei die Aktivitäten zu unterschiedlichen Zeiten und schaue, ob sich ein Bezug herstellen lässt.“ Im Sommer will Lammers dann wieder in Sögel sein, um vor Ort Interviews mit Akteuren zu führen, die sich in der Migrationsarbeit engagieren und damit zu tun haben.

„Das gesellschaftliche Zusammenwachsen in einer weltoffenen Kommune wird auch zukünftig weitere Ansprüche an die Kommune stellen. Handlungsempfehlungen für die zukünftige Migrationsarbeit wären daher wünschenswert“Hans Nowak, stellvertretender Gemeindedirektor von Sögel

Zu einem Abschluss kommen soll die Doktorarbeit, die vom Land Niedersachsen durch das „Georg Lichtenberg Stipendium“ gefördert wird und bei der Lammers von der HAWK Göttingen, Forschungsgruppe „Ländliche Räume und Dorfentwicklung“, gemeinsam mit der Universität in Vechta betreut wird, im Frühjahr 2020. „Im besten Fall ergeben sich daraus Handlungsempfehlungen für Sögel oder ähnlich gelagerte Gemeinden“, erklärt Lammers. Gerne will sie ihre Arbeit auch mit Akteuren vor Ort diskutieren und dem Rat vorstellen.

„Das gesellschaftliche Zusammenwachsen in einer weltoffenen Kommune wird auch zukünftig weitere Ansprüche an die Kommune stellen“, weiß Nowak und fügt an. „Handlungsempfehlungen für die zukünftige Migrationsarbeit wären daher wünschenswert.“

Der stellvertretende Gemeindedirektor stellt auch einen Bezug zu dem „erheblichen Zuzug“ von Arbeitnehmern aus Polen, Ungarn und Rumänien her. „Dies hat die Samtgemeinde Sögel veranlasst, mit dem sogenannten Sögeler Weg einen Verhaltenskodex zur Gestaltung der Lebens- und Arbeitssituation der osteuropäischen Beschäftigten zu entwickeln und gleichzeitig die Unterkünfte im Rahmen einer Zertifizierung zu begutachten. Die bedeutet jedoch nicht, dass damit alle Herausforderungen bereits als erledigt angesehen werden können.“


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