Schüler gestalten bewegende Feier „Ich will leben“: Sögel gedenkt jüdischen NS-Opfern

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Sögel. Eine bewegende Gedenkfeier für die jüdischen NS-Opfer haben am Freitagvormittag Schüler des Hümmling-Gymnasiums in Sögel anlässlich der Reichspogromnacht vor 80 Jahren gestaltet. Sie appellierten dabei besonders an die junge Generation, keinen Schlussstrich unter die Schuldfrage zu ziehen, sondern weiter im Dialog zu bleiben.

Verantwortlich für die Durchführung der knapp einstündigen Gedenkfeier in der Aula des Gymnasiums waren 15 Schüler aus der Oberstufe. Seit Ende August bereiteten sich die Elft- und Zwölftklässler gemeinsam mit den Geschichtslehrern Henning Strotbek und David Hofwater auf die Veranstaltung vor. „Da steckt viel Arbeit in der Freizeit drin, da die Jugendlichen freiwillig nach dem Schulunterricht die Vorbereitungen in Angriff nahmen und dabei unter anderem das Gemeindearchiv und die Geschichts- und Zukunftswerkstatt aufsuchten“, erklärte Strotbek. Seit 2011 führt das Hümmling-Gymnasium im jährlichen Wechsel mit der Schule am Schloss die Gedenkfeier durch.

„Vieles wirkt uns Schülern fremd“

„Vieles wirkt uns Schülern fremd und wie aus einem Spielfilm, wenn im Unterricht die NS-Zeit behandelt wird“, teilten die Schüler einleitend mit. Das bedeute aber nicht, dass es unwichtig wird. „Wir müssen dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.“ Die Schülergruppe appellierte daran, weiter im Dialog zu bleiben und sich auszutauschen. Es dürfe kein Schlussstrich in der Schuldfrage gezogen und damit die Auseinandersetzung mit dem Thema beendet werden.

Im weiteren Verlauf schilderten die Schüler eindrucksvoll das Schicksal des jüdischen Mädchens Selma Meerbaum-Eisinger, die im Alter von 18 Jahren nach der Deportation in ein Zwangsarbeitslager an Fleckfieber starb. Sie hinterließ mehr als 50 Gedichte, in denen das Mädchen ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und Ängste zum Ausdruck brachte. Eines davon trugen vier Gymnasiastinnen vor, das mit den Worten „Ich will leben“ beginnt.

Im Gemeindearchiv recherchiert

Die Schülergruppe setzte sich zudem kritisch mit der Rolle der Presse in der NS-Zeit auseinander. Dafür recherchierten die Gymnasiasten im Vorfeld im Sögeler Gemeindearchiv und verglichen die propagandistische Berichterstattung in den Tagen vor und nach der Reichspogromnacht mit der Realität. Auch der Umgang mit den Tätern nach Kriegsende wurde am Beispiel des SS-Obersturmführers Eduard Krebsbach beleuchtet. Als Mediziner und Standortarzt im Konzentrationslager Mauthausen bestimmte er während des Krieges die Tötung von arbeitsunfähigen und kranken Lagerinsassen.

Im Gerichtsprozess nach Kriegsende zeigte er keinerlei Reue und teilte den Schülern zufolge mit, dass er „lediglich einen Auftrag ausgeführt“ habe. Das Gericht verurteilte den Mediziner und ordnete die Hinrichtung an, die 1947 erfolgte.

„Mitnichten Probleme von gestern“

Sögels Bürgermeisterin Irmgard Welling (CDU) bedankte sich bei den Schülern für die Gestaltung der Gedenkfeier. Sie appellierte daran, die Erinnerungen wach zu halten. „Denn Antisemitismus und die Ausgrenzung von Minderheiten im Allgemeinen sind mitnichten Probleme von gestern. Sie machen sich auch heute noch in unseren Gesellschaften breit“, so Welling. Sie machte sich zudem für eine zeitgemäße Erinnerungskultur stark, die sich stärker an den Bedürfnissen und Mediengewohnheiten der jüngeren Generation orientiert.

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