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Produktregale vor der Haustür Einen Supermarkt für sich allein: Frischemobil beliefert Emsländer

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Seit 40 Jahren ist Heinrich Tranel (rechts) mit einem Frischemobil im Emsland unterwegs, aus rund 900 Produkten können die Kunden in dem mobilen Supermarkt wählen. Links im Bild Anja Beelmann aus Groß Berßen. Foto: Daniel Gonzalez-TepperSeit 40 Jahren ist Heinrich Tranel (rechts) mit einem Frischemobil im Emsland unterwegs, aus rund 900 Produkten können die Kunden in dem mobilen Supermarkt wählen. Links im Bild Anja Beelmann aus Groß Berßen. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Groß Berßen/Lathen. Elf sogenannte "Frischemobile", die früher als "Butterwagen" bekannt waren, fahren täglich durchs Emsland, um die Menschen mit allerlei Produkten zu versorgen, die es in einem herkömmlichen Supermarkt gibt. Seit 40 Jahren ist Heinrich Tranel einer der Fahrer, die im mittleren und nördlichen Emsland unterwegs sind. Wir haben ihn einen Vormittag begleitet.

Mit einem beherzten Hupen kündigt Heinrich Tranel  seinen Besuch an. Von der Klein Berßener Straße in Groß Berßen biegt er in den Rosenweg ein, setzt rückwärts in die Einfahrt und öffnet seine Tür. Dank des Hupens kommt die Bewohnerin umgehend mit einem großen Einkaufskorb aus ihrem Haus. "Du bist heute aber spät dran", ruft die Frau, die ihren Namen nicht veröffentlicht haben möchte, dem 60-Jährigen zu. "Die Presse hat mich ein wenig aufgehalten", sagt Heinrich Tranel und deutet in Richtung des Reporters, der ihn heute begleitet.

Den Zeitplan einzuhalten, ist wichtig für den Fahrer des Frischemobils der Firma Frischdienst Nordhorn. Einmal in der Woche zur gleichen Zeit steuert Heinrich Tranel seine Kunden an. Bis zu 40 Punkte sind es an einem normalen Arbeitstag. "Verlässlichkeit ist wichtig. Die Kunden sind es gewohnt, dass ich in einem bestimmten Zeitraum komme und planen ihren Tag danach", erzählt der Fahrer, der gleichzeitig Kassierer ist und den Kunden gerne auch dabei hilft, die Einkäufe – zum Beispiel Getränkekisten – ins Haus zu tragen.

Insgesamt 26 rollende Supermärkte betreibt der Frischdienst Nordhorn, elf davon fahren durchs Emsland. Bis zu 40 Kunden täglich fahren die Frischmobile an. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Viele seiner Kunden sind ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind und nicht mehr mit dem Auto oder dem Bus zum oft viele Kilometer entfernten stationären Supermarkt fahren können. Wie sehr die Kunden an die wöchentlichen Besuche gewöhnt sind, zeigte sich im Winter Anfang dieses Jahres: Weil Schnee und Eisglätte ein Befahren der Wirtschaftswege, auf denen das Frischemobil oft unterwegs ist, unmöglich machte, musste Tranel einigen Kunden absagen. "Da waren einige wirklich aufgeschmissen. Ich hätte sie gerne beliefert, aber es ging einfach nicht", sagt der Fahrer.

Frischdienst Nordhorn ist aus Nordmilch eG hervorgegangen

Gehetzt wirkt der gebürtige Kluser an diesem sonnigen Vormittag trotz des voll gepackten Ablaufplans keineswegs. Ein Plausch mit den Kunden gehört fast immer dazu. "An Dorftratsch beteilige ich mich aber nicht, da verbrennt man sich nur die Finger und das kann schnell nach hinten losgehen. Dann ist man raus aus dem Dorfleben", sagt Tranel. "Mit einigen Kunden bin ich quasi alt geworden, fast alle kenne ich mit Namen und weiß viel über ihre Familien", erzählt der Fahrer. Routiniert bedient er die Kasse, während eine Kundin ihren Einkaufskorb füllt. 

Die Kunden können in den Frischemobilen aus bis zu 1500 Produkten wählen. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Seit inzwischen 40 Jahren ist der 60-Jährige für das Unternehmen aus Nordhorn beziehungsweise dessen Vorgänger, die Nordmilch eG, tätig. Die Genossenschaft hatte 2004 die Belieferung von Einzelkunden eingestellt. Das nutzte der Geschäftsführer der Frischdienst Nordhorn GmbH, Harald Vrielink. Er war vor der Selbstständigkeit jahrzehntelang für Nordmilch und noch früher für die Molkerei Nordhorn im Vertrieb tätig, für die Kunden änderte sich dadurch nicht viel.

Doch nicht nur ältere Kunden nehmen den Service des mobilen Supermarktes in Anspruch. Die junge Mutter Anja Beelmann nutzte das Angebot zum ersten Mal, als sie erstmals schwanger war. "Da fiel es mir schwer, mich ins Auto zu setzen und einkaufen zu fahren. Außerdem durfte ich da nicht schwer heben", erzählt die Groß-Berßenerin, deren Großmutter bereits beim Frischemobil einkaufen und deren Eltern es auch noch immer tun.

Auch Drogerieartikel gehören zum Sortiment, sind aber längst nicht so beliebt wie Butter, Käse, Wurst oder Getränke. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

Auch Tiefkühlprodukte und Backwaren im Angebot

Zu den Produkten, die am häufigsten über den Ladentresen gehen, gehören Butter, Milch, Käse und Joghurtprodukte, frische Brötchen und Brot, die der Fahrer morgens vor der Fahrt zu den Kunden von einer örtliche Bäckerei in Niederlangen abholt, Kartoffeln, Eier und saisonales Gemüse. Auch die Wurst, die überwiegend von der Bramscher Firma Sostmann kommt, ist beliebt. "Im heißen Sommer waren Getränke und Grillfleisch der Renner", sagt Tranel.  Auch ein Kühlregal und eine Tiefkühltruhe sind in Tranels Wagen untergebracht. Darin liegen unter anderem Tiefkühlgemüse, Fisch oder Hähnchenschnitzel. "Die sind der Renner bei den Kunden, weil es diese Marke nur bei uns gibt", so der 60-Jährige. Die Marke gibt es in kaum einen Supermarkt.

Vielfach sind es einzeln gelegene Bauernhöfe oder Kleinstsiedlungen, die der mobile Supermarkt anfährt. Einen Zwang, etwas zu kaufen gibt es nicht, genauso wenig einen Mindestumsatz. Wer glaubt, dass die Kunden beim Frischemobil nur kleine Mengen kaufen, der irrt. "Viele Kunden machen ihren gesamten Wocheneinkauf über mich, die Rechnungen liegen häufig bei über 100 Euro", erzählt Heinrich Tranel. 

Mit 26 mobilen Supermärkten, von denen elf durchs Emsland fahren, ist die Frischdienst Nordhorn GmbH bundesweit nach eigenen Angaben zweitgrößer Anbieter in diesem Segment. Foto: Frischdienst Nordhorn

Preise vergleichbar wie in einem Supermarkt

Mit den Preisen für die Produkte kann der Lieferant nach eigener Ansicht mit den klassischen Supermärkten wie Edeka, Combi oder K+K, die es im Emsland vielfach gibt, konkurrieren. "Die Preise der Produkte sind marktgerecht und wettbewerbsfähig zu den Supermärkten", sagt die Sprecherin von Frischdienst Nordhorn, Vanessa Wefelshütten. "Mit den Preisen von Discountern können wir nicht in den Vergleich gestellt werden." Die Sprecherin verweist dabei auf die Marken und die damit verbundene Qualität, die es in den Frischmobilen gibt. Alle zwei Wochen gibt es einen sechsseitigen Flyer mit Angeboten. Größere Mengen können beim Fahrer, der häufig seine Handynummer an Stammkunden herausgibt, vorbestellt werden. Viele Produkte stammen von regionalen Anbietern. Außerdem ersparen sich die Kunden ja die Kosten für die Fahrt zum nächsten Supermarkt. Die Kunden können sich zudem bei Frischdienst Nordhorn registrieren lassen, dann braucht der Einkauf in dem mobilen Supermarkt nicht sofort bar oder per EC-Karte bezahlt werden, sondern wird alle 14 Tage vom Konto abgebucht. "Das nutzt der überwiegende Teil der Kunden", sagt Heinrich Tranel.

Zwischenlager in Neubörger

Täglich füllt der 60-Jährige seinen Warenbestand auf. Dazu muss er nicht in die Zentrale nach Nordhorn fahren, sondern nach Neubörger. Dort hat das Unternehmen ein Zwischenlager. Aus 1500 Artikeln kann Heinrich Tranel auswählen, nicht alle sind allerdings auf seinen Touren gefragt, Deshalb sind es im Regelfall rund 900 Produkte, die er mitführt. Nach der Tour am Abend bestellt er die Waren, die er benötigt, über seinen Kassencomputer im Fahrzeug vor, am Morgen liegen sie dann zur Abholung bereit.

Alle zwei Wochen veröffentlicht der Frischdienst Nordhorn ein mehrseitiges Prospekt mit Angeboten. Die Preise ähneln denen von Supermärkten wie Edeka oder Combi. Foto: Frischdienst Nordhorn

Sein Fahrplan führt ihn montags nach Lathen und in die Ortschaften der Samtgemeinde, dienstags ist Heinrich Tranel in Wippingen und Renkenberge unterwegs, mittwochs in Klein und Groß Stavern, donnerstags in Klein und Groß Berßen, freitags in Sögel, Eisten, Ostenwalde und Waldhöfe. 


Frischdienst Nordhorn

Mit 26 rollenden Supermärkten gehört Frischdienst Nordhorn nach eigenen Angaben deutschlandweit zu den zweitgrößten Anbieter der Zunft, elf von diesen fahren durchs Emsland. Damit werden pro Wochen rund 6000 Kunden erreicht, rund 2000 davon im Emsland. Eine Übersicht des aktuellen Sortiments gibt es hier. Zweites Standbein des Frischdienst Nordhorn ist die Belieferung von Großabnehmern wie Krankenhäuser, Altenheime, Schulen, Kindergärten, Bäckereien, Fleischereien, Feinkostläden, oder die Gastronomie.

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