Sackgasse oder richtige Richtung? Kontroverse Debatte um „Sögeler Weg“ zur Werkvertragsarbeit

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Sögel. Führt der 2013 eingeschlagene „Sögeler Weg“ mit dem Ziel einer Verbesserung der Lebens- und Beschäftigungssituation für osteuropäische Werkvertragsarbeiter am Schlachthof Weidemark in eine Sackgasse oder in die richtige Richtung? Darüber gingen die Meinungen bei einer Podiumsdiskussion weit auseinander.

Für Weidemark-Geschäftsführer Joachim Timmermann ist eine Festanstellung von Werkvertragsarbeitern weiterhin kein Thema. Das machte er bei der Veranstaltung am Donnerstagabend vor rund 100 Zuhörern deutlich, zu der die Sögeler SPD ins Hotel Clemenswerther Hof eingeladen hatte. Timmermann zufolge will der Schweine-Schlachthof, der zum Fleischkonzern Tönnies gehört, mit Werkvertragsfirmen Gemeinschaftsunternehmen bilden, um die Situation für die Beschäftigten „von innen heraus“ zu verbessern.

„Sklaverei abschaffen“

Für scharfe Kritiker wie den Pfarrer Peter Kossen aus Lengerich im Münsterland und Gewerkschafter ist das viel zu wenig. Solange die Kernfrage der Festanstellung zum Aufbau einer Stammbelegschaft nicht positiv beantwortet werde, sei der „Sögeler Weg“ nicht mehr als ein Mittel der Verschleierungstaktik. Kossen sprach von systematischer Ausbeutung und forderte eine „Abschaffung der Sklaverei“. Das Gebaren mache auch Schule in anderen Branchen, meinte der Geistliche und nannte als Beispiel die Papenburger Meyer Werft. „Wir brauchen einen Systemwechsel.“ Ändern könne sich aber nur etwas, wenn die Verantwortlichen vor Gericht gezerrt würden oder die Politik den notwendigen Mut zu Veränderungen aufbringen würde.

Drastische Worte

Auch Matthias Brümmer, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Region Oldenburg-Ostfriesland wählte drastische Worte. Er sprach von einer „kriminell durchsetzten Szene“ mit mafiösen Strukturen, Unterlaufen des gesetzlichen Mindestlohns und von Werkvertragsarbeitern als „Wegwerfmenschen“, die man vorne in Schlachthöfe reinstecke und aus denen sie hinten kaputt herauskämen. Der „Sögeler Weg“ unterstütze dieses System und sei aus Sicht der NGG gescheitert. Das hatte die Gewerkschaft bereits vor Monaten deutlich gemacht.

Keine Fortschritte?

Raluca-Florina Gheorghe von der Oldenburger Beratungsstelle des DGB-Projektes „Faire Mobilität“ prangerte dubiose Methoden im Hinblick auf Arbeitszeiterfassung, Gehaltszahlungen, Regelungen von Krankheits- und Urlaubsgeld sowie bei Kündigungen an. „Die Rechte der Arbeiter werden mit Füßen getreten“, sagte Gheorghe. Und das seien keine Einzelfälle. Gheorghe vermag beim „Sögeler Weg“ keine Fortschritte erkennen.

An der Initiative, die unter anderem eine Sozialcharta kontinuierliches Beratungsangebot für ausländische Mitarbeiter durch ein Kolping-Büro und ein Zertifizierungssystem für Wohnungen umfasst, sind der Schlachthof, die Gemeinden, Kirchen, Verbände und Subunternehmer beteiligt.

„Ein leuchtendes Beispiel“

Aus Timmermanns Sicht ist der Sögeler Weg nicht nur ein Erfolg, sondern einzigartig und ein leuchtendes Beispiel, das in der Branche inzwischen viele Nachahmer gefunden habe. Die Äußerungen seiner Vorredner seien deshalb „ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich in Sögel dafür einsetzen, ausländische Mitarbeiter in einen kleinen Ort vernünftig zu integrieren“. Von „Wegwerfmenschen“ zu sprechen, sei mehr als Polemik. Davor hatte der Moderator der Diskussion, Thomas Südbeck (Leiter der Historisch-Ökologischen Bildungsstätte Papenburg) eingangs gewarnt.

Das Unternehmen stehe zum Wirtschaftsstandort Deutschland, so Timmermann weiter. Ohne Werkvertragsarbeiter wäre das Wachstum der vergangenen Jahre aber niemals möglich gewesen. Von 15.000 Tönnies-Beschäftigen seien 10.000 aus Werkvertragsunternehmen, allein in Sögel bis zu 700. Etwa 400 Menschen sind bei Weidemark fest angestellt.

„Nicht besonders sexy“

Zur Wahrheit gehört Timmermann zufolge in diesem Zusammenhang, dass es die notwendigen Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt gar nicht rekrutieren ließen. „Es gibt kaum noch Fleischer und die Tätigkeit auf dem Schlachthof ist auch nicht besonders sexy.“ Viele wollten überdies weder im Schichtdienst noch nachts arbeiten.

Weidemark bekenne sich zum System der Werkvertragsarbeit, weil es keine Alternative gebe. „Der Wettbewerb verpflichtet uns zu allerhöchster Effizienz“, betonte Timmermann.

Kontakte für Akquise fehlen

Im Übrigen würde die Akquise von Arbeitern in Osteuropa ohne Subunternehmen nicht funktionieren, weil Weidemark Kontakte und Netzwerke fehlten. Hinzu komme, dass auch der europäische Arbeitsmarkt praktisch leer gefegt sei und Arbeiter bei Aussicht auf bessere Entlohnung schnell die Firmen wechselten. Die hohe Fluktuation von Werkvertragsarbeitern sei auch für Weidemark ein Problem.

Missstände werden nicht geduldet

„Junge Menschen lassen sich nicht versklaven“, fügte der Sögeler Samtgemeindebürgermeister Günter Wigbers (CDU) hinzu. Wer bei der derzeitigen Arbeitsmarktsituation seine Beschäftigten nicht anständig behandele, verliere sie. Wenn Missstände in Sögel publik würden, gehe die Gemeinde diesen konsequent nach. Wigbers sprach in diesem Zusammenhang aber von Einzelfällen, die nicht geduldet würden.

Wie Pfarrer Kossen und die Gewerkschafter betonte auch Wigbers, dass das Werkvertragswesen in seiner gegenwärtigen Ausprägung abgeschafft gehöre. Wenn Arbeitnehmer sich an Unternehmen binden möchten, gehörten sie fest angestellt.

Genau hinsehen

Man müsse bei einer Bewertung der Situation jedoch auch genau hinschauen. „Für uns geht es auch darum, dass wir den Schlachthof in Sögel wollen“, sagte Wigbers. Er sei der größte Schweine-Schlachthof in Niedersachsen, in dessen Umkreis von zwei Lkw-Stunden fünf Millionen Schweine gemästet würden. Er habe also eine enorm große Bedeutung für die Landwirtschaft in der Region. „Wir wollen das Mästen, Zerlegen und Vermarkten hier sehen und nicht in Rumänien oder Tadschikistan mit dem Ergebnis, dass das Produkt von dort am Ende doch auf deutschen Tellern landet“, so Wigbers.


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