Verbindung hält seit vier Generationen Spahnharrenstätte: Wie aus Feinden Freunde wurden

Meine Nachrichten

Um das Thema Sögel Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Spahnharrenstätte Seit inzwischen vier Generationen treffen sich Nachfahren einer französischen und einer Spahnharrenstätter Familie als Freunde. Ursprung ist eine Kriegsgefangenschaft.

Während des Zweiten Weltkrieges geriet Johann Wolken aus Spahnharrenstätte in französische Kriegsgefangenschaft. In dieser Zeit arbeitete er auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Nantes. Wolken und die Familie freundeten sich an. Die Verbindung übertrug sich auf die Nachfahren. 70 Jahre nach Wolkens Heimkehr pflegen sie die Freundschaft weiter – in inzwischen vierter Generation.

„Bienvenue“ prangt in großen Lettern auf dem üppig gedeckten Frühstückstisch von Carolin (geb. Wolken) und Andreas Büter. Die Nachbarn in der Spahnharrenstätter Neubausiedlung haben französische Flaggen gehisst, als ein Teil der Familien Bancheraut und Wolken dort zum Gespräch mit unserer Redaktion verabredet sind. Die Freundschaft lebt.

Einfache Strecke im Auto: 1030 Kilometer

Die Nachfahren der früheren Bauernfamilie Bancheraut sind mit fünf Erwachsenen und vier Kindern für eine Woche mit dem Auto angereist. Einfache Strecke: 1030 Kilometer. Im Mittelpunkt des Besuches stand ein großes Familientreffen mit Kind und Kegel. Insgesamt waren 35 Leute da, wie Hans Wolken berichtet. Er ist der Sohn des Kriegsheimkehrers.

Die Freundschaft zwischen den Familien hat für ihn große Bedeutung. „Ich möchte etwas zurückgeben, weil mein Vater es auf dem Hof so gut gehabt hat“, betont Wolken. Das sei keineswegs selbstverständlich gewesen. Schließlich waren Deutschland und Frankreich seinerzeit verfeindet. „Die Deutschen waren die Bösen, die Nazis“, sagt Wolken.

Zwei Brüder fallen im Krieg

Als sein Vater 1942 von der Wehrmacht eingezogen wird, sind zwei von dessen älteren Brüdern bereits im Krieg gefallen. Hans Wolkens Großvater starb im Ersten Weltkrieg.

Wie Wolken weiter berichtet, ist sein Vater – Geburtsjahrgang 1910 – für den Feldzug des Hitler-Regimes gegen die Sowjetunion vorgesehen. Eine Verletzung führt dazu, dass er stattdessen nach Frankreich abkommandiert wird. Dort gerät Johann Wolken gegen Kriegsende in Gefangenschaft. Nach einigen Wochen in Lagerhaft bieten die Franzosen den Gefangenen die Gelegenheit zum Arbeiten. Wolken meldet sich sofort. „Er wollte unbedingt aus dem Lager raus, auch auf die Gefahr hin, als Zwangsarbeiter nicht eher als andere aus der Gefangenschaft entlassen zu werden“, berichtet sein Sohn.

Das Misstrauen ist zunächst groß

Wolken landet auf einem kleinen Bauernhof in dem Dorf Chemillé. Der Ort liegt im Dreieck zwischen den Städten Nantes, Angers und Cholet. Die Atlantikküste ist von dort in etwa so weit entfernt wie der Hümmling von der Nordsee.

Johann Wolken wird etwa zwei Jahre und neun Monate auf dem Hof arbeiten. Der Hofbesitzer ist bereits seit 1937 tot, der damals 19 Jahre alte Sohn Alexandre Bancheraut ebenfalls im Krieg. Das Misstrauen gegenüber dem Deutschen ist zunächst groß. „Er musste erst im Pferdestall schlafen“, berichtet Hans Wolken. Später darf der Gefangene in Alexandres Zimmer übernachten. Nach dessen Heimkehr lernen sich beide kennen und schätzen.

Überdies gefallen Johann Wolken Arbeit und Leben in Frankreich zunehmend besser. Am Ende sogar so gut, dass er dort geblieben wäre, wenn nicht die Mutter ihn in Spahnharrenstätte gebraucht hätte. „Mein Vater mochte die französische Lebensart“, sagt Hans Wolken. Doch der Kriegsheimkehrer ist auch zu Hause gefordert, wo seine Familie einen kleinen, gepachteten Hof bewirtschaftet. Johann Wolken und Alexandre Bancheraut bleiben in den folgenden Jahren in Kontakt – schriftlich und dass nicht nur in Form von Karten zu Weihnachten.

„Wie eine große Familie“

Eines Tages im Jahr 1972 taucht überraschend ein Auto mit ausländischem Kennzeichen in Spahnharrenstätte auf. Der damals 16-jährige Hans Wolken hockt an einer Bushaltestelle und fragt sich, warum ein Wagen mit offenbar niederländischem Kennzeichen aus Richtung Sögel aufkreuzt. Die Irritation wird noch größer, als Wolken feststellt, dass das Auto zielsicher auf das Grundstück seiner Familie zusteuert.

Dem Auto entsteigen Alexandre Bancheraut, seine Frau Thérèse und zwei der insgesamt fünf Kinder des Paares. Bis Sögel haben sich die Reisenden ausschließlich an Karten orientiert. Dann fragten sie die Polizei nach dem Weg, die die Familie prompt bis Spahnharrenstätte eskortierte.

Die Überraschung gelingt. Alexandre Bancheraut und Johann Wolken – damals inzwischen 62 Jahre alt – fallen sich in die Arme. Tränen fließen.

Ein Gegenbesuch ist ausgemachte Sache. Eine Städtereise des Dörpener Reiseunternehmens Frericks führt die Spahnharrenstätter bis nach Paris. Von dort geht es mit dem Zug weiter in Richtung Atlantikküste. In Angers werden die Gäste nachts von der Familie Bancheraut abgeholt.

Fortan finden regelmäßige Besuche statt. Dazu gehören auch große, freudige Anlässe wie beispielsweise eine Hochzeit im Jahr 1985, aber auch traurige wie eine Beerdigung 2007.

Zwei Nationen – eine Familie

Hans Wolkens Vater verstirbt im Mai 1993, Alexandre Bancheraut im Jahr 2010. Die Freundschaft der Familien aber bleibt bestehen. Bei dem großen Familientreffen mit 35 Leuten können sich die Kinder sprachlich nicht verständigen. Die Kommunikation klappt trotzdem – mit Händen und Füßen.

Dass es dazu im Gespräch der französischen Gäste mit unserer Redaktion nicht kommt, ist Wilma Wolken zu verdanken, die beide Sprachen beherrscht. Sie übersetzt, dass die Freundschaft auch für Alexandre Bancherauts Tochter Juliette Tellier und seiner Enkelin Carole Billaud von großer Bedeutung sei. „Es ist vielleicht schwer zu verstehen, aber wir sind eine große Familie mit zwei Nationalitäten“, sagt Billaud. „Es ist gut, dass wir uns gefunden haben, und wir sind stolz auf eine Freundschaft ohne Vorurteile.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN