Ansprüche, Stunden, Lohn Rumänen klagen über Arbeit am Weidemark-Schlachthof in Sögel

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Sögel. Offene Ansprüche, gekürzte Stunden, zu wenig Lohn: Lang ist die Liste an Klagen, die vier Rumänen vorbringen, die bis vor wenigen Wochen noch für ein Subunternehmen auf dem Sögeler Schlachthof Weidemark gearbeitet haben. Beraten werden Arbeiter bei solchen Problemen eigentlich vom Kolping-Europabüro in Sögel. Über diese Beratung hätten die Vier allerdings wenig Positives gehört. Das Büro weist die Kritik zurück und berichtet indes von konkurrierenden Beratern vor Ort.

Ein Reihenhaus in einer belebten Wohnsiedlung in Sögel. Auf Vermittlung von Raluca-Florina Gheorghe, Beraterin beim DGB-Projekt „Faire Mobilität“, haben sich die vier rumänischen Männer im Alter zwischen 25 und 40 Jahren bereit erklärt, über die Arbeit auf dem Schlachthof zu sprechen. Gestenreich und lautstark reden sich die Männer nach kurzer Zeit in Rage, sodass Gheorghe mitunter Mühe hat, mit der Übersetzung ins Deutsche nachzukommen.

„Geklaute Stunden“

„Es ist immer das Gleiche. Immer zur Monatsmitte kommen bei der Lohnabrechnung Probleme auf“, übersetzt Gheorghe die Ausführungen eines Landsmannes. Ihre Namen möchten die Männer nicht nennen, da noch Ansprüche gegenüber dem Subunternehmen offen seien. Von „geklauten Stunden“ ist die Rede und Abrechnungen, die „vorne und hinten nicht stimmen.“ Zudem würden freie Tage auftauchen, obwohl diese gar nicht genommen worden seien. „Darauf angesprochen, geben die betroffenen Dienstleister immer andere Entschuldigungen oder Ausreden an“, berichtet die DGB-Beraterin.

Kritik an Vorarbeiter

Besonders schlecht sind die Männer auf die Vorarbeiter zu sprechen. „Sie kommen in die Unterkünfte und zwingen einen zur Arbeit, obwohl eine Krankschreibung vorliegt“, gibt Gheorghe die Ausführungen wieder. Zudem sollen Arbeitsunfälle als private Unfälle angegeben werden und Arbeiter eine Gesundmeldung unterschreiben, obwohl sie es gar nicht sind. „Wenn sie es nicht tun, wird mit dem Verlust des Arbeitsplatzes und der Rückkehr nach Rumänien gedroht“, teilt Gheorghe mit.

„Keine Einzelfälle mehr“

Ständige Beleidigungen und Beschimpfungen ihres Vorarbeiters des Subunternehmens würden nach Auskunft der Rumänen dafür sorgen, dass eine Drohkulisse aufgebaut werde und eine Atmosphäre der Angst herrsche. Wer sich verweigere, werde nach Hause geschickt und nicht mehr zur Arbeit aufgefordert. „Gehalt gibt es dann aber auch nicht mehr“, so Gheorghe. Auch bei dem Einhalten von Ruhepause nach Doppelschichten, der Aushändigung von Papieren, der Bereitstellung von Arbeitskleidung und -materialien und der Lohnfortzahlung im Krankheits- oder Urlaubsfall gibt es nach ihren Worten ständig Probleme. Nicht bei allen Subunternehmern, aber bei einigen immer wieder. „Und dann sind es keine Einzelfälle mehr, sondern eine systematische Ausbeutung.“ Unsere Redaktion hat versucht, die Unternehmen für eine Stellungnahme zu erreichen. Eine Antwort der Firmen blieb jedoch aus.

Kündigung nach Beschwerde?

In ihrer Not wüssten die Werkvertragsarbeiter laut Gheorghe häufig nicht wohin mit ihren Problemen. Wie die Rumänen im Gespräch mitteilen, traue sich kaum einer zum Kolping-Europabüro vor Ort. „Nachdem ein Arbeiter dort seine Probleme geschildert hat, nahm das Büro umgehend Kontakt mit den betroffenen Subunternehmen auf. Das Resultat war, dass dem Arbeiter gekündigt wurde“, berichtet die DGB-Beraterin. Da sie in den vergangenen Wochen vermehrt Anrufe aus Sögel bekam, sei sie nun häufiger in der Hümmlinggemeinde. „Da aber selten Papiere wie die Lohnabrechnung oder Zeiterfassungen vorliegen, ist es schwer für mich. Wo soll ich ansetzen? Zuallererst fordern wir die Papiere ein, worauf die Arbeiter auch ein Anrecht haben.“

„Dubiose“ Berater im Ort

Hans-Hermann Hunfeld, Geschäftsführer des Kolping-Bildungswerks im Diözesanverband Osnabrück, weist die Kritik an der Arbeit des Büros vor Ort zurück. „Namen von Personen, die sich bei uns melden, werden nicht weitergeben. Das dürfen wir auch gar nicht und liegt auch nicht in unserem Interesse.“

Er äußert die Vermutung, dass in Sögel zum Teil bewusst schlecht über die Arbeit des Kolping-Europabüros geredet wird. „Wir haben nicht nur Freunde. Es tummeln sich auch durchaus dubiose Berater im Ort, die den Werkvertragsarbeitern eine Beratung in der Landessprache anbieten, dafür aber Geld haben wollen“, so Hunfeld. Er macht deutlich, dass das Angebot des Kolpingbüros dagegen neutral und kostenlos sei.

„Ross und Reiter“ nennen

Anschuldigungen, wie sie nun von den rumänischen Männern geäußert wurden, wird nach seinen Worten nachgegangen. „Einmal im Monat treffen wir uns zum Austausch, bei dem alle Sögeler Themen und Entwicklungen auf den Tisch kommen.“ Hilfreich ist es nach seinen Worten, wenn bei Kritik oder Vorwürfen „Ross und Reiter“ genannt werden. Die Zusammenarbeit mit der DGB-Beratungsstelle und Raluca-Florina Gheorghe erachtet er als gut. „Es ist ein Miteinander, kein Gegeneinander.“ Der Austausch mit dem DGB sei auch deshalb eng, weil dieser auch eine Rechtsberatung anbieten darf.

„Hase-und-Igel-Spiel“

Eines muss Hunfeld zufolge aber immer im Vordergrund stehen. „Es geht um die Leute, um die Arbeiter, die Probleme haben.“ Den Subunternehmen müsse das Gefühl gegeben werden, „dass wir denen immer auf die Finger schauen.“ Dabei weiß der Geschäftsführer aber auch, dass es sich um ein „Hase-und-Igel-Spiel“ handelt. „Haben wir ein Problem gelöst, ploppen an andere Stelle gleich drei neue wieder auf.“

Situation der Werkvertragsarbeiter generell verbessert

Nach seinen Worten habe sich die Arbeit des Kolping-Europabüros, das in Sögel 2013 an den Start ging, bewährt. „Wir glauben, dass sich die Situation der Werkvertragsarbeiter dadurch generell verbessert hat.“ Hunfeld zufolge haben bislang knapp 1400 Menschen das Büro aufgesucht. Die Ratsuchenden kommen vornehmlich aus Rumänien, Ungarn und Polen. „Dabei muss es nicht immer um arbeitsrechtliche Belange handeln. Die Arbeiter kommen auch mit ganz alltäglichen Dingen zu uns.“

„Der Chef redet vernünftig mit mir, was ich bislang gar nicht kannte“

Keinen Rat benötigen mehr die vier rumänischen Männer, die ihre Arbeitsverträge bei den Subunternehmen kündigten. Einer wird Sögel in den nächsten Tagen verlassen, um in der Nähe von Dortmund einen neuen Job in der Baubranche aufzunehmen. Zwei weitere bleiben mit ihren Familien auf dem Hümmling und arbeiten in einer Lackiererei sowie bei einer Reinigungsfirma. „Bei der weiß ich genau, was ich machen muss. Der Chef redet vernünftig mit mir, was ich bislang gar nicht kannte.“

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