Serie „Mein Job und ich“ „Mein Beruf Buchbinderin ist eben auch mein Hobby“

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Hüven. In unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht heute Heide Suhl, Buchbinderin mit eigener Werkstatt in Hüven, über das Experimentieren mit alten Techniken, das älteste reparierte Buch und ihre Absage an den Deutschen Bundestag.

Frau Suhl, bei der Herstellung von Büchern hat jeder sofort große Maschinen im Sinn. Was können Sie besser als die Technik?

Ich komme eigentlich immer dann ins Spiel, wenn es um Einzelstücke und Kleinstauflagen geht. Zum Beispiel bei Reparaturen von alten Büchern. Oder bei Sonderarbeiten wie Gästebücher, Alben und so weiter.

Warum können Sie das besser?

Weil das Einrichten einer Maschine zu lange dauern würde, oder eine Maschine die Leistung gar nicht erbringen kann. Wie zum Beispiel die Technik des Sprungrückenbuches. Diese Technik stammt aus dem Jahr 1850, sie sorgt bei Büchern dafür, dass der Buchblock aus dem Rücken springt. Dadurch liegen die Seiten des Buches flach auf. Diese Technik wurde früher häufig bei Protokoll- oder Kassenbüchern benötigt, die aber heute kaum mehr gefragt sind.

Sie sprechen von Reparatur eines Buches und nicht von Restaurierung. Wieso?

Eine Restaurierung von Papier ist meist sehr aufwendig, zum Beispiel wenn Ränder angefasert werden müssen. Dabei wird Papierbrei an die Seite angesetzt und muss dann wieder trocknen. Bei einer Reparatur verstärke ich beispielsweise alte Seiten durch Aufkleben von dünnem Seidenpapier oder Ansetzen von Papier. Bei Reparaturen ist vieles möglich.

(Weiterlesen: Kranfahrer aus Kluse: „Auch heute ist noch das Popometer gefragt“)

Wieso haben Sie sich damals entschieden, den Beruf zu erlernen?

Ich wollte etwas handwerkliches machen, wollte aber irgendwie keinen der gängigen Berufe machen. Ich bin auch bei anderen Dingen nicht so für Mainstream (lacht). Also bin ich bei der Recherche von Berufen auf Buchbinderin gestoßen und habe dann erst einmal geschaut, wo es überhaupt Ausbildungsstätten gibt. Ich habe die Ausbildung dann bei Ulrich Peterkneckt in Hannover gemacht, zu ihm habe ich noch heute engen Kontakt. Nach einer Zeit in Lübeck und einigen Jahren bei einem Betrieb in Harpstedt bei Wildeshausen im Landkreis Oldenburg habe ich mich dann 2005 in Hüven mit einer eigenen Werkstatt selbständig gemacht. Bei der Errichtung des Holzhauses gegenüber der Kirche in Hüven, in der sich die Werkstatt befindet, hat mir mein Vater Bernhard maßgeblich geholfen.

Und haben sich damals sogar gegen eine Anstellung beim Deutschen Bundestag in Berlin entschieden. Warum?

Ja, das stimmt. Ich hätte in der Bibliothek des Bundestages arbeiten können, zum Beispiel müssen dort Gesetzesblätter gebunden werden. Das war mir zu eintönig (lacht). Nein, eine große Rolle hat auch die Liebe gespielt, zum Emsland, aber auch zu meinem Mann Heiner, der Landwirt ist und aus Hüven stammt und den Umzug nach Berlin nicht mitgemacht hätte. Bereut habe ich das bisher nie.

Woher stammt Ihre Kundschaft vornehmlich und was wird am meisten nachgefragt?

Im Moment bin ich stark beschäftigt mit dem Prägen von Namen in Gebetsbüchern für Kommunionkinder, typisch für die Jahreszeit im Frühjahr, außerdem habe ich Aufträge von Rechtsanwälte und Steuerberater, die ihre Fachzeitschriften oder Gesetzesblätter, die sie aufbewahren möchten, zu Büchern binden lassen. Auch Bachelorarbeiten werden immer mal wieder eingereicht zum Binden. Und einige Reparaturen von alten Kochbüchern und Bibeln habe ich im Moment auf dem Tisch. Der überwiegende Teil der Kunden stammt aus dem Emsland und dem Cloppenburger Raum.

(Weiterlesen: Gerichtsvollzieher aus Papenburg über Stammkunden, Interneteinkäufer und Scham)

Was war das älteste Buch, an dem Sie bisher tätig waren?

Das war eine Bibel aus dem Jahr 1564. Eine Pergamentbibel mit Holzdeckeln, bei der ich neue Schließen, eine Art Schnalle, anbringen musste. Ich habe viel mit Büchern zu tun, die um das Jahr 1900 hergestellt wurden, damals wurden Bücher häufig mit Drahtklammern geheftet. Der Draht rostet irgendwann und die Lagen fallen auseinander. Diese werden dann neu geheftet, allerdings heute mit einem Faden.

Und was waren die ungewöhnlichsten Arbeiten?

Da gibt es einige, ich experimentiere auch gerne. Auch Schachteln, sogenannte Schuber, und Kästen zu erstellen zur Aufbewahrung von Büchern gehört ja zu den Aufgaben eines Buchbinders. Ich habe zum Beispiel einmal eine Pyramide aus mehreren Pappdeckeln gemacht, die in verschiedener Weise aufgestellt werden kann. Darin wurde allerdings kein Buch aufbewahrt, sondern ein Schmuckstück. Ich probiere häufig auch alte Techniken aus, zum Beispiel ein Beutelbuch, also ein in einem Lederbeutel eingearbeitetes Buch mit einer Schlaufe. Beutelbücher wurden im 14. und 16. Jahrhundert erfunden und häufig von Mönchen am Gürtel getragen.

Wer in Ihre Werkstatt kommt, sieht auch einige Werke in Miniaturform.

Ja, das stimmt. Dazu gehört ein kleines Doppelbuch, das von zwei Seiten gelesen werden kann. Die Technik stammt aus dem 17. Jahrhundert. Oder eine Spieluhr und ein Backgammon-Spiel in Buchform. Mein Beruf ist eben auch mein Hobby, so etwas mache ich häufig in meiner Freizeit, von der es leider zu wenig gibt. Und tüfteln und experimentieren macht mir einfach Spaß. Handwerker finden immer eine Lösung (lacht).

Sind Sie auch auf Handwerkermärkten unterwegs?

Das habe ich mal gemacht, aber die Resonanz war leider sehr gering. Ich konnte von den Umsätzen gerade so das Standgeld bezahlen. Auf solchen Märkten sind dann doch eher die bekannten Gewerke gefragt.

(Weiterlesen: Hundetrainer aus Lathen über falsche Rassenwahl, Trockenfutter und TV-Shows)

Kann man Ihre Werkstatt auch besichtigen?

Ja, das kommt manchmal auch vor. Kürzlich haben Radfahrer aus dem Ruhrgebiet sogar ihren Urlaub um einen Tag verlängert, weil die Frau, die selber gelernte Buchbinderin war, unbedingt hier einen Tag verbringen wollte, um zu sehen, wie ich arbeite.

Bilden Sie aus?

Nein, dazu fehlt mir hier ein wenig der Platz und auch die Aufträge. Auszubildende müssen ja auch jeden Tag beschäftigt werden.


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