Serie „Mein Job und ich“ Psychotherapeutin für Kinder aus Sögel über Druck in der Schule und Eltern

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Sögel. In unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Jessica Sander aus Sögel über zunehmenden Druck in der Schule, die Herangehensweise bei schweren Fällen wie Missbrauch und Gewalt sowie Konflikte zwischen Eltern und Kindern.

Frau Sander, in ihrem Büro und Behandlungsraum sind einige Brettspiele und anderes Spielzeug für Kinder zu finden. Wie häufig kommen sie zum Einsatz?

Manchmal nutze ich sie, um einen positiven Einstieg in ein Gespräch mit einem Kind zu finden. Desöfteren ist eine Spielzeit im Anschluss an eine Behandlungsstunde ein positiver Ausklang. Manchmal werden sie eingesetzt, wenn ich ein Gespräch nur mit einem oder beiden Elternteilen führen möchte und das Kind beschäftigt werden soll. Auch kommen therapeutische Spiele zum Einsatz, um spezifische Themen mit den Kindern zu erarbeiten, zum Beispiel den Zusammenhang von Gedanken und Gefühlen.

Es gibt in der Öffentlichkeit immer wieder Kritik, dass es mitunter sehr lange dauern kann, einen Termin bei einem Facharzt zu bekommen. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Ein Erstgespräch im Rahmen der psychotherapeutischen Sprechstunde versuche ich zeitnah anzubieten, um zunächst zu klären, welchen Behandlungsbedarf der Betreffende hat. Zum Beispiel wird geklärt, ob eine Unterstützung durch das Jugendamt in Frage kommt, oder zunächst einer stationären Behandlung notwendig ist oder nicht. Nach diesem Gespräch entsteht oft die Hoffnung, einen Fuß in der Tür zu haben bei einer Praxis wie mir und dann schnell Folgetermine zu bekommen. Leider gibt es insgesamt zu wenig Plätze. Und wie schnell dann ein Therapieplatz zur Verfügung steht, hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem auch, wann die Betroffenen Zeit haben. Termine am Vormittag bei mir zu bekommen ist einfacher. Dafür ist aber oft ein Einbeziehen der Schule notwendig.

Was sind die häufigsten Probleme oder Erkrankungen, mit denen Sie konfrontiert werden?

Das sind die vier Bereiche Angststörungen, Depressionen, ADHS und Probleme zwischen Eltern und Kindern. Auch Zwänge, Einnässen oder extreme Schüchternheit sind Dinge, die ich behandele. Angststörungen entstehen manchmal bereits in Kleinkindalter, beispielsweise können sich diese Kinder nur schwer trennen von den Eltern und es gibt dann Probleme beim Aufenthalt im Kindergarten. Angststörungen oder depressive Verstimmungen können aber auch bei Jugendlichen auftreten. Schule ist ohnehin oft Thema in den Gesprächen.

Woran liegt das?

Der Druck auf die Kinder und Jugendlichen, was Leistungen in der Schule und Erwartungshaltungen angeht, hat insbesondere durch die Verkürzung des Abiturs auf zwölf Jahre enorm zugenommen. Das überfordert viele schlichtweg, genauso, mit 17 Jahren den Erwartungsdruck der Eltern und Gesellschaft ausgesetzt zu sein, ein Studium oder eine Ausbildung zu beginnen. Deshalb begrüße ich die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren auch.

Wie wichtig ist das Einbeziehen der Eltern bei Ihren Fällen?

Oft gehört es dazu. Je jünger die Kinder sind, desto intensiver gestaltet sich oft die Arbeit mit den Eltern. Es muss aber auch von beiden Seiten gewollt sein, ansonsten unterliege ich einer Schweigepflicht den Eltern und auch den Kindern und Jugendlichen gegenüber. Wenn es darum geht, für beide Seiten einen Weg zu finden, weiterhin unter einem Dach zusammenzuleben, was nicht selten vorkommt, sind Gespräche mit beiden Beteiligten wichtig. Ziel ist dann, eine Lösung zu finden oder einen strukturierten Tagesablauf zu entwickeln, mit dem sowohl das Kind als auch das Elternteil leben können und der beiden Seiten Freiräume gibt, aber auch klare Regeln benennt.

Welche Fälle sind so gravierend, dass Sie diese ablehnen?

Die Frage ist immer, welchen Behandlungsbedarf jemand hat. Wenn zum Beispiel nach mehreren Sitzungen überhaupt kein Fortschritt erkennbar ist und keinerlei Zusammenarbeit stattfindet, sollte nach alternativen Behandlungsangeboten gesucht werden. Auch wenn Suizidgedanken weit fortgeschritten sind, kann ein vorübergehender stationärer Aufenthalt, in einer Klinik oder auch einer geschlossenen Jugendeinrichtung mit dauerhafter therapeutischer Begleitung sinnvoll sein. Die Behandlung von sogenannten Teilleistungsstörungen (grobe Schwächen beim Rechnen, Lesen oder Rechtschreiben, d. Red.), die wir diagnostizieren, werden von den Lerntherapeuten übernommen.

Wenn Sie einen besonders schweren Fall, zum Beispiel sexueller Missbrauch oder Gewalt, übernehmen, wie gehen Sie dann im Regelfall vor?

Häufig ist es so, dass die Betroffenheit und Unruhe im Umfeld des Betroffenen größer ist als bei dem Patienten selber. Der will häufig gar nicht wie ein rohes Ei behandelt werden, sondern Normalität einkehren lassen. Wichtig ist, die Betroffenen das erzählen zu lassen, was sie möchten und nicht unnötig nachbohren und damit Wunden aufreißen. Es geht häufig eher darum, in die Zukunft zu schauen, klare Ziele zu entwickeln und für das zu sorgen, was der Patient braucht und gemeinsam Wege zu finden, die Wunden heilen zu lassen.

Wie häufig kommen Patienten im Regelfall zu ihnen und woher stammen sie überwiegend?

Eine Kurzzeittherapie beginnt zunächst mit zwölf Therapieeinheiten, die dann bei Bedarf verlängert werden können. Die meisten sehe ich ein Mal in der Woche, manche alle zwei Wochen. Wir bekommen Anfragen aus dem gesamten nördlichen Emsland bis Rhede, Meppen und dem Hümmling. Manche werden von stationären Einrichtungen, zum Beispiel der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) in Aschendorf oder Neuenkirchen-Vörden an uns vermittelt, viele über die Kinderärzte, oder auch die Sozialarbeiter in den Schulen empfehlen eine Kontaktaufnahme zu uns. Manche kommen auch wegen einer gutachterlichen Beurteilung zu mir.

Wie sind Sie zur selbständigen Kinder- und Jugendpsychotherapeutin geworden?

Ich habe zunächst in Oldenburg ein Master-Studium im Bereich Rehabilitationspädagogik absolviert und während des Masterstudiums in einer SPV-Praxis in Oldenburg zunächst ein Praktikum gemacht und dann gearbeitet. Im Anschluss habe ich in Bremen eine vierjährige Zusatzausbildung zur Kinder- und Jugendpsychologin absolviert. Diese habe ich dann mit der Approbation abgeschlossen. Während meiner Ausbildung habe ich in der KJP Lüneburg gearbeitet, zuletzt als therapeutische Leitung der Außenstelle in Soltau. Im Herbst 2017 ergab sich die Gelegenheit, den Kassensitz von Frau Pomberg in Sögel zu übernehmen. Gemeinsam mit meiner Kollegin haben wir dann die Gemeinschaftspraxis gegründet: Frau Albrecht arbeitet in Cloppenburg und ich in Sögel.


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