Serie „Mein Job und ich“ Fahrlehrer aus Sögel über Drängler, Senioren am Steuer und seine Fahrweise

Von Lea Becker


Sögel. Seit 14 Jahren bringt Timo Borgmann aus Sögel jungen Menschen das Autofahren bei. In unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht er über die Ausbildung mit einem Simulator, drängelnde Verkehrsteilnehmer, Senioren am Steuer und seine eigene Fahrweise.

Hand aufs Herz. Wer fährt besser Auto, Frauen oder Männer?

Das ist eine gemeine Frage. Ich finde, die Mädels fahren besser. Sie hören mehr zu und sind vorsichtiger und überlegter. Die Jungs meinen immer, sie sind der King.

Haben sich die Schüler denn verändert?

Ja, sehr stark. Das Interesse am Führerschein ist nicht mehr so groß wie früher. Die Prioritäten liegen ganz klar beim Smartphone, Facebook und Partys. Und die Eltern fahren sie überall hin, damit nimmst du ihnen die Motivation, selber fahren zu wollen. Aber hier auf dem Land geht es ohne Führerschein nicht.

In Sögel ist der Verkehr beschaulich. Wo lernt man hier Autofahren?

Nicht hier, aber in Papenburg und Meppen und natürlich bei den Sonderfahrten. Wir fahren oft nach Oberhausen. Da kommen die Fahrschüler schon ganz schön ins Schwitzen und fangen an zu diskutieren, ob ich nicht weiter fahren könnte. Aber da müssen sie durch. Sie machen ja schließlich keinen „Papenburg-Führerschein“. Diese Erfahrung macht auch viel stressresistenter.

Sie haben einen Simulator für die Ausbildung. Wie läuft das ab?

Das ist wie richtiges Autofahren. Damit machen sie ihre ersten sechs Stunden und lernen die Grundlagen. Ein Fahrlehrer ist integriert und guckt mit der Kamera. Wenn sie zum Beispiel keinen Schulterblick machen, fängt der gleich an zu meckern.

Warum nicht gleich auf die Straße?

Im Simulator können die Fahrschüler ganz in Ruhe für sich üben. Der Peinlichkeitsfaktor ist weg. Sonst ist ihre größte Angst, dass andere zugucken, wie sie etwas falsch machen. So sind die Jungs und Mädchen viel sicherer, wenn ich das erste Mal mit ihnen losfahre. Außerdem behindern wir die anderen Verkehrsteilnehmer nicht und auch die Autos werden nicht so belastet.

Vor der Prüfung haben viele Angst. Fallen oft welche durch?

Das kommt schon vor. Normalerweise schafft es aber jeder beim zweiten Mal. Einige brauchen einfach die Erfahrung, wie die Prüfungssituation ist. Die Schüler machen sich leider immer wieder gegenseitig verrückt oder geben dem Prüfer die Schuld. Dabei sind die alle super. Die Prüfer beurteilen das Fahren völlig neutral, es geht ihnen keineswegs um die jeweilige Person am Steuer. Wenn du vernünftig fährst, bekommst du auch den Führerschein.

Was ist bei der Prüfung wichtig?

Du musst dich einfach gut vorbereiten. Das fängt schon bei der Abfahrtskontrolle an. Das ist der Einstieg in die Prüfung. Wenn der Schüler da glänzt, nimmt er die erste Hürde und geht gestärkt in die Prüfung. Das ist wichtig. Wenn er da aber schon herum stammelt, fängt man an nachzudenken. Das wirkt sich dann auch auf die Fahrt aus.

Inwiefern?

Die Schüler denken über jede Kleinigkeit nach. Das ist das größte Problem. Sie sind nervös und steigern sich da rein. Dabei kommt in der Prüfung ja nichts Neues. Du musst nur auf Ansage funktionieren, einfach gucken und reagieren. Ich weiß ja auch nicht, was auf meinem Heimweg passiert.

Was machen Sie gegen diese Nervosität?

Wir fahren manchmal vorher Prüfungssimulationen, wo mein Partner sich hinten reinsetzt und die Anweisungen gibt, während ich auf dem Beifahrersitz 45 Minuten lang schweige. Wenn hinten jemand drin sitzt, ist das gleich ein ganz anderes Gefühl. Das hilft den Jungs und Mädchen ungemein. Zusätzlich können sie sich noch mit unserem Drivers Camp vorbereiten.

Was ist das?

Mithilfe einer App können die Schüler die ganzen Prüfungssituationen in der jeweiligen Stadt per Video anschauen. Da werden alle wichtigen Stellen aus Papenburg oder Meppen gezeigt. Das ist ein Stressnehmer. Aber ich meine: Eine 30er-Zone bleibt eine 30er-Zone und eine Ampel bleibt eine Ampel.

Was halten Sie vom Führerschein mit 17?

Finde ich super. Die Eltern dürfen aber nicht zu sehr hineinreden. Die wollen ihre Kinder so ausbilden, wie sie fahren. Da haben sich über die Jahre aber häufig Fehler eingeschlichen, und die schauen sich die Kinder dann leider ab. Aber für die Eltern ist es natürlich auch nicht einfach. Sie haben keine Pedale, um notfalls einzugreifen. Sie werden dann schnell nervös und das überträgt sich auf den Nachwuchs.

Hatten Sie denn schon mal einen Unfall während einer Fahrstunde?

Bisher noch nicht. Uns ist nur mal jemand hinten drauf gefahren, als wir an einem Stopp-Schild gewartet haben.

Über langsame Fahrschulautos wird sich gerne aufgeregt. Können Sie das verstehen?

Nein. Die Leute vergessen, dass sie selber mal einen Führerschein gemacht haben. Wenn hinter uns gedrängelt wird, ist das purer Stress für die Schüler. Sie krallen sich am Lenkrad fest, bis kein Blut mehr in den Fingern ist und sind im ganzen Oberkörper komplett steif.

Wie geht man damit um?

Locker bleiben. Sie fragen dann „Ist das immer so?“. Ja, das ist der wirkliche Straßenverkehr, wie es jeden Tag passiert. Sie müssen lernen, damit umzugehen.

Sie verbringen viele Stunden mit den Jugendlichen im Auto. Worüber sprechen Sie?

Wir sprechen über alles. Persönliche Dinge, Schule, Beziehungen, wir sind häufig Seelentröster. Die Fahrschüler vertrauen uns schon einiges an.

Wie fahren Sie denn selber Auto?

Ich fahre Fahrschul-Like, außer wenn ich auf der Autobahn bin. Ich bin Vorbild und muss immer aufpassen. Aber wenn ich die ganze Woche nach Vorschrift fahre, bin ich froh, wenn ich das Auto auf der Autobahn auch mal laufen lassen kann.

Sind Sie schon mal geblitzt worden?

Einmal, aber da war ich noch kein Fahrlehrer. Aber ich muss auch auf die Schüler achten, denn wenn sie geblitzt werden, bekomme ich die Punkte.

Jugendliche sind immer mit ihrem Handy beschäftigt. Wie handhaben Sie das im Unterricht?

Das gehört im Flugmodus in die Ablage. Sonst können sich die Jugendlichen nicht auf das Fahren konzentrieren. Wenn das Handy klingelt oder auch nur vibriert, werden sie total nervös. Sie könnten ja etwas verpassen.

Geht trotzdem mal jemand ran?

Meinem Partner ist es in der Prüfung passiert. Das Handy klingelte. Sowohl der Prüfer, als auch mein Kollege haben beide gesagt, das stört uns nicht, lass es klingeln. Der Schüler ist trotzdem ran gegangen und hat gesagt, er rufe später zurück. Da war die Prüfung natürlich beendet.

Und wie sieht es mit Musik beim Fahren aus?

Musik steuert die Geschwindigkeit. Bei bestimmter Musik fängt man unterbewusst an, schneller zu fahren. Bei Fahranfängern auf der Autobahn, die sich noch nicht richtig trauen, Gas zu geben, funktioniert das immer gut.

Es wird immer wieder über Fahrtests für Senioren diskutiert. Wie sehen Sie das?

Als Familie ist es schwierig, einem Angehörigen zu sagen, er dürfe nicht mehr fahren. Es ist besser, wenn das von einer Fahrschule kommt. Manche ältere Menschen kommen auch freiwillig zu unseren Auffrischungskursen, das finde ich sehr gut.

Wie schlagen die sich?

Das ist unterschiedlich. Bei manchen musst du total aufpassen, weil die auch mal urplötzlich und ohne Grund auf die Bremse drücken. Dann hatte ich aber auch ein total fittes Ehepaar, bei denen alles top war. Er war über 80 und ist fast mit durchdrehenden Reifen zu Hause losgefahren.