Wie ein Zelt in der Wüste Voltlager Diasporakapelle steht immer noch in Bramsche

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Voltlage. Sie hatte damals ausgedient und verschwand vor gut 47 Jahren aus dem Dorf, die evangelische Diasporakapelle. Gerade viele ältere Bürger erinnern sich heute noch gut daran und sprechen oft über das kleine Gotteshaus, das damals am Sterthauk stand. Denn damit verbindet sich eine einzigartige Geschichte der Gemeinde: die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Heimatvertriebene und Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten in der Region sesshaft wurden.

Die Holzkirche von damals gibt es immer noch. Aber nicht mehr in Voltlage. Hier wurde sie abgebaut, sie steht seit 1971 im Bramscher Stadtteil Lappenstuhl und trägt heute den Namen „Thomaskapelle“ und wird für Gottesdienste und kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Auch wenn ihre Zeit Jahrzehnte zurückliegt, ist noch vieles bekannt über die Kapelle – nur nicht, wie sie hieß, als sie noch in Voltlage stand. Wahrscheinlich hatte sie zu der Zeit gar keinen Namen. Das war auch nicht so wichtig. Denn entscheidend war, dass mit dem Bau der kleinen Kirche die immer mehr werdenden evangelischen Christen im traditionell katholischen Voltlage eine Stätte für ihre Gottesdienste bekamen.

Jeder Dritte ein Flüchtling

Es zogen damals so viele Flüchtlinge nach Voltlage, Höckel und Weese, dass sich die Bevölkerungszahl verdreifachte. „1946 war jeder dritte Voltlager ein Flüchtling“, erinnert sich Heimatforscherin Maria Knuf, die 1983 in die Gemeinde zog. Eine historische Statistik besagt, dass es sogar noch mehr waren. Vor 70 Jahren kamen demnach auf 1700 Einheimische etwa 650 Flüchtlinge – also ein Vielfaches mehr als heute. Dass die Flüchtlinge von damals nie wieder in ihre Herkunftsgebiete zurückkehren werden können, zeichnete sich frühzeitig ab.

Eine evangelische Kirche gab es im katholischen Voltlage nicht. Die katholische Kirchengemeinde stellte damals den evangelischen Gläubigen zunächst ihren Seelsorgeraum und dann zeitweise die Pfarrkirche zur Verfügung – ein kleines Stück praktizierte Ökumene in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Doch das kirchliche Leben der Protestanten dehnte sich immer aus. Der Raum wurde zu klein. Oft mussten einige Gläubige draußen bleiben.

Eigener Kirchenchor

Bedarf nach mehr Platz war auch deswegen da, weil sich ein Kirchenchor gebildet hatte, der Raum zum Üben brauchte. Den Chor leitete Lehrer Ellrich aus Höckel, der dieses Amt von einem gewissen Herrn Schmidt aus Weese übernommen hatte. Neben dem Platzproblem bewegte die evangelischen Christen der Wunsch, ihre Gottesdienste zu den üblichen Zeiten feiern zu können und nicht nur dann, wenn Lücken im Kalender der Katholiken waren. Genau richtig kamen da zwei große Nachkriegskirchenbauprogramme. Diese gingen vom Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland aus. So entstanden im ganzen Land sogenannte Notkirchen und Diasporakapellen. Obwohl es harte Zeiten im unter den Kriegsfolgen leidenden Deutschland waren, war die Finanzierung gesichert. Denn diese übernahm die amerikanische Sektion des lutherischen Weltbundes. Diese weltweite Vereinigung lutherischer Kirchen gründete sich 1947 in Schweden. Bereits vorher gab es den Lutherischen Weltkonvent.

Baumeister Bartning

Pläne waren da, Geldgeber gab es, nun musste nur noch ein Baumeister her. Diesen gab es zum Glück: Otto Bartning, den verantwortlichen Bauplaner des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen in Deutschland. Unter der Leitung des Karlsruher Architekten entstanden von 1947 bis 1953 insgesamt 43 sogenannte Notkirchen und 33 Diasporakapellen, eine davon eben die in Voltlage. Bartning war ein erfahrener Mann auf seinem Gebiet. Das Bauprogramm gehörte zu seinem Spätwerk. Zu Beginn zählte er bereits 64 Jahre. Er starb 1959 mit 76 in Darmstadt. Heute gilt Otto Bartning als einer der bedeutendsten deutschen Kirchenbaumeister. Große Verdienste hatte er sich bereits direkt nach dem Krieg beim Wiederaufbau Helgolands erworben.

Die Initiative für den Kirchenbau in Voltlage ging von Flüchtlingspastor Dr. Neuendorff aus, der damals im Hause Trütken an der Neuenkirchener Straße wohnte. Pastor Neuendorff stellte den Bauantrag, diesem wurde am 9. Juni 1950 stattgegeben. Der Baubeginn verzögerte sich aber, weil die Kirche nicht bis zum Winter fertig geworden wäre. Der örtliche Bauleiter, Architekt Rutenschröer aus Recke, lehnte Winterbaustellen ab. So begannen die Bauarbeiten erst im Frühjahr 1951. Am 8. Juli 1951 wurde die Diasporakapelle feierlich eingeweiht. Als Chronist des Ereignisses betätigte sich der evangelische Lehrer Ellrich. In die Schulchronik der evangelischen Volksschule Höckel trug der Pädagoge ein: „Die Einweihungsfeier, an der der Landessuperintendent aus Georgsmarienhütte, der Superintendent aus Bramsche, Pastor Hickmann aus Fürstenau und ein amerikanischer Pastor als Vertreter des Weltbundes teilnahm, sah auch unsere Schule vollzählig. Leider musste der örtlich zuständige Pastor seinen Wohnsitz nach Bramsche verlegen und kommt nun von dort nach Voltlage zum Gottesdienst.“ Für die musikalische Begleitung sorgte an diesem Tag ein Posaunenchor aus Rieste.

Revolutionär für die Zeit war die von Otto Bartning vorgegebene Fertigbauweise der Kirche. Die einzelnen Gebäudeteile waren vorgefertigt und mussten nur noch vor Ort montiert werden. Die Holzbinderkonstruktion sollte nach Bartnings Vorstellungen das „zeitlos gültige Bild vom Zelt in der Wüste, das den Menschen in der Nachkriegszeit Orientierung und Geborgenheit vermitteln.“ Die evangelischen Christen nahmen diesen Gedanken an.

Geld aus Amerika

Die amerikanischen Geldgeber legten allergrößten Wert auf Erhaltung und Pflege. Dazu erschien ein Merkblatt der Bauabteilung Neckarsteinach des Hilfswerks der evangelischen Kirchen. Darin heißt es zum Beispiel „Spätestens alles zwei Jahre ist das äußere Holzwerk … mit Xylamon oder farblosem Karbolineum zu streichen“. Am Ende steht ein unmissverständlicher Hinweis: „Die ausländischen Stifter …würden sich mit Recht wundern, wenn eine Gemeinde, der mit so großer Summe geholfen wurde, ihren Kirchraum unpfleglich behandelte.“ Das Hilfswerk musste damals die Voltlager übrigens mehrfach anmahnen, zu bestätigen, dieses Merkblatt erhalten zu haben.

Irrationale Ängste

Die evangelische Kirche war nun da im öffentlichen Leben der Gemeinde. „Es gab aber keine großen Berührungspunkte zwischen evangelischen und katholischen Christen“, weiß Maria Knuf, Vorsitzende des Heimatvereins, und ergänzt: „Es herrschte in einigen Teilen der katholischen Bevölkerung sogar die Befürchtung, dass religionsmäßig etwas durcheinandergerät im Ort. Aber diese Ängste waren irrational.“ Für absolut übertrieben hält die Heimatforscherin die Erzählungen einiger älterer Voltlager, dass Eltern ihre Kinder anwiesen, ihren Kopf zur Seite zu drehen und den Blick von der evangelischen Kirche abzuwenden, wenn sie dort vorbeigingen.

Nach und nach zogen im Laufe der Zeit evangelische Christen aus Voltlage fort und suchten sich eine neue Heimat. Die Zahl der Gemeindemitglieder schrumpfte bis 1968 so arg, dass fast alle weg waren und die Kirche nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Heimatforscherin Maria Knuf erinnert sich an eine Veranstaltung in der Kirche, die 1968 wahrscheinlich die letzte dort war. Es war die Beerdigung des Schülers Hans Howiller, der unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben kam. An der Feier nahmen seine Mitschüler und Fußballkameraden teil. Viele von ihnen waren Katholiken und sahen bei dieser Gelegenheit die Diasporakapelle das erste Mal von innen. Die wenigen in Voltlage noch verbliebenen evangelischen Christen wurden der evangelischen Kirche in Fürstenau angegliedert.

Ganz genau ist es nicht mehr zurückzuverfolgen, aber es soll der Engteraner Pastor Wachsmuth gewesen sein, der die Initiative vorantrieb, die Kirche zu kaufen, abzubauen und in Lappenstuhl wieder aufzubauen. Die Idee dazu hatte angeblich der damalige Superintendenten Stisser.

Wahrscheinlich im Juli 1969 –auch das ist nicht mehr genau zu rekonstruieren- wurde das Kirchengebäude in Voltlage in Einzelteile zerlegt und nummeriert. Lange Zeit lagerten die Gebäudeteile in der Scheune von Friedrich bei der Kellen an der Alten Heerstraße. Einige Bauteile aber auch im Freien. Dadurch wurden sie schadhaft und mussten ersetzt werden. Das erklärt, warum die Kapelle heute nicht mehr zu 100 Prozent im Originalzustand ist.

Thomaskapelle

Das Gotteshaus wurde wieder aufgebaut und im August 1971 wieder eingeweiht. In Lappenstuhl erhielt die Kapelle dann auch ihren Namen. Die Lappenstuhler zweifelten lange daran, dass die Kirche bei ihnen wieder aufgebaut wird. Lehrerin Peper von der Schule im Ort schlug daraufhin den Namen Thomas vor, in Anlehnung an den stets zweifelnden Thomas in der Bibel.

Heute lebt das Werk des großen Architekten in der Otto Bartning Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau e. V. (OBAK) weiter. Diese gründete sich 2003 und ist in Berlin ansässig. Das Ziel der Organisation ist es unter anderem, dass die heute noch erhaltenen Notkirchen und Diasporakapellen in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen werden.

Weltkulturerbe.

„Sie sind ein einzigartiges sakrales Flächendenkmal mit herausragender architektur-, kultur- sowie kirchengeschichtlicher Bedeutung“, sagt OBAK-Vorsitzender Immo Wittig. Daher hat die Kirchengemeinde Engter, zu der Lappenstuhl gehört, einen Antrag auf Aufnahme ins Weltkulturerbe gestellt.

Es ist noch gar nicht lange her, dass sich Bürgermeister Bernhard Egbert, Josef Egbert und Norbert Trame auf den Weg zu einer Aktion nach Lappenstuhl machten. Die drei Voltlager kamen im Dezember 2015 mit Auto, Anhänger und einer in ihrem Ort gewachsenen Nordmanntanne. „Dieser Weihnachtsbaum ist bei uns über viele Jahre gewachsen. Er soll hier in Lappenstuhl an den ursprünglichen Standort der Kirche in Voltlage erinnern“, sagte Bürgermeister Bernhard Egbert beim Aufstellen. Der Weihnachtsbaum ist weg, die Kapelle wird hoffentlich noch lange stehen.


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