Fachmann erläutert Schäden Voltlager Kirchenorgel krankt an giftigem "Bleizucker"

Von Bjoern Thienenkamp

Die Schäden der mehr als 300 Jahre alten Orgel in der St.-Katharinen-Kirche in Voltlage erläuterte Franz-Josef Rahe den Gästen während eines Konzertes. Foto: Björn ThienenkampDie Schäden der mehr als 300 Jahre alten Orgel in der St.-Katharinen-Kirche in Voltlage erläuterte Franz-Josef Rahe den Gästen während eines Konzertes. Foto: Björn Thienenkamp

Voltlage. Die Overberg-Stiftung Voltlage hat sich die Sanierung der 1697 erbauten Orgel in der St.-Katharinen-Kirche zur Aufgabe gemacht. Während eines Konzertes erfuhren die Voltlager, warum die Reparatur so dringend ist.

Kultur und Bildung. Ein geradezu intellektuelles Paket hatte die Overberg-Stiftung mit der Kombination aus Kirchenkonzert und Orgelkunde für die Besucher geschnürt. Für den Gesang sorgten der Cäcilienchor Voltlage unter Leitung von Dorothea Gedig und der Männergesangverein Merzen unter der Leitung von Alfons von der Haar. 

Zur Sache

Overberg-Stiftung Voltlage
Die Overberg-Stiftung ist im Jahr 2009 von 24 Stiftern aus der Taufe gehoben worden. Sie ist nach Bernard Heinrich Overberg (1754–1826) benannt, dem berühmten Sohn der Gemeinde, der als Priester, Erzieher und „Lehrer der Lehrer“ entscheidenden Anteil an der Reform des Landschulwesens hatte. Der Vorstand der Overberg-Stiftung unter dem Vorsitz von Maria Knuf besteht aus fünf Mitgliedern. Der siebenköpfige Stiftungsrat tagt unter dem Vorsitz von Karl-Heinz Fullenkamp. Weiteres Gremium ist die einmal jährlich tagende Stiftungsversammlung. Diese Bereiche will die Overberg-Stiftung laut Satzung unterstützen: Bildung und Erziehung, Kinder-, Jugend- und Altenhilfe, Integration und interkulturelle Beziehungen, Sport, Brauchtum, Heimatpflege, Kultur, Naturschutz und Landschaftspflege. Informationen: Gemeinde Voltlage, Telefon 05467/221.


„In Anbetracht der Zinsertragsentwicklung können wir Projekte nicht mehr finanzieren oder anstoßen“, bedauerte Maria Knuf im Gespräch mit unserer Zeitung. „Aber mit einem rund eineinhalbstündigen Konzert und dem anschließenden Umtrunk im Jugendheim bieten wir der Gemeinde etwas“, freute sich die Vorsitzende der Overberg-Stiftung. Was nach Abzug der Kosten übrig bleibe, komme der Orgelrestaurierung zugute, versicherte die 67-Jährige.  

„Dieses Instrument ist wirklich ein himmlisches Instrument.“Detlef Perk, Pfarrer


„Klingen wird unsere Orgel heute nicht. Sie ist krank“, leitete Maria Knuf ihre Begrüßung ein. Die erste Orgel sei schon um 300 vor Christus in Griechenland erfunden worden. Von dort brachte Kaiser Nero das Instrument nach Rom, von dort verbreitete es sich im Abendland – fand aber nicht seinen Weg in die Kirchen, schilderte Knuf. Die Orgel sei ein Instrument der Oberschicht, der Adeligen gewesen, die Päpste hätten sie nicht in den Kirchen haben wollen. Sie sei ihnen zu weltlich gewesen, der Klang zu sinnlich. „Der Stellenwert der Orgel war nicht immer der gleiche“, sagte Pfarrer Detlef Perk nach den ersten Auftritten der beiden Chöre in gewohnt reiner Sangeskunst und harmonischer Qualität. „Dieses Instrument ist wirklich ein himmlisches Instrument“, schwärmte er. 

Foto: Björn Thienenkamp


Zwei Umbauten seit 1697

Ein Kenner der Voltlager Orgel ist Franz-Josef Rahe. 1697 war das Instrument in der Werkstatt von Heinrich Clausing in Herford gebaut worden. Zweimal sei sie erweitert worden. „War die alte Kirche zunächst sieben mal 13 Meter groß, so wie die evangelische Kirche in Ueffeln, wies die neue Kirche 1752 mit 14 Metern eine verdoppelte Breite auf. Dafür war die Orgel dann zu klein und wurde erstmals erweitert“, erklärte der Diözesanbeauftragte für Kirchenmusik und Orgelsachverständige des Bistums Osnabrück. Ursprünglich habe die Orgel die Gemeinde nicht begleitet, sondern sei im Wechsel gespielt worden, also die erste Strophe die Orgel, die zweite Strophe die Gemeinde und so weiter, diese gottesdienstliche Praxis habe sich aber geändert, leitete Rahe die zweite Erweiterung 1896 ein: Der Klang der Orgel habe nicht ausgereicht, um den Gesang der Gemeinde zu begleiten, die tiefen Stimmen hätten gefehlt, um dem Klang ein Fundament zu geben.

Foto: Björn Thienenkamp


Älteste Orgel im Bistum Osnabrück steht in Voltlage

„Mittlerweile sind die Schäden an der historischen Substanz so groß, dass die Orgelpfeifen sich von innen zersetzen, das sieht man außen nicht“, sagte Rahe, dass dort so genannter Bleizucker herausgeklopft werden könne, ein weißes und giftiges Pulver. Die Pfeifen aus Zinn mit unterschiedlichen Bleianteilen kristallisieren regelrecht. „Da muss jetzt was passieren“, sagte er über die älteste von rund 250 Orgeln des Bistums Osnabrück. „Vor 53 Jahren habe ich die Orgel zum ersten Mal gespielt“, blickte der 72-Jährige zurück. Auch bei der Renovierung 1994 sei er dabei gewesen.

Dem Umstand, dass die Restaurierung der Orgel, die im Jahr 1999 bereits angedacht gewesen sei, so lange auf sich habe warten lassen, gewann Rahe aber auch etwas Gutes ab: Heutzutage sei die Erfahrung, Routine und Technik der Restaurateure viel fortschrittlicher.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN