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Pfarrer Hermann H. aus Merzen Das muss man wissen zu einem der größten Missbrauchsfälle in Niedersachsen

Die St.-Lambertus-Kirche in Merzen: Hier arbeitete Pfarrer Hermann H. 21 Jahre lang. Foto: Christian GeersDie St.-Lambertus-Kirche in Merzen: Hier arbeitete Pfarrer Hermann H. 21 Jahre lang. Foto: Christian Geers 

Merzen/Osnabrück. Immer mehr Opfer des ehemaligen Gemeindepfarrers Hermann H. melden sich beim Bistum Osnabrück. Wer sind die Opfer? Wie ging der Täter vor? Wie kam das Ganze ans Licht? Ein Überblick in vier Kapiteln:

1. Die Opfer

Am Anfang stehen drei Männer, die das Bild eines vielfach geehrten Priesters geraderücken. Sie treten eine Lawine los und machen zusammen mit dem Bistum Osnabrück öffentlich, dass Gemeindepfarrer Hermann H., der 21 Jahre in Merzen arbeitete, dort in den 80er und 90er Jahren Kinder sexuell missbraucht hat. An einem Sonntagmorgen kurz vor Weihnachten wendet sich das Bistum mit einem Brief des Bischofs an die Gemeinde. Er wird im Gemeindehaus verlesen. Viele Bürger verfolgen das Geschehen an diesem Morgen.

Foto: Christian Geers

Ob die drei Betroffenen unter den Gemeindemitgliedern sind, wissen nur wenige. Die Männer wollen anonym bleiben. Denn der Druck im Dorf ist immer noch groß.

In den folgenden Wochen melden sich immer mehr Opfer des Pfarrers und deren Angehörige beim aktuellen Merzener Gemeindepfarrer, bei Missbrauchsbeauftragten und beim Bistum selbst. Mitte Februar spricht die Kirche von 16 unmittelbar Betroffenen, die klar identifiziert wurden. Mittlerweile sind auch alle vier Orte, an denen H. tätig war, nämlich Dalum, Rhede, Twist und zuletzt Merzen, betroffen. Der Tatzeitraum weitet sich aus bis in die 60er Jahre. Die Opfer waren zum Tatzeitpunkt 9 bis 13 Jahre alt. Viele wollen heute – ähnlich wie die ersten drei – lediglich ein Strich auf der Liste sein und bezeugen, dass die Übergriffe des Pfarrers keine Einzelfälle waren. Nur wenige fordern Geld von der Kirche. Einigen werden Therapiekosten bezahlt. Beobachter gehen davon aus, dass sich weitere Opfer melden könnten. Bistumssprecher Hermann Haarmann sagt:

"Wir gehen zurzeit von einer erheblichen Dunkelziffer im zweistelligen Bereich aus."

Nur einer der Männer wagte es, über das, was ihm Pfarrer H. angetan hat, öffentlich zu sprechen und mit Gerüchten aufzuräumen, hier habe ein Priester vielleicht einmal zu viel einem Kind über den Kopf gestreichelt. Ja, diese Gerüchte gibt es wirklich. Der Betroffene schildert:

"H. schaffte es immer wieder Situationen herbeizuführen, in denen er mit mir alleine war und mich dann immer wieder unsittlich anfasste. Einmal schaffte er es sogar meine nackten Genitalien zu befummeln. Bitte verstehen Sie, dass ich an dieser Stelle nicht näher auf die sexuellen Übergriffe eingehen möchte."


2. Der Täter

In den allermeisten Fällen von Missbrauch in der Kirche sind die Täter längst tot. Hermann H. lebt. Er ist heute 85 Jahre alt, bewohnt ein Zimmer in einem komfortablen Altenheim in Osnabrück. Bis ins hohe Alter galt der Priester als geachteter Mann. Ehrenpräses der Kolpingsfamilie, einer, der sich für die Jugend engagierte, Zeltlager organisierte und noch bis vor zwei Jahren Jugendliche im Zeltlager besuchte. Zum Priesterjubiläum, zu Geburtstagen und Kartenspielen reisten Gemeindemitglieder aus Merzen eine knappe Stunde bis nach Hagen, wo H. im Ruhestand hinzog bevor er ins Altenheim übersiedelte. Eines seiner ehemaligen Opfer beschreibt ihn als gruseligen Mann:  

"Der Klassiker war das Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche. Er hat mit der Angst der Menschen gespielt und hat auch die Stimme erhoben. Er hat zum Beispiel nicht „Vorsicht“ gesagt, sondern uns mit einem lauten "Vor's Gesicht!" erschrocken. [...] Er war einfach unglaublich dreist und schien keine Schuldgefühle zu haben. Außerdem hatte er Kontakte bis in die Schulen der Nachbarorte hinein. Der hatte alles unter Kontrolle."


Opfer berichten heute, dass H. sie immer wieder in Situationen gelockt habe, in denen er mit ihnen alleine war. Zeltlager und Schwimmbäder sind demnach wiederholt Tatort. Angezeigt hat ihn offenbar niemand.

3. Die Kirche 

Schon zu Beginn der Karriere des Gemeindepfarrers Hermann H. habe es Gerüchte gegeben, erinnern sich heute viele. Später waren die Übergriffe des Pfarrers offenbar so etwas wie ein offenes Geheimnis in Merzen. An der Schulmauer habe mal gestanden „Der Pfarrer ist schwul.“ Korrekt hätte es wohl heißen müssen: „Der Pfarrer ist pädophil.“

Kurz nachdem der heutige Bischof Franz-Josef Bode sein Amt in Osnabrück übernahm, versetzte er H. in den vorzeitigen Ruhestand – aus gesundheitlichen Gründen, hieß es damals.

Foto: Michael Gründel

Heute bestätigt die Kirche, dass der tatsächliche Grund die Gerüchte um H. waren. Das Bistum konfrontierte den Pfarrer sogar, der stritt aber alles ab. Eigentlich soll H. sich anschließend nur noch mit Senioren umgeben. Das überprüft allerdings niemand und so hat H. auch immer wieder Kontakt zu Jugendlichen. 


4. Die Konsequenzen

Den Pfarrer anzuzeigen wäre damals einem gesellschaftlichen Selbstmord gleichgekommen, so beschreiben es viele in Merzen. Fast der ganze Ort war katholisch – und offenbar fest in der Hand des Geistlichen. Als sich die drei Männer im vergangenen Dezember melden, ist es für weltliche Strafverfolgung zu spät. Die Taten sind verjährt. Nach Kirchenrecht ist das anders: Die Akten werden nach Rom geschickt, dort weist man den Osnabrücker Bischof an, disziplinarische Maßnahmen gegen H. zu ergreifen.

Domkapitular Ulrich Beckwermert liest bei einer der ersten Versammlungen in Merzen vor, was der Bischof entschieden hat (links von Beckwermert: Justiziar Ludger Wiemker und Bistumspressesprecher Hermann Haarmann):

Ansonsten sieht Rom von einem krichengerichtlichen Verfahren ab. Grund: Alter und Gesundheit des Geistlichen. Vielen geht die Strafe des Bischofs nicht weit genug. Und viele Opfer wünschen sich, dass die Verantwortlichen konfrontiert werden, außerdem hoffen sie auf Reformen des Machtapparates, der den Missbrauch ermöglicht hatte. Die Merzener Kolpingsfamilie teilte zwischenzeitlich mit, dass H. kein Ehrenmitglied mehr sei.

Am vergangenen Mittwoch stellte das Bistum ein aktualisiertes Konzept gegen Missbrauch vor. Um Merzen geht es dabei nur am Rande. Eine Konfrontation der Verantwortlichen ist nicht geplant. In den nächsten Monaten sollen sich mehrere Arbeitsgruppen mit dem Thema Missbrauch beschäftigen.

Nachdem sich immer mehr Opfer gemeldet hatten, schickte das Bistum die Unterlagen zum Fall Hermann H. jedoch erneut in den Vatikan – und hofft, dass der Priester aus dem Klerikerstand entlassen werden kann. In der Folge könnte sich die Kirche gewissermaßen von diesem Priester trennen. Der Bischof wäre nicht mehr für ihn verantwortlich. Das Verfahren in Rom läuft noch.


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