Übergriffe durch langjährigen Pfarrer Missbrauchsopfer aus Merzen im Interview: "Fühlte mich absolut ausgeliefert"

Auch um die Merzener Kirche herum wurde Pastor H. laut Betroffenen übergriffig. Foto: Stefanie WitteAuch um die Merzener Kirche herum wurde Pastor H. laut Betroffenen übergriffig. Foto: Stefanie Witte

Merzen. Nach Jahrzehnten des Schweigens machten drei Missbrauchsopfer Mitte Dezember die Taten des katholischen Gemeindepfarrers H. aus Merzen im Süden Niedersachsens öffentlich. Viele weitere haben sich seitdem gemeldet und berichten von ähnlichen Erlebnissen. Nun spricht erstmals einer der Männer über seine Erlebnisse mit dem Priester.

Sie sind der erste aus dem Kreis der Betroffenen, der sich traut, mit der Presse zu sprechen. Auch Sie wollen nicht erkannt werden. Warum?

Einerseits will man mit dem Thema abschließen. Wenn ich jetzt namentlich darüber sprechen würde, könnte ich das noch nicht. Dann geht es weiter. Und wenn ich mir vorstelle, dass es irgendwo eine Fernsehreportage dazu geben würde und ich müsste mein Gesicht zeigen – das würde ich im Leben nicht tun. Denn dann müsste ich auch irgendwann die Leute konfrontieren, die das Ganze heute immer noch verharmlosen. Das will ich eigentlich nicht. Außerdem fühle ich mich nicht als das Opfer, das am schlimmsten betroffen war. Das alles war für mich sehr unangenehm aber mir tun in erster Linie die Betroffenen leid, die offensichtlich daran zerbrochen sind.

Wie wurden die Taten öffentlich? Hier geht's zum Hintergrund.

Wie haben Sie erfahren, dass die Taten von Pastor H. nun öffentlich wurden?

Nachdem der Brief des Bischofs an dem Samstag vor Weihnachten in der Kirche verlesen worden war, kam alles zurück, was ich eigentlich für beendet gehalten hatte. Zumal das Ganze von einigen im Ort weiter abgetan wurde. Das hat wirklich wehgetan.

Mehrere Betroffene wandten sich direkt an den aktuellen Merzener Pfarrer Detlef Perk (rechts) - hier bei einer Gemeindeversammlung kurz vor Weihnachten, bei der das Bistum über die Taten seines Vorgängers Hermann H. informierte. Foto: Christian Geers


Sie haben sich dann beim Bistum gemeldet?

Ja, ich habe Pastor Perk kontaktiert und mich mit ihm getroffen. Er war sehr rücksichtsvoll und hat gefragt, ob wir uns wirklich im Pfarrhaus treffen wollen, denn er wusste ja mittlerweile auch, was da alles passiert war. Wir waren allerdings nicht in dem Zimmer, in dem H. sonst immer seine Zärtlichkeiten ausgetauscht hat. Von daher war es in Ordnung. Pastor Perk hat das wirklich sehr gut gemacht.

Wie haben Sie Pastor H. als Menschen erlebt?

Der Klassiker war das Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche. Er hat mit der Angst der Menschen gespielt und hat auch die Stimme erhoben. Er hat zum Beispiel nicht „Vorsicht“ gesagt, sondern uns mit einem lauten "Vor's Gesicht!" erschrocken. Als Kind fand ich ihn gruselig. Er war einfach unglaublich dreist und schien keine Schuldgefühle zu haben. Außerdem hatte er Kontakte bis in die Schulen der Nachbarorte hinein. Der hatte alles unter Kontrolle.

Was haben sie selbst mit Pastor H. erlebt?

H. schaffte es immer wieder Situationen herbeizuführen, in denen er mit mir alleine war und mich dann immer wieder unsittlich anfasste. Einmal schaffte er es sogar meine nackten Genitalien zu befummeln. Bitte verstehen Sie, dass ich an dieser Stelle nicht näher auf die sexuellen Übergriffe eingehen möchte.

Gab es weitere Vorfälle?

Es gab beispielsweise diese Situationen, in denen man im Zeltlager mal ein Pflaster brauchte und mit ihm alleine im Zelt war. Bei Lagerfeuerabenden hat H. immer Gruselgeschichten erzählt, um danach wieder zu trösten. Man konnte auch nicht einfach zu ihm ins Büro gehen, um nur etwas abzusprechen. Man konnte nichts machen, ohne dass nicht noch etwas dazu kam.

Wie haben Sie diese Übergriffe als Kind empfunden?

Das war mir super unangenehm. In dem Alter haben Jugendliche natürlich Probleme mit ihrer aufkommenden Sexualität und müssen diese erst noch erfahren und erlernen. Da waren die Übergriffe durch H. sehr verwirrend und verstörend für mich. Ich habe den Fehler in dieser Zeit immer bei mir gesucht und nächtelang kein Auge zubekommen. Man hatte damals auch kein Bewusstsein dafür, dass das eine strafbare Handlung war. Ich schon gar nicht. Und selbst für meine Eltern, denen ich erst viel später davon erzählt habe, war das schwierig. Er hat mich ja nicht penetriert – dann wäre es klar gewesen. Außerdem hat mir Pfarrer H. immer wieder Angst eingejagt, um mir dann im nächsten Moment „Zärtlichkeiten“ zukommen zu lassen und ich konnte nichts tun. Diese Ohnmacht hat mich wütend und traurig gemacht. Ich fühlte mich absolut ausgeliefert.

Erinnern Sie sich, wie häufig er Sie in solche Situationen gebracht hat?

Ich glaube, er hat es nicht so häufig geschafft, wie er sich gewünscht hätte. Nach dem einen Mal als er meine Genitalen befummelt hat, bin ich ihm, so weit wie möglich, aus dem Weg gegangen. Er suchte zwar immer wieder Kontakt, aber ich habe mich ferngehalten. Unterm Strich waren das vielleicht acht bis zehn Vorfälle.

War das Verhalten des Pfarrers Thema bei Gleichaltrigen?

Ja, absolut. Man hat es nicht in dem Sinne als Verbrechen bezeichnet. Aber unter uns war das klar. Wir wussten genau, wenn er sich wieder jemanden suchte, mit dem er herumschmusen kann. Einmal stand ein Spruch an der Schulmauer: „Der Pfarrer ist schwul“. Das wurde schnell entfernt, um keinen Aufruhr zu verursachen.

Ihren Eltern haben Sie erst spät von all dem erzählt. Warum?

Da spielte Scham eine Rolle. Ich habe aber auch gedacht, dass es nichts ändert, wenn ich etwas erzähle. Aber ich musste mir immer mehr Ausreden ausdenken, um dem Pfarrer aus dem Weg zu gehen. Das ging irgendwann nicht mehr ohne die Rückendeckung meiner Eltern. Sie haben ihn nicht angezeigt. Genau wie ich waren sie sich nicht sicher – es hätten ja auch alles Zufälle sein können. Außerdem wäre eine Strafanzeige einem gesellschaftlichen Selbstmord gleichgekommen. Der Pfarrer war im Ort unantastbar. Meine Eltern sind auch nach wie vor zur Kirche gegangen. Als H. dann in den Ruhestand versetzt wurde, haben wir uns gesagt, dass wir da auch mal einen Strich drunter machen müssen. Jetzt sei es auch gut gewesen.

Wie haben Sie die Versetzung von Pfarrer H. in den vorzeitigen Ruhestand erlebt? Offiziell nannte das Bistum ja gesundheitliche Gründe.

Alles, was über ihn gesagt und geschrieben wurde, habe ich so weit wie möglich ignoriert. Aber im Ort hieß es schon: Das habt ihr nun von euren Gerüchten. Jetzt ist er krank. Für die Leute im Ort war klar: Er ist an diesen Gerüchten erkrankt.

Wie nehmen Sie die Diskussion über dieses Thema in Merzen heute wahr?

In meinem Bekanntenkreis war das keine Überraschung. Irgendwie wussten es ja alle. Sie hatten beispielsweise selber gesehen, dass der Pastor im Zeltlager morgens im Schlafsack eines Messdieners lag.

Andere sagen, dass so ein Thema ja wohl einfach nur total hip sei, so wie die Me-too-Debatte. Da werde aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Die fragen, was denn so schlimm daran sei, dass der Pfarrer mal Kinder im Zeltlager getröstet hat. Nach dem Motto: Jedes Kind, dem er mal über den Kopf gestreichelt hat, meint jetzt auch, sich melden zu müssen…

Mitte Dezember kam es bei einer Versammlung der Kirchengemeinde Merzen im Pfarrheim zu einer ersten Aussprache zwischen Gläubigen und Bistumsleitung. Foto: Christian Geers


Welche Auswirkungen hat das Erlebte heute für Sie?

Ich würde mich definitiv nicht als traumatisiert bezeichnen. Es hat mich sicher mitgenommen. Vielleicht habe ich es auch zum Teil verdrängt, sonst hätte ich nicht über Weihnachten und Silvester so viele Tränen vergossen. Immer wenn ich wieder genau reflektiere, was passiert ist, geht mir das nahe. So wie in dieser Situation jetzt. Ich dachte gerade schon ein paar Mal: Ich muss jetzt mal tief durchatmen. Aber ich glaube nicht, dass es mich in meiner Persönlichkeit verändert hat.

Hatte es Auswirkungen auf Ihren Glauben?

Ich denke nicht. Ich habe immer Glauben von Kirche getrennt. Ich akzeptiere die Regeln der Kirche, die ich für mich als gut empfinde. Und andere, die nicht passen, passen eben nicht.

Welche Rolle haben Ihrer Meinung nach kirchliche Strukturen im Zusammenhang mit den Taten von Pfarrer H. gespielt?

Der Pfarrer hatte durch seinen Beruf die Möglichkeit, sich einen richtig guten Namen zu machen. Er konnte ein Jugendheim bauen, das Pfarrhaus bauen… Sakramente, die in der katholischen Kirche damals noch intensiver gelebt wurden, waren für ihn Machtinstrumente. Man konnte diesem Mann nicht entgehen. Außerdem hat seine Art zu leben niemanden irritiert. Es war ja klar, dass er zölibatär lebt und auch, dass er mit Messdienern zu tun hat. Die Tatsache, dass H. vor der Versetzung nach Merzen schon mehrfach versetzt worden war, hinterlässt bei mir den Eindruck, dass das Bistum von seinen Vorlieben gewusst hat, oder sie zumindest erahnte und durch die Versetzungen die jeweils nächste Gemeinde ihrem Schicksal überließ.

Was wünschen Sie sich heute von der Kirche?

Ich wünsche mir, dass die Kirche die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen nutzt und unzeitgemäße Regeln abschafft oder zumindest radikal reformiert. Außerdem sollten die Funktionsträger der Kirche jener Zeit, soweit sie noch leben, mit diesen Vorgängen konfrontiert werden. Ich glaube, dass die jetzt handelnden Personen des Bistums es mit der Aufklärung ernst meinen. Allerdings zieht die Katholische Kirche bislang keine strukturellen Konsequenzen. Die Machtinstrumente, das Moralaposteltum besteht weiterhin. Die Katholische Kirche ist immer noch nicht demütig und das müsste sie eigentlich sein. Ich denke, dass es Kirche nicht zusteht, Menschen aufgrund Ihrer gewählten Lebensform zu diskriminieren.

Weiterlesen: Das Bistum Osnabrück zieht nun weitere Konsequenzen.


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