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"Übergriffe und sexueller Missbrauch" Neuer Missbrauchsfall im Bistum Osnabrück

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Im Zentrum von Merzen und jetzt im Zentrum eines Missbrauchskandals: Die Pfarrkirche St. Lambertus. Foto: Stefanie WitteIm Zentrum von Merzen und jetzt im Zentrum eines Missbrauchskandals: Die Pfarrkirche St. Lambertus. Foto: Stefanie Witte

Merzen. Ein Priester aus dem Bistum Osnabrück soll in den 80er und 90er Jahren mehrere Kinder sexuell missbraucht haben. Hermann H. arbeitete 21 Jahre lang als Pfarrer in Merzen im Landkreis Osnabrück und lebte anschließend 18 Jahre lang in Hagen. Am Samstag wurde erstmals ein Brief des Bischofs in Merzen verlesen.

„Ein inzwischen im Ruhestand lebender Priester des Bistums Osnabrück hat in der Gemeinde Merzen im Landkreis Osnabrück in seiner aktiven Zeit als Pfarrer mehrere Kinder missbraucht“, heißt es in einem Brief von Bischof Franz-Josef Bode an die Gemeinde. Diese sexuellen Übergriffe hätten in den 80er und 90er Jahren stattgefunden – "im Zeltlager und im Rahmen der Seelsorge in der Pfarrei", so hätten es die Opfer geschildert.

Der Brief des Bischofs wurde am Samstagabend in der Gemeinde in Merzen vorgelesen. Die Nachricht hatte sich offenbar schon herumgesprochen: Rund 200 Gemeindemitglieder besuchten den Gottesdienst. Nach dessen Ende trat Ulrich Beckwermert, Personalreferent des Bistums, wie von Pfarrer Detlef Perk angekündigt, ans Rednerpult. Etwa zehn Minuten lang las Beckwermert den Brief vor: Nachdem es in der Vergangenheit immer wieder Gerüchte gegeben habe, hätten sich Ende 2017 erstmals Zeugen mit konkreten Vorwürfen gegen Pfarrer Hermann H. beim Bistum gemeldet, heißt es in dem Schreiben.

Staatsanwaltschaft eingeschaltet

Sowohl der Bischof als auch die Missbrauchsbeauftragten des Bistums hätten intensive Gespräche mit den Opfern geführt. „Alle Beschuldigungen wurden umgehend der Staatsanwaltschaft zugeleitet“, schreibt Bischof Franz-Josef Bode. Diese habe zwar die Strafbarkeit der geschilderten Vorgänge festgestellt, aber aufgrund von Verjährung keine Ermittlungen aufgenommen. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück bestätigte, dass ein Verfahren gegen den Priester im vergangenen Juli eingestellt wurde.

Zeitgleich wurden die Unterlagen mit den Vorwürfen gegen den inzwischen 85-jährigen Priester vom Bistum an die Glaubenskongregation nach Rom gegeben. Auch dort wurde laut Bistum die Schuld des Priesters festgestellt, zumal er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe inzwischen eingeräumt habe. Wegen seines Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit sei aber von einem Verfahren vor einem kirchlichen Gericht abgesehen worden. Der Bischof beschloss daraufhin mehrere Sanktionen gegen den Priester: So sind ihm alle öffentlichen Auftritte und liturgischen Handlungen untersagt. Er darf seine frühere Pfarrei in Merzen nicht aufsuchen und er wird dort auch nicht kirchlich bestattet.

Bode: Opfer wollen, dass offen über die Vorfälle gesprochen wird

Laut dem Brief des Bischofs stehen Vertreter des Bistums mit den Opfern von Pfarrer H. weiter in Kontakt. Den Opfern sei es wichtig, dass über die damaligen Vorfälle in Merzen offen gesprochen werde. Bode rief zudem mögliche weitere betroffene Personen dazu auf, sich mit den unabhängigen Ansprechpersonen des Bistums in Verbindung zu setzen.

Die Kirche habe auf dem weiten Feld des sexuellen Missbrauchs durch Priester, Diakone und Ordensangehörige schwere Fehler gemacht und sei schuldig geworden, heißt es in dem Brief. „Im Bistum Osnabrück muss ich als Bischof für diese Schuld einstehen. Das habe ich im Jahr 2010 schon öffentlich getan, das tue ich auch jetzt.“

Der beschuldigte Priester war nach seiner Priesterweihe in drei emsländischen Gemeinden eingesetzt: von 1966 bis 1969 in Dalum, von 1969 bis 1972 in Rhede und von 1972 bis 1976 in Twist. Von 1976 bis 1997 arbeitete er als Pfarrer in Merzen.

1997 war der Geistliche in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden. Der Bischof schildert in seinem Brief an die Gemeinde, dass er nach seinem eigenen Amtsantritt im Jahr 1995 über Gerüchten über H. informiert worden sei. "Belastbare Aussagen, aufgrund derer man hätte eine Anzeige erstatten könne, gab es aber nicht." Der Pfarrer habe alles abgestritten. "Ich habe ihn trotzdem im Jahr 1997 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt", schreibt Bode.

Brief wird Sonntag erneut verlesen

Nach dem Ende seiner Amtszeit lebte der Priester in Gellenbeck, einem Ortsteil von Hagen (Landkreis Osnabrück). 18 Jahre lang engagierte sich der heute 85-Jährige in der dortigen Gemeinde. Heute lebt er in einem Altenheim.

Nach dem Gottesdienstbesuch am Samstagabend blieben einige Gläubige noch vor dem Kirchturm in kleinen Gruppen stehen, viel sichtbar betroffen, manche offenbar schockiert. Wegen Kälte und Wind zerstreuten sich die Gruppen jedoch rasch.

Die Gemeinde wurde am Samstagabend erstmals über die Vorwürfe informiert, der Kirchenvorstand bereits am Freitagabend. Am Sonntag soll der Brief des Bischofs ein zweites Mal verlesen werden - nach Ende des Familiengottesdienstes um 11.15 Uhr im Pfarrheim von St. Lambertus. Auch Vertreter des Bistums werden wieder erwartet.

Hinter der Pforte der Pfarrkirche St. Lambertus in Merzen: Im Gotteshaus erfuhren die Gemeindemitglieder am Samstagabend offiziell von den Vorwürfen gegen ihren ehemaligen Pfarrer. Foto: Stefanie Witte



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