Ende nach 19 Jahren Nachtschwärmer zum letzten Mal unterwegs im Altkreis Bersenbrück

Von Christian Geers


Altkreis Bersenbrück. In der Nacht von Samstag auf Sonntag fahren die Busse des Nachtschwärmers zum letzten Mal durch den Altkreis Bersenbrück. 19 Jahre lang chauffierten sie Jugendliche und junge Erwachsene zu Partys, Feten und Discos. Nun ist Schluss, weil kaum noch Fahrgäste zusteigen. Ein Rückblick.

In der kommenden Woche tritt der neue Fahrplan der Verkehrsgemeinschaft (VOS) Osnabrück Nord in Kraft. Damit verbunden ist auch das Aus für den Nachtschwärmer, für die seit 1999 bestehenden samstagnächtlichen Linienbusse. Die beteiligten Verkehrsunternehmen haben in Absprache mit den Kommunen im Altkreis Bersenbrück entschieden, das Angebot einzustellen.

37.000 Euro Minus im Jahr 2017

Der Stand der Dinge: Aufwand und Ertrag stehen seit geraumer Zeit in keinem Verhältnis mehr. Obschon der Nachtschwärmer nie ohne Zuschuss fahren konnte, hat sich dessen Höhe in den vergangenen Jahren erhöht, wie aus den VOS-Zahlen hervorgeht. 2006 wurden 14.397 Fahrkarten gelöst, 2017 waren es nur noch 4175 Tickets, die Jahresbilanz wies ein Defizit von 37.000 Euro aus – trotz der Zuwendungen von Kommunen und Werbepartnern. Und die Talfahrt hält an: In den ersten Monaten dieses Jahres ging die Zahl der verkauften Fahrkasten um fast ein Viertel zurück. „Wir hatten 2018 Nächte, in denen kein Fahrgast mitgefahren ist“, sagte Karl Hülsmann, Sprecher der VOS Nord, im Juni im Gespräch mit unserer Redaktion.

Mit dem Taxi vor die Haustür

Die Gründe sind vielfältig: Verschärfte Einlass- und Alterskontrollen in Diskotheken und bei Zeltfeten nach Mitternacht führten dazu, dass Besucher unter 18 Jahren als Nutzer des Nachtschwärmers fehlen. Der starre Fahrplan ist offenbar für viele Partybesucher wenig attraktiv, sie lassen sich lieber mit dem Taxi bis vor die Haustür fahren, ohne sich an feste Abfahrtszeiten halten zu müssen.

221 Fahrgäste in der ersten Nacht

Der Startschuss: Am Samstag, 6. Februar 1999, um 20.30 Uhr fällt auf dem Neuen Markt in Ankum der Startschuss, den Busunternehmer Willy Nieporte im Beisein von Ankums Bürgermeister Franz Dückinghaus gibt. Die ersten Besucher lösen ihre Fahrscheine zum Preis von fünf D-Mark. 221 Fahrgäste werden in dieser Nacht gezählt, die in die Busse der Linien Rot, Blau und Grün einsteigen und „sicher auf Tour“ – so das Motto des Nachtschwärmers – gehen. Knotenpunkt ist Ankum, von hier wie von allen anderen Haltestellen fahren die Busse im 90-Minuten-Rhythmus. Nur zwischen Mitternacht und ein Uhr legen sie eine Pause ein, weil dann kaum Besucher unterwegs sind. Gut angenommen werden Touren ins Fiz Oblon in Nortrup, ins Luisencenter Quakenbrück und ins Bolero in Ankum.Nicht nur ältere Semester sind darunter, auch eine Gruppe Erwachsener steigt in Nortrup zu. „Die Resonanz ist ziemlich erfreulich“, stellt Willy Nieporte hinterher fest. Und die folgenden Jahre zeigen: Die Nachfrage ist vorhanden, die Zahl der verkauften Tickets steigt kontinuierlich.

Treue Sponsoren

Die Kosten: 100.000 D-Mark, so schätzt die VOS Nord damals, werde das Nachtbusangebot pro Jahr kosten. 40000 D-Mark sollten über den Kartenverkauf erlöst werden. Den Rest teilen sich Sponsoren wie Betreiber von Diskotheken und Gaststätten sowie Veranstalter von Zeltfeten. Einige springen im Laufe der Jahre ab, der Schützenverein Südmerzen und die Kreissparkasse Bersenbrück gehören bis zuletzt zu den Unterstützern des Nachtschwärmers. Auch die Kommunen im Altkreis Bersenbrück beteiligen sich.

Taxiunternehmen kritisierten Kommunen

Die Kritiker: Wortreich melden sich vor und nach dem offiziellen Start des Nachtschwärmers Taxiunternehmen aus dem Nordkreis zu Wort. Sie befürchten finanzielle Einbußen durch das neue Angebot. Von Wettbewerbsverzerrungen ist die Rede, weil Städte und Gemeinden Steuergeld investieren. Der Vorwurf gipfelt in dem Vorwurf an die VOS, deren Sorge um das sichere Nachhausekommen jugendlicher Discobesucher sei „vordergründig“.

Die Befürworter: Kommunalvertreter wie der Artländer Samtgemeindedirektor August Averbeck nehmen es gelassen. Sie verteidigen den Nachtschwärmer und halten den Zuschuss für richtig. „Unsere Jugendlichen sind uns schon etwas Wert“, sagt er 1999 und verweist auf die Discounfälle von Jugendlichen unter 25 Jahren.

Und was war sonst noch?

Nachtschwärmer als Gesprächsthema

In fast zwei Jahrzehnten hat der Nachtschwärmer durchaus einige Male von sich reden gemacht:

„Nachtschwärmer on tour“: 1999 wird aus einem Aprilscherz Realität. Damals hatte es im „Bersenbrücker Kreisblatt“ geheißen, der Nachtschwärmer richte eine Linie nach London ein. Im Mai fahren 193 Fahrgäste in die britische Hauptstadt, 100 Teilnehmer sind im August 1999 dabei, als es nach Paris geht. Daraus entwickelt sich ein Dauerbrenner: Fünfmal geht es in den folgenden Jahren nach Paris, sechsmal nach London, zweimal nach Prag, je einmal nach Hamburg, Berlin und München. Der Teilnehmerrekord liegt bei 675 und wurde 2009 mit einer London-Fahrt erreicht.

Die Linie Gelb: Im Jahr 2002 wird eine weitere Nachtschwärmer-Linie eingerichtet. Dem Antrag Bersenbrücker Berufsschüler an den Jugendkreistag Osnabrück wird stattgegeben, seither verbindet die vierte Linie „Gelb“ den Altkreis Bersenbrück mit der Stadt Osnabrück.

Geburtstagsfeiern: Dreimal wird in der Schützenhalle Südmerzen während der Nachtschwärmer-Party im Januar Geburtstag gefeiert – natürlich mit einer Fete, aber auch einem Beiprogramm, in dem es um Sicherheit im Straßenverkehr geht.


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