Serie „Die Kunden und ich“ Pferde-Zahnärztin über eklige Gerüche und ohnmächtige Besitzer

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Seit fünf Jahren arbeitet Rabea Neubaum-Otte als Pferdedentistin in Neuenkirchen. Foto: Thomas LammertzSeit fünf Jahren arbeitet Rabea Neubaum-Otte als Pferdedentistin in Neuenkirchen. Foto: Thomas Lammertz

Neuenkirchen. Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 2: eine Pferdedentistin.

Seit fünf Jahren arbeitet Rabea Neubaum-Otte als Pferdedentistin in Neuenkirchen. Mit uns hat die Tierärztin über üble Gerüche, ohnmächtige Besitzer und Unfälle während der Behandlung gesprochen.

Frau Neubaum-Otte, was stört Sie an Ihren Kunden am meisten?

Die Besitzer. (lacht) Weil sie die Pferde so sehr vermenschlichen. Sie sagen dann zum Beispiel „Ich habe Angst vor dem Zahnarzt - also hat mein Pferd sie auch.“ Sie können es sich dann auch gar nicht mit anschauen, wenn ihre Tiere sediert werden, weil sie ihnen leid tun. Aber leid tun müssten sie ihnen eher, wenn sie nicht sediert werden. Dann würden die Pferde vielleicht in Panik geraten und die Untersuchung würde dann mit Gewalt erfolgen. Das Vermenschlichen ist echt der Hammer – in negativer Hinsicht.

Hat sich das in den vergangenen Jahren verstärkt?

Ja, ganz deutlich. Viele Leute sehen die Tiere als Kindersatz. Das ist ja prinzipiell auch okay. Ich habe meine Tiere auch lieb. Aber sie dürfen immer Tiere sein. Und das ist bei den Besitzern nicht immer so. Viele Kollegen sehen es ähnlich, dass sich die Tendenz gesteigert hat.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Tiere sind einfach generell immer wichtiger geworden in den vergangenen Jahren. Früher hat man Tiere „benutzt“ und lieb gehabt, heute benutzt man sie weniger – und hat sie dafür umso lieber. Ich glaube, den Pferden gefällt das nicht. Es tut ihnen einfach nicht gut.

Wie äußert sich das?

Immer mehr Pferde bekommen Magenprobleme und psychische Störungen. Aber wenn man sie einfach mal 16 Stunden auf die Wiese lassen und eine Stunde pro Tag reiten würde, hätten die Pferde alles, was sie brauchen, Bewegung und annähernd natürliches Fressverhalten – und wären viel seltener verhaltensauffällig.

Gibt es noch weitere Punkte, die Ihre Beziehung zu den Haltern erschweren?

Die Halter verstehen oft nicht, warum eine Sedierung nötig ist. Ganz oft führt diese Frage zu einer Diskussion. Aber eine Sedierung ist für das Pferd entspannter. Außerdem ist es dann für die Anwesenden deutlich ungefährlicher als ohne. Bei der Behandlung tragen die Pferde ein Metallgestell um den Kopf. Wenn das Pferd dann plötzlich beginnen würde, mit dem Kopf zu schütteln, würde das Gestell zur Waffe werden. Außerdem sind Pferde Fluchttiere. Meine Werkzeuge machen Lärm – und das könnte die Pferde erschrecken.

Zahnarzt beim Pferd oder Zahnarzt beim Menschen – worin liegen die grundlegenden Unterschiede für Sie?

Pferde können sich nicht übergeben. Das ist schon mal ein großer Vorteil, wenn man im Mund rumfummelt. Üble Gerüche kommen aber auch leider beim Pferd vor, wenn zum Beispiel eine Stirnhöhlenvereiterung vorliegt. Ein weiterer Vorzug: Pferde kann ich ganz einfach müde machen. Denen spritze ich etwas – und innerhalb von drei Minuten sind sie ganz relaxed. Nach einer Stunde sind sie wieder wach und können sofort wieder auf die Wiese und auch ganz normal essen. Beim Menschen hat man dagegen eher mit der Angst der Patienten zu kämpfen. Da bräuchte man auch wiederum einen Anästhesisten, um sie zu sedieren.

Haben Pferde denn gar keine Angst vor dem Zahnarzt?

Oh, doch! Pferde, die mich schon häufiger gesehen haben, kommen erst freudestrahlend um die Ecke – und bremsen dann plötzlich ab und kehren um, wenn sie sehen, wohin sie wieder gebracht wurden. Sie finden mich dann nicht mehr so lustig.

Vor was ekeln Sie sich bei Ihren Patienten?

Schimmel bekommen häufig Melanome, also Tumorgeschwulste, im Maul. Wenn man sich vorstellt, dass die Pferde darauf herumkauen und Sekret tritt aus, und man dann mit der Hand da reingreifen muss, ist das schon recht eklig. Da denke ich mir schon: „Zum Glück ist das nicht ansteckend“. Es sieht eklig aus und fühlt sich auch eklig an. Außerdem sind es halt Tumore. Da macht man sich als Tierarzt schon mal Gedanken, wie es mit dem Pferd weitergeht .

Wie häufig muss ein Pferd zum Zahnarzt?

Es gibt grobe Regeln. Bis sie fünfjährig sind, sollten sie alle sechs Monate zum Zahnarzt, weil sie wie Menschen einen Milchzahnwechsel haben. Danach sollten sie einmal pro Jahr kommen, wenn es keine Auffälligkeiten gibt. Wenn sie dann ins gesetzte Alter, also um die 20 Jahre kommen, ist wieder ein halbjährlicher Besuch zu empfehlen.

Sie haben die Vorzüge von Pferden gegenüber menschlichen Patienten erwähnt. Aber im Gegensatz zu Menschen können Pferde ja nicht sagen, was oder wo es ihnen wehtut. Wie gehen Sie damit um?

Pferde können ein Schmerzgesicht machen. Dabei ziehen sie die Lippen zusammen, schließen die Augen etwas und werden sehr ruhig. Darüber hinaus gibt es die Routinekontrollen, wo gecheckt wird, ob alles in Ordnung ist. Oft kommt der Tipp auch von den Besitzern, die bemerken, dass ihr Tier nicht mehr so isst wie sonst. In dieser Hinsicht ist die Fürsorge natürlich toll.

Wie werden Zahnprobleme bei Pferden begünstigt?

Falsche Ernährung ist ein wichtiger Aspekt. Es wird immer mehr Müsli gefüttert. Da ist aber viel Zucker drin. Es gehört nicht in ein Steppentier. So können die Pferde Karies bekommen – wie Menschen auch. Grobes, langstieliges Heu wäre super aber leider wird viel Silage gefüttert. Die Säure darin löst den Zement in den Zähnen auf und die Zähne werden anfälliger . Auch die Boxenhaltung ist ein Problem. Pferde werden ja nicht mehr vom Boden gefüttert, sondern von halbhoher Position. Und da gehört das Futter des Pferdes nicht hin. Das Tier muss vom Boden Gras abreißen, dann den Kopf hochnehmen und mit den Zähnen die Nahrung mahlen.

Wie können Besitzer noch positiv zur Zahngesundheit ihrer Pferde beitragen?

Sie sollten die Tiere mit trockenem Raufutter füttern. Und außerdem die Zähne der Pferde regelmäßig kontrollieren lassen. Ansonsten sollte man ihnen nicht so viel Nahrung geben, die viel Zucker oder Säure enthält. Mehr kann man nicht machen.

Die Besitzer der Pferde sollten die Tiere mit trockenem Raufutter füttern und die Zähne der Pferde regelmäßig kontrollieren lassen, sagt Rabea Neubaum-Otte. Foto: Neubaum-Otte

Wurden Sie schon mal bei der Behandlung gebissen?

Ja, wurde ich. Deshalb fehlt an meinem Daumen ein Stück.

Geht man nach so einem Vorfall anders mit den Pferden um?

Man hat mehr Respekt, das muss man ganz klar so sagen. Es hat damals ein paar Wochen gedauert, bis ich wieder in ein Pferdemaul gepackt habe. Das hatte physische und psychische Gründe. Das Problem ist: Wenn man Angst hat, fängt man an, zu zögern. Und das ist ganz schlecht. Zögern ist bei allen Tieren schlecht. Die ersten Male nach dem Unfall war es echt eine Überwindung für mich, wieder in das Maul zu greifen.

Denken Sie da immer noch dran bei einer Behandlung?

Nein, ich habe das jetzt alles vergessen. Irgendwann hakt man es ab.

Waren Sie sauer auf das Pferd, als es Sie gebissen hat?

Ganz kurz. Aber man ist immer selber schuld. Der erste Satz meines Ausbilders war: „Man redet nicht mit der Hand im Maul.“ Man sollte immer konzentriert sein – und das hatte ich in dem Moment nicht beherzigt. In dem Fall ist es aber auch noch sehr glimpflich abgelaufen.

Kennen Sie Kollegen, die sich bei Untersuchungen schlimmere Verletzungen zugezogen haben?

Ja, ich kenne Kollegen, denen die komplette Unterarme zerdrückt worden sind. Die arbeiten nicht mehr in dem Beruf.

Zahnbehandlungen können ja recht teuer werden. Kann man sein Pferd dagegen versichern?

Ja, kann man. Es gibt eine Krankenversicherung, bei der die Zahnbehandlungen übernommen werden, und es gibt noch eine OP-Kosten-Versicherung, bei der die Zahnextraktion übernommen wird. Ich empfehle den Haltern auch immer, dass man solche Versicherungen abschließt, weil es sonst ganz teuer werden kann. Weil die Zähne so lang sind, braucht ein Tierarzt zum Extrahieren manchmal einen halben Tag.

Hatten Sie schon mal einen besonders skurrilen oder außergewöhnlichen Termin, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Manchmal werde ich auch von Kollegen gebucht. In einem Fall fraß eine Kuh nicht mehr, die 1000 Liter Milch pro Jahr gab. Die Kollegin meinte, es würde an den Zähnen liegen, und ich sollte mir das mal anschauen. Wir sind dann zusammen in den Kuhstall und ich hatte richtig Respekt vor dem Tier, weil es sehr wertvoll ist und noch dazu mit ihrer Milchproduktion eine Hochleistung vollbringt. Vier Personen haben die Kuh dann festgehalten. Als wir ihr die Zähne gemacht hatten, fing sie sofort wieder an zu fressen. Es war ein richtig entspanntes Arbeiten. Und dann gab‘s von den Besitzern erst einmal einen Schnaps. (lacht) Das war eine ganz, ganz tolle Geschichte. Und einmal ist eine Besitzerin bei einer Behandlung in Ohnmacht gefallen.

Erzählen Sie...

Damals habe ich das Pferd untersucht. Der Vorbericht lautete „Das Pferd macht mit den Zähnen Klackgeräusche beim Essen“. Dann habe ich in das Maul gefasst und plötzlich ist mir ein sieben Zentimeter langer Backenzahn in die Hand gefallen. Vorher war das nicht aufgefallen, weil das Pferd das Maul nicht so weit aufgemacht hatte beim Fressen. Ich habe den Zahn dann einfach rausgezogen. Daraufhin hat die Besitzerin tief Luft geholt und lag dann im Stroh. Wir mussten sie erst liebevoll versorgen – und dann war wieder alles gut.


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