Genossenschaft geplant Grafelder wollen Dorfladen in Bürgerhand gründen

Von Jürgen Ackmann


Grafeld. Es ist eine schlechte Nachricht für Grafeld: der Lebensmittel- und Getränkemarkt von Laurenz Triphaus schließt Ende April. Die gute Nachricht: Die Grafelder denken darüber nach, eine Genossenschaft für einen Dorfladen gründen. Am 1. Februar ist die entscheidende Versammlung.

Es war wohl die wichtigste Sitzung in Grafeld seit vielen Jahren. Im Jugendheim trafen sich in dieser Woche fast vollzählig Geschäftsleute und Vertreter von Vereinen aus dem Ort, um auszuloten, wie die Bereitschaft unter den Grafeldern sein könnte, so ein Projekt mitzutragen. Die Initiative dafür ging von Guido Holtheide, Karin und Helmut Ramler sowie Klemens Mehmann aus. Sie brachten die Idee ins Gespräch, informierten sich und trugen die Ergebnisse weiter. Mit Erfolg, wie die Sitzung zeigte. Die Grundstimmung war positiv, das, was es zu hören gab, überzeugte.

Beispiele zeigen, dass es funktionieren kann

Dass die Idee eines Dorfladens für Grafeld keine Spinnerei ist, zeigt allein das Beispiel Welbergen bei Ochtrup. Auch hier gab der letzte Lebensmittelladen im Ort auf, auch hier stand die Frage im Raum, wie es weitergehen könne. Es ging weiter. Seit 2010 betreibt eine Bürgergenossenschaft, an der fast alle Haushalte beteiligt sind, erfolgreich einen kleinen Lebensmittelladen, der sogar Gewinn abwirft (siehe „Zur Sache“).

Abwärtsspirale für den Ort vermeiden

Die Welberger sind aber keineswegs das einzige Dorf, das sich selbst hilft. Inzwischen gibt es in Deutschland mehr als 200 Dorfläden, die zudem untereinander vernetzt sind. Die Grafelder könnten nun einen weiteren Faden spinnen und eine Nahversorgung abseits von Lebensmittelketten sichern. Dass die aus vielerlei Gründen wichtig ist, betonte Klemens Mehmann eingangs in einem Vortrag. Wenn der letzte Lebensmittelladen in kleinen Orten schließe, gehe das in der Regel auch mit einem Wertverlust der Immobilien von rund 20 Prozent einher. Das habe eine Studie des Einzelhandelsverbandes in Hessen ergeben. Ein Grund: Der Wegzug vor allem jüngerer Bewohner verstärke sich, im Gegenzug reiche die Attraktivität des Ortes nicht mehr für einen Zuzug. Eine Abwärtsspirale setze sich in Gang.

Bereitschaft etwas mehr zu zahlen?

Auch sonst werde der Ort ärmer. Ein Lebensmittelladen sei immer ein Ort der Kommunikation und des Austausches von Neuigkeiten, betonte Klemens Mehmann. „Wat güwet Neies?“, sei eine Standardfrage. Wenn die Grafelder diesen Bedeutungsverlust ihres Dorfes und die damit verbundene Einbuße an Lebensqualität nicht wollten, dann müssten sie zusammenstehen, so Klemens Mehmann. Und natürlich: Wenn der Dorfladen zustande komme, müssten die Grafelder auch bereit sein, ein paar Cent mehr zu zahlen. Auch gehe es nicht, dass nur andernorts „vergessene Einkäufe“ in Grafeld getätigt würden.

Ein Genossenschaftsmodell könnte helfen

So weit die Appelle. Dabei ließen es die Initiatoren aber nicht bewenden. Es hat bereits vorbereitende Gespräche gegeben. Zum Beispiel mit Laurenz Triphaus. Es wäre möglich, sein Geschäft zunächst für einen Zeitraum von fünf Jahren zu mieten. Auch über einen dann notwendigen Umbau der Räume ist gesprochen worden. Wäre das erledigt, stünde Karin Ramler bereit, das Geschäft zu führen. Weiterhin haben sich die Initiatoren Gedanken über die Finanzierung gemacht. Ein Genossenschaftsanteil könnte 250 Euro betragen. Jeder Haushalt, jeder Verein hätte die Möglichkeit, einen oder mehrere Anteile zu erwerben. Das Geld würde zunächst auf ein Treuhandkonto fließen. Es bliebe mithin als Guthaben erhalten.

Projekt wird am 1. Februar vorgestellt

Um alle weiteren Details, die noch zu regeln sind, kümmert sich seit dieser Woche eine Planungskommission, die aus Geschäftsleuten und Vereinsvertretern besteht. Sie alle stehen unter Zeitdruck, denn bereits am 1. Februar sind alle Grafelder in den Saal Holtkamp eingeladen. Dort wird das Projekt im Detail vorgestellt. Auch besteht bereits die Möglichkeit, Anteile zu zeichnen. Zum Start wird ein Betrag von etwa 35000 Euro für den Lebensmittelgrundstock benötigt. Hinzu kommen die Ausgaben für die Umbauarbeiten.

Noch einmal zu Laurenz Triphaus. Wie der 53-Jährige erklärte, hat es eine Reihe von Gründen gegeben, den Betrieb einzustellen. Zum einen habe er keinen Nachfolger, zum anderen gebe es gesundheitliche Gründe. Auch habe die Regulierungswut der Behörde zugenommen. Er strebe nun an, künftig wieder als angestellter Bäcker zu arbeiten.


Was tun? Diese Frage stellte sich 2010 den Welbergern, als der letzte Lebensmitteladen im Ort schloss. Die Antwort war schnell gefunden: „Wir betreiben den Laden selbst.“ Daraus erwuchs eine Erfolgsgeschichte.

Innerhalb von vier Tagen zeichneten die 1300 Einwohner des Ortes damals zunächst Anteile im Wert von 120000 Euro, damit die eigens gegründete Genossenschaft die Laden-Immobilie erwerben konnte. Inzwischen sind 95 Prozent der Haushalte an ihrem Dorfladen beteiligt. Mit ausgesprochen positiven Folgen. Die Bürger kauften wieder vermehrt in Welbergen ein. Schließlich ist es „ihr Laden“.

Das zeigte sich gleich im ersten Jahr. Auf 150 Quadratmetern Ladenfläche plus 50 Quadtatmeter Getränkemarkt schaffte der Dorfladen bereits im ersten Geschäftsjahr einen Umsatz von 600000 Euro. Es blieb sogar ein – wenn auch bescheidener – Jahresüberschuss in Höhe von 4000 Euro übrig.

Heute wird das Geschäft von zehn Mitarbeitern in Teilzeit betrieben, wie Klemens Mehmann bei der Vorstellung des Projektes in Grafeld berichtete. Er hatte sich in Welbergen informiert. ja

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