„Polizeilich nichts zu machen“ Straßenstrich im Nordkreis hat zugenommen

Ein Anblick, der in diesem Jahr so oder ähnlich auch an der Bundesstraße zwischen Alfhausen und Hekese häufiger zu sehen war. Symbolfoto: dpaEin Anblick, der in diesem Jahr so oder ähnlich auch an der Bundesstraße zwischen Alfhausen und Hekese häufiger zu sehen war. Symbolfoto: dpa

Altkreis Bersenbrück. Prostitution wird auch im Altkreis seit einigen Jahren immer sichtbarer – insbesondere an den Bundesstraßen. Ein Thema ist die Prostitution aber auch wegen des geplanten Bordells in Fürstenau. Als Reaktion darauf hat sich inzwischen die Aktionsgruppe Solwodi-Sisters gebildet.

Es ist nicht zu übersehen – ob an der Straße zwischen Merzen und Ueffeln, ob an der Straße zwischen Schwagstorf und Ankum, ob an der Straße zwischen Alfhausen und Hesepe. Überall sind junge Frauen in aufreizender Kleidung zu sehen, die mal auf Gartenstühlen an abzweigenden Feldwegen sitzen, mal in einem Auto hocken oder auch einfach nur mit einer umgehängten Tasche und Kopfhörern am Straßenrand stehen. Manch ein Autofahrer wird langsamer, schaut sich die Frauen an, manch ein Radfahrer macht neuerdings Abstecher auf besagte Feldwege. Alltag im Altkreis.

Akzeptanzgespräche mit Prostituierten

Natürlich. Es gibt immer noch viele Bürger, die sich darüber ärgern , die negative Auswirkungen fürchten, die sich an die Polizei mit Bitte um Abhilfe wenden. Doch die kann kaum etwas machen. Sie kann nur erklären und aufklären. Das macht auch der kommissarische Leiter des Polizeikommissariates Bersenbrück, Reinhard Hagen, deutlich. Er war bereits häufiger an der Bundesstraße zwischen Alfhausen und Hesepe vor Ort, um mit den Prostituierten „Akzeptanzgespräche“ zu führen und um sie zu überprüfen. Viel mehr ist nicht möglich, wie der Kriminalhauptkommissar mit Blick auf die gesetzlichen Regelungen betont. Seit 2002 sei Prostitution nicht mehr sittenwidrig, mithin legal und nicht mehr strafbar. Lediglich, wenn Zuhälterei und Menschenhandel konkret nachgewiesen werden könnten, bestehe die Möglichkeit einzugreifen. Das gelte zudem, wenn die Prostituierten minderjährig seien. Ansonsten bliebe nur noch theoretisch der Weg, den Prostituierten Ordnungswidrigkeiten nachzuweisen – beispielsweise in Form einer Gefährdung des Straßenverkehrs oder eines zu nahen Standortes an Schulen, so Reinhard Hagen.

Viele Frauen kommen aus Osteuropa

Und was ist bei der Überprüfung der Prostituierten herausgekommen? Ein Großteil der Frauen stammt ausosteuropäischen Ländern. Sie alle hätten angegeben, freiwillig und selbstständig zu arbeiten, so Reinhard Hagen. Viele von ihnen wohnten in Osnabrück und hätten teilweise auch ihren Wohnsitz dort angemeldet, seien namentlich bekannt und erreichbar. „Polizeilich ist da nichts machbar“, betont Reinhard Hagen. Zugleich müsse zur Kenntnis genommen werden, dass der Bedarf offenbar vorhanden sei, ansonsten würden nicht teilweise bis zu sieben Frauen an der Bundesstraße stehen.

Wie sich die Situation 2017 im Detail darstellen wird, will Reinhard Hagen abwarten. Dann tritt im Juli das neue Prostituiertenschutzgesetz in Kraft, das der Bundestag im Sommer verabschiedet hat. Es sieht zum Beispiel bessere Überwachungsmöglichkeiten für die Behörden vor – besondere mit Blick auf „kriminelle Begleiterscheinungen“. Dazu ist eine Anmelde- und Beratungspflicht vorgesehen. Die damit verbundenen Auflagen sind aber unter anderem bei den Grünen und den Linken sowie Datenschützern auf Kritik gestoßen.

Noch keine Genehmigung für Hotel am Bordell

Ruhig geworden ist es unterdessen um das geplante Bordell im Gewerbegebiet Utdrift in Fürstenau. Zwar liegt inzwischen die Baugenehmigung für die 800 Quadratmeter große Halle mit zehn Zimmern und zehn Parkplätzen vor, aber noch nicht für das zusätzlich geplante Hotel mit 32 Zimmern, wie Fachdienstleiterin Monika Kolosser von der Verwaltung berichtet. Der Landkreis sei noch im Gespräch mit dem Bauherrn.

Unterdessen hat sich eine Aktionsgruppe gegen Prostitution im Landkreis und der Stadt Osnabrück gegründet. Sie ist eine Untergruppe der beiden Organisationen „Solwodi“ und „Sisters“. Wie Mitorganisatorin Claudia Funke bei dem Gründungstreffen erklärte, werde Prostitution verharmlost. Die Gesellschaft sei einfach nicht richtig über Fakten informiert. „Käuflicher Sex werde über die Medien als normal dargestellt. Der Verkauf des Körpers geschehe aber in fast allen Fällen aus der Not heraus. Prostitution sei nichts anderes als moderne Sklaverei.

Demo am 22. Oktober in Osnabrück

Unter anderem plant die Aktionsgruppe am 15. November im Hotel am Markt in Fürstenau einen Vortragsabend mit Manuela Schon von den „Sisters“. Sie will auch auf die Auswirkungen eines Bordellbaus in Fürstenau hinweisen. Weiterhin ist am 22. Oktober um 12 Uhr vor dem Geschäft „H&M“ eine Demo gegen den „Sexkauf“ geplant. Nächstes Treffen der Gruppe ist am 3. November, 19 Uhr, in der Kneipe „Olle Use“ Osnabrück.


Die Organisation Solwodi („Solidarity with Women in Distress“) wurde 1985 von der Ordensfrau Lea Ackermann in Kenia gegründet und ist seit 1987 auch in Deutschland aktiv. Der Schwerpunkt liegt auf der Betreuung vor allem von Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution, aber auch Opfern von Beziehungsgewalt sowie von Zwangsheirat bedrohte oder aus Zwangsehen geflohene Frauen und Mädchen. Es gibt in Deutschland zwölf Solwodi-Beratungsstellen: in Boppard, Koblenz, Mainz, Ludwigshafen, Duisburg, München, Bad Kissingen, Passau, Augsburg, Braunschweig, Osnabrück und in Berlin. In Deutschland hat die Organisation nach eigenen Angaben 42 feste Mitarbeiterinnen (davon 16 Ordensfrauen), sieben ehrenamtliche Arbeitskreise sowie 14000 Freunde und Förderer.

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