Ehrung im Schloss Bernd Kruse aus Bippen erhält Bundesverdienstkreuz


Fürstenau/Bippen. Wäre Bernhard Süskind heute Ehrenbürger Fürstenaus? Lägen heute Stolpersteine in Fürstenaus Gehwegen? Hätte jemand die Geschichte jüdischen Lebens in der Nazizeit aufgearbeitet? Wohl nicht. Gesorgt hat dafür ein Mann: Bernd Kruse. Nun hat er das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Da, wo normalerweise die Kommunalpolitiker der Stadt und der Samtgemeinde Fürstenau tagen, da waren an diesem Tag die Tische gedeckt und viele Menschen vor Ort, die dort sonst nicht gesehen werden und aus vielen Nationen kamen. Kurzum: Es galt, im großen Sitzungssaal die Arbeit und das besondere Engagement des Lonnerbeckers Bernd Kruse zu würdigen. Jenes Mannes, der bis 2011 Lehrer an der Integrierten Gesamtschule für Deutsch, katholische Religion, Sport und Gesellschaftslehre war, der sich mehr als 40 Jahre intensiv um die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in der Stadt Fürstenau in der Zeit des Nationalsozialmus kümmerte, der Brücken von der Vergangenheit in die Gegenwart schlug, der in Fürstenau eine Kultur des Erinnerns schaffte, der den Menschen, ihrem Leben, ihren Schicksalen stets zugetan war, der seinen Weg des Versöhnens trotz einiger Widerstände in der Stadt beharrlich weiterging. All das war Gegenstand von einer Reihe von Grußworten, in denen stets Hochachtung vor der Leistung Bernd Kruses mitschwang.

Aufklärungsarbeit von unschätzbarem Wert

Die Laudatio selbst hielt der Erste Kreisrat Stefan Muhle, der auch das Bundesverdienstkreuz überreichte. Er zeichnete die Arbeit von Bernd Kruse in den vergangenen vier Jahrzehnten noch einmal nach. Wie der Lonnerbecker beispielsweise die Kontakte zu den damals in Fürstenau lebenden Juden aufbaute und sich das Vertrauen erwarb, wie er bisweilen weite Reisen unternahm, um Zeitzeugen ausfindig zu machen, die über die Geschehnisse während der Nazi-Zeit in Fürstenau berichteten, wie er zugleich immer wieder betonte, dass es nicht um die Bloßstellung einzelner Personen oder die Verurteilung von Ereignissen gehe.

Diese Arbeit sei sehr wichtig gewesen, so Stefan Muhle weiter. Auch deshalb, weil im Zweiten Weltkrieg das Rathaus in Fürstenau abgebrannt sei und es heute nur noch wenige offizielle Unterlagen aus der damaligen Zeit gebe. „Aufgrund dessen sind die Aufklärungsarbeit und die Dokumentensammlungen von Herrn Kruse von unschätzbarem Wert für die Allgemeinheit“, betonte der Erste Kreisrat.

Erinerungskultur etabliert

Auch wies Stefan Muhle darauf hin, dass Bernd Kruse 1986 an der Aufarbeitung der Geschichte der Emslandlager mitgewirkt habe, dass auf seine Initiative hin 1983 erstmals eine Gedenktafel am Fürstenauer Ehrenmal angebracht worden sei, dass weitere Gedenktafeln folgten, so auch am Haus, in dem sich einst der ehemalige Betraum der jüdischen Gemeinde befunden habe, dass Bernd Kruse als Sprecher des Arbeitskreises „Stadtrundgang und Gedenken 9. und 10. November“ eine besondere Erinnerungskultur in Fürstenau etabliert habe. Weitere Aktivitäten von Bernd Kruse: die Initiative zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Bernhard Süskind, das Buch „Wir waren doch Freiwild“ in Zusammenarbeit mit Bernhard Süskind, die stete Multiplikatoren- und Netzwerkarbeit. Als auch das herausgestellt war, folgte das Fazit: „Der Landkreis schätzt sich glücklich und ist stolz, einen Mann wie Sie unter seinen Bürgerinnen und Bürgern zu wissen“, so Stefan Muhle.

Mit brennendem Herzen für die Menschen

Der so Geehrte selbst sollte später in seinen Dankesworten erklären, dass es ihm stets um den Menschen gegangen sei – egal, wer er sei und woher er komme. Besonders lägen ihm dabei diejenigen am Herzen, die eher im gesellschaftlichen Schatten stünden, die keine Stimme hätten. „Ich denke, es ist gut und richtig, sich mit kühlem Kopf, aber brennendem Herzen für den Menschen einzusetzen,“ so Bernd Kruse. Auch machte er deutlich, dass es bei gegenseitiger Toleranz – oder eher noch Akzeptanz – und gegenseitigem Respekt möglich sei, Leben gemeinsam zu gestalten.

Das Geschehen im Sitzungssaal verfolgte unterdessen einer besonders intensiv: der 94-jährige Bernhard Süskind . Via Skype war er aus New York zugeschaltet. Putzmunter und in seiner typisch humorvollen Art verkündete er, dass Bernd Kruse in seinem Anzug aber wirklich gut aussehe. Auch freute er sich, dass die Arbeit seines Freundes nun auf diese Weise anerkannt werde. Auch einen versöhnenden Satz hatte er parat: Vergessen könne er das Geschehene nicht. Aber die neue Generation in Fürstenau sei „wunderbar“. Das hätte auch der Schlusssatz des Abends sein können.


Sie würdigten in ihren Reden die Verdienste von Bernd Kruse: Bippens Bürgermeister Helmut Tolsdorf, Erster Kreisrat Stefan Muhle, Samtgemeindebürgermeister Benno Trütken, Initiator Manfred Schmidt, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Osnabrück, Michael Gründberg, Heribert Lange vom Forum Juden-Christen in Lingen, Pastorin Anke Kusche von der Arbeitsgruppe Stolpersteine, die Flüchtlingsbeauftragte Antigone Mally, Ulli Wessels, Vorsitzender des Schützenvereins Lonnerbecke, Bernd Kruses Freund Bernhard Süskind, Fürstenaus Bürgermeister Herbert Gans. Musikalische Akzente setzten Ellen Eilermann und der Chor Chornetto.

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