Besser geeignet als Schafe Landschaftspflege mit Ziegenherde im Grafelder Moor

Von Alexandra Lüders


Grafeld. Immer wieder aufs Neue faszinieren Schäfer mit ihren großen Herden Fotografen und Wanderer. Denn sie verkörpern das archaische Hirtenbild, das auch in der Bibel theologisch interpretiert wird. Besonders zur Zeit der Heideblüte bezaubert die malerische Hirtenidylle ihre Betrachter, während Schäfer wie Anton Tietze (38) aus Herzlake/Dohren in Moor und Heide tagtäglich ihre harte Arbeit verrichten. Trotzdem ist ein Leben ohne Schafe für ihn undenkbar.

„Ich mache das bis zum Umfallen. Wenn ich die Schafe und Ziegen nicht hätte, wäre ich ein ganz unzufriedener Mensch“, gesteht Anton Tietze aus Herzlake-Dohren. Er ist gerade dabei, am Rande des Hahnenmoores einen Schafsdraht aufzustellen, der für seine 500 Burenziegen bestimmt ist. Mit dem Landrover geht es durch unwegsames Gelände, um zu der friedlich vor sich hindösenden Herde zu gelangen. Libellen schwirren in der Mittagshitze, die Ziegen blöken, als sie den Schäfer sehen.

In dieser Idylle macht sich die pflegeleichte Fleischrasse nützlich in der Landschaftspflege. Beim Näherkommen durchbrechen knisternde Geräusche die Stille. Ein deutliches Zeichen für das sogenannte „Entkusseln“, mit dem die Herde das Gehölz freihält. Wie Tietze erklärt, braucht die Heide den Verbiss – vor allem in den gestörten Teilen des Moores.

„Spezialbehandlung“ für Nicki

Die Tiere beweiden im Auftrag des Landes Niedersachsen 200 Hektar Moorfläche. Hammel Nicki springt uns gleich entgegen, weil er auf seine „Spezialbehandlung“ hofft. Er darf seinen Durst an einer Mineralwasserflasche löschen, die er von Schäfer Anton mit ein paar Streicheleinheiten verabreicht bekommt. Der 15-jährige Bock passt als „Opa“ auf, dass sich die zehn Jungböcke gut benehmen. „Die Ziegen sind ideale Landschaftspfleger. Ihr Verbiss der Birken ist besser als der von Schafen und man muss sie nicht scheren. Diese Rasse stammt ursprünglich aus Afrika und ist wegen ihres ruhigen Temperaments angenehm im Umgang. Die cleveren Ziegen rutschen auch nicht so leicht in Wasserstellen wie die Schafe“, schwärmt Tietze von seinen Tieren.

Nur die Vermarktung des Ziegenfleisches ist schwieriger als bei seinen 600 Schwarzkopf-Schafen, da die Kunden keinen angemessenen Preis dafür zahlen wollen. Jede Ziege liefert bei der jährlichen Schlachtung 25 Kilo Fleisch. Geschlachtet werden ausgemusterte Muttertiere, fünf-bis sechsmonatige Böcke und Aulämmer, von denen Tietze rund 18 Kilo pro Tier gewinnt.

Ein Händchen für Flaschenkinder

Normalerweise kommen die Lämmer von Januar bis Mai zur Welt.

Hier tritt Tietzes Partnerin Susann Uhl (37) in Aktion. Die gelernte Altenpflegerin aus Dresden hat ein gutes Händchen für die Flaschenkinder. Plötzlich entdecken die beiden in der Herde ein spätgeborenes Ziegenlamm, das Anton Tietze einfängt und auf den Arm nimmt. Da es kräftig strampelt, wird es gleich wieder in die Freiheit entlassen. Susanne Uhl begleitet Tietze auch bei den täglichen Kontrollgängen und hilft beim Ablammen.

Zusätzlich müssen rund 250 Tiere im häuslichen Stall versorgt und die Schafe auf den Deichen besucht werden. „In der Tragezeit bekommen die Mütter hochwertiges Futter, damit ihre Lämmer gut ernährt werden und sie später genug Milch geben. Während der anstrengenden Hauptlammzeit im März verliere ich immer an Gewicht, weil es schwer ist, genug Helfer zu finden. Ich suche jetzt wieder eine Aushilfe für den Winter. Leider hat die Lammzeit mit Leben und Tod zu tun. Manche Menschen verkraften das nicht. Aber das gehört nun mal dazu“, verweist Tietze auf Verluste durch den Schmalenbergvirus, der in feuchtwarmen Sommern durch Mücken übertragen wird.

Vermehrt Kreuzottern gesichtet

In diesem Jahr hat der Schäfer vermehrt Kreuzottern gesichtet, die vielleicht einige seiner Ziegen gebissen haben. Sein Schafsjahr ist dieses Mal besser verlaufen als 2013. Auch wenn die Haltung der Ziegen aufwändiger ist – höhere Zäune/Winterstall – konnte Tietze die Tiere dank neuer Förderprogramme gut für die Landschaftspflege verkaufen.

„Es gibt hier in Niedersachsen nicht so hohe Zuschüsse für die Landschaftspflege wie in Westfalen und Bayern. Insbesondere bei schwierigen Moorflächen ist das ein Problem“, bedauert er. Seine Schafe liefern pro Jahr 2,5 Tonnen Wolle, die von Händlern nach Arabien und Asien verschifft wird.

Schafscherer aus Neuseeland

Nach der Lammzeit engagiert Anton Tietze professionelle Schafscherer aus Neuseeland und Australien. Während seiner Arbeit wird er von den altdeutschen Hütehunden Aldi und Beri begleitet.

Die Beweidung eines durch Moor und Heide geprägten Naturschutzgebietes avanciert zur klassischen Landschaftspflege eines bedrohten Lebensraumes, denn für viele Organismen bilden Moor und Heide ein Refugium: für den großen Brachvogel, Grashüpfer, Sumpfohreule und Bachstelze. Sie scharen sich vor allem im Winter rund um die Schaf- und Ziegenherden, die selbst als Biotopvernetzer Artenvielfalt erzielen, weil sie auf ihren Wegen mit den Klauen und der Wolle viele Sämereien in der Landschaft verteilen.

Schafe als Störfaktor in der Natur

„Viele Menschen wissen nicht, wozu Schäfer eigentlich da sind. Sie beschimpfen unsere Schafe als Störfaktor“, beklagt Anton Tietze die mangelnde Wertschätzung in der Bevölkerung. Es werde auch immer schwieriger, Beweidungsflächen zu bekommen und als Schäfer zu überleben.

Dabei sei es gerade in unwegsamen Gebieten unmöglich und viel zu teuer, die Landschaftspflege mit Maschinen zu betreiben.