Front erreicht Ort am 8. April 1945 Vor 70 Jahren: Der Einmarsch der Briten in Berge

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Berge. Am 24. März 1945 überquerten die Alliierten den Rhein und setzten ihren Vormarsch in nordöstlicher Richtung fort. Die Front rückte immer näher. Am 8. April erreichte sie Berge.

In der Bevölkerung wuchs die Unsicherheit im Hinblick auf das, was kommt, ja die über Jahre geschürte Angst vor dem Feind. Sie errichtete Panzersperren und vergrub Wertsachen. Jugendliche und alte Männer wurden für das „letzte Aufgebot“ eingezogen. Am Karfreitag 1945 wurde dieser Volkssturm alarmiert und die Panzersperren an der Ohrter Straße und Börsteler Straße zeitweilig besetzt. Gleichzeitig wurde der Strom, der in Richtung Quakenbrück zurückflutenden erschöpften, zerlumpten und kampfunfähigen deutschen Soldaten immer stärker. Wegen der feindlichen Jagdflugzeuge marschierten sie oft nachts oder im Schutz von künstlichem Nebel. Der Treibstoff war knapp, so wurden mehrere Fahrzeuge von jeweils einem Panzer gezogen. Die Bevölkerung musste Treibstoff, Fahrzeuge und Pferde abgeben.

Auf der Berger Hauptstraße, über die früher sehr selten einmal ein Fahrzeug fuhr, war so viel Verkehr, dass man sie kaum überqueren konnte, ja es kam sogar zu Stauungen, berichtet Wolf Brandes, der damals Schüler war. Fragte man die zurückdrängenden Soldaten, ob in Berge mit Kampfhandlungen zu rechnen sei, verneinten sie dies nur kopfschüttelnd. Und doch kam es ganz anders.

Am 8. April 1945, dem Weißen Sonntag, wurde noch morgens in der katholischen Kirche die Messe und in der evangelischen Kirche bei herrlichem Wetter die Konfirmation gefeiert. Gegen Mittag begann der Kampf um Berge. Ludwig Maus, der Ortsgruppenleiter von Berge, fuhr mit dem Fahrrad aufgeregt durch das Dorf und rief den verängstigten Menschen zu, dass das Dorf unter allen Umständen verteidigt werde. Er habe deutsche Soldaten, die bereits in Dalvers waren, nach Berge zurückbeordert für den „Endkampf“.

Schon in der Billkuhle leisteten deutsche Truppen erheblichen Widerstand, gefällte Bäume lagen auf der Straße nach Ohrte. Die Alliierten marschierten darauf hin nicht direkt in den Ortskern, sondern umgingen ihn mit einer Zangenbewegung. Gegen 14.30 Uhr befanden sich die ersten englischen Panzer, über den Upberg kommend, auf der Bippener Straße. Es begann in der Mitte des Dorfes ein erbitterter Kampf Mann gegen Mann. Dieser erste britische Vormarsch wurde in Sichtweite der Apotheke gestoppt. Daraufhin griffen britische Jagdflugzeuge mehrmals an und verursachten, unterstützt von Artillerie, einen erheblichen Gebäudeschaden. Gegen 16.30 Uhr rückte die britische Infanterie im Schutz ihrer Panzer in Berge ein.

Irmgard Stöve, damals zehn Jahre alt, erzählt, dass für sie bei allen Kriegserlebnissen unvergesslich war, wie die britischen Panzerungetüme mit ihren Ketten das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße herausrissen und die Steine wie Geschosse durch das bis dahin friedliche Dorf flogen.

Der Osterberg und der katholische Kirchplatz wurden besetzt. Von diesen Erhebungen aus wurden die deutschen Stellungen in Dalvers beschossen. Die alliierten Angriffe konzentrierten sich jetzt auf diese Stellungen, wo das Infanterieregiment „Großdeutschland“ hartnäckigen, aber auch sinnlosen Widerstand leistete. Viele Gebäude brannten nieder. Am Abend erreichte die alliierte Angriffswelle Renslage.

Horst Schillingmann, damals ein junger Mann, berichtet, wie ein englischer Panzer am Abend auf den Hof seiner Familie zurollte und man mit dem Schlimmsten rechnete. Doch plötzlich sei der Panzer abgedreht, und eine Luke wurde geöffnet. Heraus kamen schwer bewaffnete britische Soldaten, die den Jungen nach Eiern fragten, die sie dann auf einem Gaskocher zubereiteten. Sie wollten Eier, denn diese konnten nicht vergiftet sein. Die Soldaten ruhten sich in der Nacht aus, am Montag ging der unerbittliche Kampf in Richtung Menslage weiter.

21 englische Soldaten starben beim Kampf um Berge. Sie wurden vorübergehend zwischen dem evangelischen Pastorat und dem Haus Harbecke beigesetzt, um später auf einen Sammelfriedhof gebracht zu werden. 26 deutsche Soldaten fanden ihre letzte Ruhestätte in der Berger Kriegsgräberstätte in der Mitte des Dorfes. Der Jüngste von ihnen war 18 Jahre alt, etliche konnten nicht mehr identifiziert werden. Sie verloren ihr Leben an einem Sonntag im Frühling vor 70 Jahren in Berge.


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