Zeitzeugen berichten Als der Krieg mit aller Wucht Bippen traf

Von Jürgen Schwietert

Auch das Rathaus in Fürstenau ging in Flammen auf. Repro: Jürgen Schwietert/ArchivAuch das Rathaus in Fürstenau ging in Flammen auf. Repro: Jürgen Schwietert/Archiv

Bippen. Es war eindrucksvoll: Zu einem Zeitzeugengespräch zum Thema Ende des Zweiten Weltkrieges in der Region hatte der Heimatverein Bippen mit seinem Vorsitzenden Werner Hollermann eingeladen. Und tatsächlich: Mehrere Bürger fanden sich im Heimathaus ein, um über die Tage vor 70 Jahren zu berichten. Besonders gingen sie auf das Geschehen vom 8. bis 10. April 1945 ein, als der Krieg noch einmal mit aller Wucht die Region traf.

Die Konstellation: Englische Truppen marschierten in das Osnabrücker Nordland ein, in dem das Infanterieregiment Groß Deutschland stationiert war. Sie kamen aus Richtung Lingen, ließen zunächst Fürstenau rechts liegen und zogen am 8. April 1945 über den Hamberg in Richtung Bippen. Hier schossen deutsche Soldaten einen englischen Panzer ab. Zudem gingen mehrere Häuser in Flammen auf. Die Zeitzeugen schilderten in diesem Zusammenhang auch eindrucksvoll die Gefangennahme eines 18-jährigen deutschen Soldaten. Zwei weitere Deutsche hätten nicht mehr in die Kampfhandlungen eingegriffen, seien in ihrem Bunker geblieben und hätten die Briten weiterziehen lassen. Das war nicht ungefährlich, wie die Zeitzeugen deutlich machten. Die nationalsozialistischen Machthaber hätten bis zum Schluss Soldaten erschossen, die nicht kämpften.

Die Berichtenden gingen auch darauf ein, wie immer wieder deutsche Soldaten durch das Osnabrücker Nordland zogen, um sich in die Heimat durchzuschlagen. Kurzum: Die Lage war in diesen Tagen kompliziert. Einige Fanatiker kämpften wild entschlossen, andere wollten einfach nur noch überleben und fliehen, während die Briten vorrückten. Dazwischen die einheimische Bevölkerung – Kinder, Frauen, alte Leute. Viele verloren bei den Kämpfen zwischen Briten und dem Infanterieregiment Groß Deutschland ihr gesamtes Hab und Gut. Dutzende Häuser lagen innerhalb weniger Tage in Trümmern – mitsamt allen Erinnerungen und Dokumenten.

Ein Thema beim Zeitzeugengespräch war auch der Feldflugplatz im heutigen Bippener Ortsteil Vechtel. Das Gelände wurde erst 1939 mit Ochsengespannen hergerichtet. Der Hintergrund: 1936 sei der Befehl herausgegeben worden, Deutschland innerhalb von vier Jahren kriegstüchtig zu machen, so die Zeitzeugen. Französische Kriegsgefangenen, die ihr Barackenlager an der Abzweigung der Hartlager Straße von B 402 hatten, waren es dann, die den Flugplatz errichteten. Zuvor war den Vechteler Bauern das Gelände mittels Enteignung abgenommen worden.

Vom 24. November 1944 bis zum 21. März 1945 war in Vechtel dort das Jagdgeschwader 26 stationiert. Von dort aus starteten Einsatzflüge, wie aus dem Geschwadertagebuch hervorgeht. Am 21. März 1954 schließlich bombardierten die Alliierten den Flugplatz. Heute gehört das Gelände zum Ferien- und Freizeitpark Fürsten Forest. Die Betreiber lassen derzeit die fraglichen Flächen von einem Kampfmittelräumdienst nach Blindgängern aus dieser Zeit absuchen.

Ein weiteres Thema des Zeitzeugen-Nachmittags war das Schicksal mehrerer jüdischer Mitbürger sowie weiterer Menschen, die in Konzentrationslagern inhaftiert wurden. Inwieweit waren die Bürgermeister der Gemeinden in das Geschehen involviert? So lautete eine Frage. Deutlich wurde an dieser Stelle, dass die Bürgermeister zwar oft nationalsozialistisch gebunden waren, sich aber nicht immer an die Vorgaben der Nazis hielten. So habe beispielsweise der Bippener Bürgermeister dafür sorgen können, dass auch eine jüdische Familie entgegen den Anweisungen mit Kohlen versorgt worden sei.

Nach dem Krieg haben sich die jüdischen Mitbürger – sofern sie überlebt hatten – für die Personen eingesetzt, die seinerzeit geholfen hatten und dafür von den Nazis inhaftiert worden seien, hieß es weiter.

Zurück zu den Kämpfen: In Bippen sei zum letzten Mal am Dienstag, 10. April, gekämpft worden. Zunächst habe der Ort noch unter Beschuss deutscher Truppen aus der Maiburg gelegen, die den britischen Vormarsch so stoppen wollten. Um zehn Uhr sei dann aber alles vorbei gewesen. Der Volkssturm sei in Bippen nicht mehr zum Einsatz gekommen. Geblieben seien viele Tote und viel Leid.

Aus jenen Tagen gibt es vergleichsweise wenig Dokumente und Bilder. Leser, die entsprechendes Material haben, werden gebeten, es dem Heimatverein Bippen für einige Tage zur Verfügung zu stellen. Nach der Digitalisierung werde das Material zurückgegeben, so Werner Hollermann.