Geschichte eines Lebens Taras Ruditsch: Von der Ukraine nach Berge

Von Jürgen Ackmann


Berge. Taras. So heißt der ukrainische Nationaldichter und Freiheitskämpfer Schewtschenko mit Vornamen. Vor 200 Jahren kam er zur Welt und war 2013 die Symbolfigur der Maidan-Proteste in Kiew. Nach ihm ist auch Taras Ruditsch benannt. Am 22. Januar 1932 in Saritschewo in der Karpaten-Ukraine geboren, sollte er schon bald lernen, was es heißt, verfolgt zu werden, die liebsten Menschen zu verlieren und vor dem Nichts zu stehen. Sein spätes Glück fand er in einem kleinen Dorf am Rande einiger noch kleinerer Hügel. In Berge. Aenne Kürzel hat seine Geschichte aufgeschrieben. „Taras“ heißt das Buch.

Das Haus der Familie Kürzel an der Tempelstraße ist der Fixpunkt einer bewegenden Geschichte. Hier fand wieder zusammen, was einst zusammengehörte. Es musste allerdings ein Sonntagnachmittag im Spätsommer des Jahres 2001 heraufziehen, bis sich die Dinge fügten. Da klingelte das Telefon im Haus an der Tempelstraße. „Sagt Ihnen der Name Taras Ruditsch etwas?“, fragte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Klaus Kürzel, der Mann von Aenne Kürzel , war überrascht. Klar kenne er Taras Ruditsch. Ein Freund aus Kindertagen sei er. Sein Pflegebruder. Damals, 1945, als er noch mit seiner Familie in Sachsen in Freiberg gelebt habe. Seit mehr als 50 Jahren hätten die beiden nichts mehr voneinander gehört.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung gehörte einem Mann aus der Schweiz. Er hatte einen Tag zuvor mit Taras Ruditsch in einem Zug nach Debrecen in Ungarn gesessen. Die beiden waren ins Gespräch gekommen. Vor allem um die Orte der Vergangenheit ging es. Und auch um Klaus Kürzel. Sein größter Wunsch sei es, ihn – den Pflegebruder – wiederzusehen, erklärte Taras Ruditsch dem Schweizer. Der versprach, via Internet herauszufinden, wo sich dieser Klaus Kürzel wohl aufhalten könne. 2001 noch nicht so selbstverständlich wie heute.

Eine Woche später folgte ein weiterer Anruf. Dieses Mal war Taras Ruditsch selbst am Telefon. Aus Kiew rief er an. Bewegende Momente folgten und viele Reisen in eine spannende Vergangenheit. Was war nicht alles im Leben von Taras Ruditsch geschehen? Diesem Mann, der 1939 als Siebenjähriger mit seinen Eltern aus der Ukraine flüchtete, weil der Vater politisch verfolgt wurde. Der dann über Budapest und Wien nach Bad Oeynhausen gelangte, wo sein Vater beim Reichsautobahnbau tätig war. Der 1944 – erneut auf der Flucht – bei einem Großangriff amerikanischer Bomber auf dem Bahnhof in Debrecen in Ungarn seine Eltern und seine Schwester verlor, der zwischen viele Fronten geriet und den schließlich im April 1945 die Familie Kürzel in Sachsen aufnahm.

Bis November 1946 sollte Taras Ruditsch in der Nähe von Nossen leben. Er freundete sich mit Klaus Kürzel an und fand zur Ruhe. Dann jedoch schickte ihn die kommunistische Partei zurück in die Karpaten-Ukraine. Eine deutsche Familie sei nicht das Richtige für ihn, hieß es.

So trennten sich die Wege. Erst 2001, nach dem Telefonat an jenem Sonntagvormittag im Spätsommer, sollten sie wieder aufeinander zuführen. Taras Ruditsch erfuhr, auf welchen Wegen Klaus Kürzel von Nossen nach Berge gelangt war. Und Klaus Kürzel wiederum hörte mit Erstaunen, wie es seinem Pflegebruder ergangen war. Dass er die Fliegerschule in Moskau besucht hatte, dass er von 1956 bis 1959 bei der Luftwaffe in Tiflis im Kaukasus diente, dass er als Hubschrauberpilot und Ausbilder auf der Insel Sachalin tätig war, dass er 1963 die Röntgenärztin Natalja Michajlowna heiratete, dass sie aber 1993 starb.

Geschichten – wie es heißt – , die das Leben schreibt. Dazu gehört auch, dass das Wiedersehen von Taras Ruditsch und Klaus Kürzel nicht lange dauern sollte. Die gemeinsamen Orte der Vergangenheit konnten die beiden noch besuchen. Dann starb Klaus Kürzel 2004. Hirnbluten.

Die Trauer war groß. Das Leben ging aber weiter. Auch die Spurensuche – nun aber machte sich Taras Ruditsch mit Aenne Kürzel auf den Weg. Sie lernten sich dabei lieben. 2006 heirateten die beiden.

All das ist im Buch dokumentiert – mit vielen Bildern und Briefen dazu. Einer, der es bereits gelesen hat, ist der Pfarrer Ralf Haska von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Katharina im Herzen von Kiew, den die ARD-Tagesschau 2013 als den „mutigen Pastor von Kiew“ bezeichnete. Bei den Unruhen auf dem Maidan hatte er sich vermittelnd zwischen die Konfliktparteien gestellt und dabei sein Leben riskiert.

Die Geschichte von Taras Ruditsch hat ihn berührt – auch, weil die Tragik und die Hoffnungen eines Lebens viel klarer zutage träten als in reinen Zahlen und Fakten, schreibt er in einer Mail an Aenne Kürzel. Sie endet mit dem Satz: „Ja, ich bin ganz sicher, dass es da jemanden gibt, der uns führt, ohne uns zu Marionetten seines Willens zu machen.“ Aenne Kürzel und Taras Ruditsch können diesen Satz wohl wie nur wenige andere Menschen nachvollziehen. Die beiden haben inzwischen in Berge ihren Frieden gefunden.

Wird die Ukraine ihn auch finden? Der Mann, der nach einem Freiheitskämpfer benannt worden ist, hofft das inständig. Zu viel Hass, zu viel Leid, zu viel Tod hat Taras Ruditsch in seinem langen Leben gesehen.


Das Buch von Aenne Kürzel ist am Sonntag beim Weihnachtsmarkt in Berge im Heimathaus erhältlich. Weiterhin kann es in der Buchhandlung Möllmann in Ankum, beim Buch- und Schreibwarenhandel Runge sowie bei der Autorin selbst erworben werden.