Tote zum Zählappell geschleppt Fürstenau: Albrecht Weinbergs überlebte KZ

Von Jürgen Schwietert

Meine Nachrichten

Um das Thema Samtgemeinde Fürstenau Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Packend: Albrecht Weinberg, hier mit Bernd Kruse (links) schilderte seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern. Foto: Erika SchwietertPackend: Albrecht Weinberg, hier mit Bernd Kruse (links) schilderte seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern. Foto: Erika Schwietert

Fürstenau. Albrecht Weinberg hat mehr erlebt und mehr gesehen, als viele Menschen ertragen können. Er hat das Konzentrationslager Auschwitz mit seiner Außenstelle Monowitz überlebt, er hat das Konzentrationslager Mittelbau Dora sowie das Konzentrationslager Bergen-Belsen überstanden und in die Abgründe menschlicher Seelen geschaut. Sein Leben schilderte er auf Einladung des Arbeitskreises Stadtgang/ Gedenken im evangelisch-lutherischen Gemeindehaus in Fürstenau.

Bernd Kruse, Sprecher des Arbeitskreises, hieß Albrecht Weinberg und seine Begleiter willkommen. Albrecht Weinberg wurde im März 1925 in Rhauderfehn geboren. Dort sowie in Leer besuchte er die Schule und lebte bis 1933 in seiner jüdischen Gemeinde. In den Ferien war er oft in Fürstenau und besuchte Tante Adele und Onkel Isidor Weinberg, den Bruder seines Vaters. Damals war die Welt zumindest auf den ersten Blick noch in Ordnung. Das änderte sich bald. Ab 1936 durfte er nicht mehr neben „arischen Kindern“ in der Schule sitzen. Sein Vater durfte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden in Schlachthaus und Schweinestall gesperrt; die Männer einen Tag später über Oldenburg in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert.

Albrecht Weinberg selbst wurde ab 1939 in Breslau auf einem Gut zur Zwangsarbeit verpflichtet. Er habe immer gehofft, noch auswandern zu dürfen. Das klappte nicht. Immerhin gelang es ihm noch einmal, unerkannt nach Berlin zu reisen und dort seine Eltern zu sehen. Diee wurden schließlich nach Theresienstadt deportiert und dort vergast.

Auf einen der letzten Transporte gelangte Albrecht Weinberg nach Auschwitz, nicht wissend, was ihn dort erwartete. Der Zug in das Vernichtungslager transportierte etwa 960 Menschen, für die Notdurft gab es nur einen Melkeimer. Der KZ-Arzt Mengele habe in Auschwitz an einer Rampe die Juden selektiert. Prothesen, Brillen und Koffer hätten auf großen Haufen gelegen. Sie seien später sortiert und im Rahmen der Winterhilfe verteilt worden.

Albrecht Weinberg landete schließlich in Monowitz (Auschwitz III). Detailliert schilderte er das Lagerleben dort mit Floh, Laus und Wanze. „Man hat sich gekratzt, konnte sich nicht waschen, hatte Durchfall und kein Toilettenpapier. Die Pritsche wurde mit zwei oder drei Personen geteilt. Um fünf Uhr erfolgte der Weckruf. Und dann erfolgte der Appell“, so Albrecht Weinberg. Die Toten hätten für die Zählung mitgeschleppt werden müssen.

Hart sei auch die Arbeit gewesen. Es habe keine Solidarität, keine Nächstenliebe gegeben. Der Erhalt der Arbeitskraft sei auf drei Monate ausgerichtet gewesen. Albrecht Weinberg hatte das Glück, seinen Bruder zu treffen, mit ihm die Pritsche zu teilen, in seine Kolonne zu gelangen und zu Arbeitseinsätzen in Gebäuden eingeteilt zu werden. Als ab Mitte 1944 die russischen Soldaten immer näher rückten, hätten die Todesmärsche begonnen. Mit einem 48-Stunden-Marsch sei es zunächst nach Bleitwitz gegangen. Mit dem Zug ging es weiter nach Mittelbau Dora im Harz. Hier sei er für die Produktion der V-2-
Raketen eingesetzt worden. Letzte Station war Bergen-Belsen. Dort befreiten englische Soldaten Albrecht Weinberg. Eine unvorstellbare Leidensgeschichte ging so zu Ende.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN