Über eine Konfirmandenfreizeit Berger Konfirmandenfreizeit: Nachwirkung erwünscht

Von Jürgen Ackmann


Berge/Lingen. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein – die 31 Jungen und Mädchen aus Berge, die sich in der Jugendherberge in Lingen an der Lengericher Straße zusammengefunden haben. Manche sind still, manche laut, einige wirken fast erwachsen, andere noch kindlich. Sie sind 12, 13 und 14 Jahre alt, besuchen die IGS, die Oberschule oder Privatschulen. Was sie eint? Die Konfirmandenfreizeit der Berger Kirchengemeinde. Dieses besondere Miteinander ist für Schuldiakon Johannes Kuhnert-Kohlmeyer und für seine Mitstreiterin, die Studentin Marie-Luise Elbers, ebenso Chance wie auch Herausforderung.

Es ist ein schönes Bild: Die Vor- und Hauptkonfirmanden sitzen in einem von Licht durchfluteten Raum im Kreis. Die erste Nacht liegt hinter ihnen, ein Ausflug zum Linusbad, Frühstück und Mittagessen. Gleich werden die Jungen und Mädchen Tücher, Kugeln und Bänder nehmen, um in Gruppen eine Szene aus der Passionsgeschichte zu gestalten. Johannes Kuhnert-Kohlmeyer hat zuvor von der letzten Zusammenkunft der Jünger Jesu erzählt, von Verrat, von römischen Soldaten, vom Urteil des Pontius Pilatus, der anschließend seine Hände in Unschuld wäscht, und von der Symbolik des Lichtes am Tag der Auferstehung.

Die 31 Jungen und Mädchen sind konzentriert – probieren aus, diskutieren, wägen ab, entwerfen erste Szenen. Später wird einer der Jungen sagen, dass diese Art des Unterrichts besser sei als in der Schule – allein schon, weil es keine Noten gebe. Ein Mädchen wird hinzufügen, dass sie hier einfach mal sie selbst sein könne.

Johannes Kuhnert-Kohlmeyer und Marie-Luise Elbers freuen sich über solche Sätze. Die beiden schätzen jeden der 31 Konfirmanden. Akzeptieren alle so, wie sie sind. Holen sie dort ab, wo immer sie auch gerade stehen mögen, und nehmen sie vor allen Dingen – ernst. Das ist spürbar.

Verbote gibt es nicht – auch nicht für die Smartphones in den Taschen. Die beiden Betreuer setzen auf gegenseitige Rücksichtnahme, nicht auf das Gehabe von Dompteuren. Es klappt. Kein Handy klingelt, als die Konfirmanden im Kreis sitzen, niemand daddelt herum. Die Jungen und Mädchen zahlen den Vertrauensvorschuss zurück.

Auch haben Johannes Kuhnert-Kohlmeyer und Marie-Luise Elbers darauf verzichtet, Gruppen einzuteilen – weder für die Übernachtung noch für die Gruppenarbeit. Die Neigung entscheidet. Am Ende ist alles gut.

Dieser Herangehensweise liegen drei Annahmen zugrunde, die nichts mit falsch verstandener Coolness zu tun haben, sondern mit der Realität. Erstens: Die Jungen und Mädchen heute haben in der Regel keine Lust auf Kirche, wenn sie zum Konfirmandenunterricht kommen. Zweitens: Für einige junge Leute ist die Konfirmandenfreizeit erst einmal eine Auszeit von der Schule und vom Familienalltag. Drittens: Konfirmanden sind Lebenskünstler, die aus dem heute schier unüberschaubaren Angebot an Möglichkeiten den richtigen Cocktail selbst zusammenmischen.

Daraus wiederum leiten die Betreuer weitere Annahmen ab. Der Konfirmandenunterricht darf nicht verschult sein. Methodische Vielfalt ist gefragt, Frontalunterricht verpönt. Die Konfirmanden dürfen zudem den Unterricht mitgestalten, Themen auswählen, Ideen einbringen. „So können wir auch Gaben der Kinder abrufen, die in der Schule nicht abgefragt werden“, betont Johannes Kuhnert-Kohlmeyer.

Am Ende eines so gestalteten Konfirmationsprozesses, der sich über zwei Jahre erstreckt, wird es den beiden Betreuern vielleicht gelungen sein, einigen Jungen und Mädchen den Glauben nähergebracht oder sogar „schmackhaft“ gemacht zu haben. Mit Konfirmandenunterricht der alten Prägung gehe das definitiv nicht, betont Johannes Kuhnert-Kohlmeyer. Er sei zu unprofessionell und uninspiriert. Die Folge: Die Kinder würden regelrecht „entkonfirmiert“, mithin nach der Konfirmandenzeit nicht wieder in der Kirche gesehen. Er wünsche sich stattdessen, dass die Jungen und Mädchen nach den zwei Jahren den christlichen Glauben als Chance begriffen.

Dass der Schuldiakon richtig liegt, zeigen die Reaktionen auf die Aktionen und Gespräche in der Jugendherberge. Das Thema Tod steht im Mittelpunkt – nicht nur am Beispiel der letzten Tage von Jesus. Das wäre für sich genommen zu abstrakt. Es geht vielmehr um die Gedanken der Jungen und Mädchen. Wann, warum und wie haben sie schon mal über den Tod nachgedacht? Sind solche Fragen zu schwierig oder gar störend? Die Antworten darauf sind so verschieden wie die 31 Jungen und Mädchen. Einmal gibt es einfach nur Tränen – vergossen von einer Konfirmandin, die einen ihr sehr nahe stehenden Menschen durch einen Unfall verloren hat und nun gerne auf ihr Zimmer möchte. Natürlich darf sie. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist immer emotional. Über ihn zu sprechen ist für junge Seelen herausfordernd.

Auch über so ein schweres Thema hinaus haben die Konfirmanden immer wieder Gelegenheit, sich mit der eigenen Gedankenwelt und dem eigenen Tun auseinanderzusetzen. „Warum wollt Ihr eigentlich konfirmiert werden?“ Diese Frage hatte Johannes Kuhnert-Kohlmeyer bereits Wochen zuvor den neuen Vorkonfirmanden gestellt. Die schriftlichen Antworten sammelte er ein, wertete sie aus und präsentierte sie beim Begrüßungsgottesdienst an einem Oktobersonntag in der Lutherkirche in Berge. Die Antworten waren entwaffnend. Auf Platz eins: „Ich möchte mich konfirmieren lassen, weil ich später einmal kirchlich heiraten möchte.“ Auf Platz zwei: Ich möchte mich konfirmieren lassen, weil meine Eltern es so wollen.“ Auf Platz drei: „Ich möchte mich konfirmieren lassen, weil ich am Ende viele Geschenke und Geld bekomme.“ Die Gemeinde muss an diesem luftig-sonnigen Gottesdiensttag lachen. Ein bisschen ertappt sie sich auch selbst.

Johannes Kuhnert-Kohlmeyer ist indes keineswegs verschnupft über solche Sätze. Im Gegenteil. Sie geben ihm wichtige Anhaltspunkte für seine weitere Arbeit. Am Ende der Konfirmandenzeit wird er die Frage noch einmal stellen. Ob sich etwas verändert haben wird?

Bis er die Antworten schriftlich in den Händen hält, freuen sich der Schuldiakon und die Studentin noch auf viele gute und einander zugewandte Gespräche auf den Pfaden christlichen Glaubens. In der Jugendherberge in Lingen haben alle gemeinsam den Grundstein dafür gelegt.


Johannes Kuhnert-Kohlmeyer ist seit 2013 als Schuldiakon und zudem seelsorgerisch an den Berufsbildenden Schulen in Bersenbrück sowie an der Realschule in Bramsche aktiv. Zuvor war der 57-Jährige aus Bramsche elf Jahre lang Kirchenkreisjugendwart des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Bramsche.

Marie-Luise Elbers ist 20 Jahre alt und studiert derzeit in Vechta Sozial- und Erziehungswissenschaften. Später kann sie sich vorstellen, in der Schulsozialarbeit tätig zu werden. Marie-Luise Elbers kommt gebürtig aus dem Bippener Ortsteil Vechtel.