Gedenken am 10. November Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht in Fürstenau

Von Bernd Kruse

Meine Nachrichten

Um das Thema Samtgemeinde Fürstenau Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Er ist am 10. November zu Gast in Fürstenau: Albrecht Weinberg. Der heute fast 90-jährige Jude erlebte die Schikanen der Nazis in den 30er Jahren persönlich und überlebte mit Glück die darauf folgende Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Foto: privatEr ist am 10. November zu Gast in Fürstenau: Albrecht Weinberg. Der heute fast 90-jährige Jude erlebte die Schikanen der Nazis in den 30er Jahren persönlich und überlebte mit Glück die darauf folgende Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Foto: privat

Fürstenau. „Ein Landwirt aus der näheren Umgebung Fürstenaus hat den Viehhändler Isidor Weinberg am 10. November 1938 bei sich versteckt und ihn damit zunächst vor dem Konzentrationslager bewahrt.“ So erzählt es der heutige Fürstenauer Ehrenbürger Bernhard Süskind, der selbst als 17-Jähriger KZ-Haft in Buchenwald erleiden musste.

Im Dezember 1941 deportierten die Nationalsozialisten dann doch Isidor Weinberg und seine Frau Adele in das „Judengetto Riga“ (Lettland) und ermordeten sie anschließend. Am Montag, 10. November ist nun Albrecht Weinberg – ein Verwandter – um 19.30 Uhr, im evangelisch-lutherischen Gemeindehaus in Fürstenau zu Gast, um über die Erlebnisse während der Nazi-Zeit zu berichten (siehe Infobox).

Was aber haben die Nazis dieser Familie schon vorher angetan? Bis 1933 lebte sie ihr normales Leben wie andere Familien auch. Isidor Weinberg, geboren 1883 in Buer bei Melle, heiratete in Fürstenau im August 1908 Goldena Stoppelmann, die nun Adele Weinberg hieß. Sie bekamen die Söhne Walter, geboren 1911, und Berthold, geboren in Fürstenau 1915.

Als Kriegsteilnehmer des 1. Weltkrieges kämpfte Isidor Weinberg für Deutschland. Er gehörte dem „Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten“ an. Am 8. Mai 1919 kaufte er in der St.-Georg-Straße 12 in Fürstenau für seine Familie ein Haus, wie es bei dem Heimatforscher Hermann Frommeyer in dessen Buch „Die Stadt Fürstenau und ihre Bürger“ nachzulesen ist.

Ab 1933 hatte die Familie Weinberg wie alle Juden in Deutschland zunehmend unter den judenfeindlichen Gesetzen und Verordnungen der Nationalsozialisten zu leiden. Die Nazis verwehrten auch den Brüdern Walter und Berthold eine persönliche und berufliche Zukunft. Diese sahen sich gezwungen, Deutschland in Richtung USA zu verlassen. So entkamen beide rechtzeitig dem Naziterror. Sie haben ihrem Vetter Albrecht Weinberg aus Ostfriesland nicht mehr näher kennenlernen können, der um 1935 gerne als Ferienkind „Onkel Isidor und Tante Adele in Fürstenau“ besuchte.

Nach der Reichspogromnacht im November 1938 musste Isidor Weinberg notgedrungen sein Haus unter Wert verkaufen und ausziehen.

Im Staatsarchiv Osnabrück ist der durch den Fürstenauer Rechtsanwalt und Notar von Schrader vermittelte Kaufvertrag zwischen Isidor Weinberg und dem Kaufmann Heinrich Voßbeck aus Recke erhalten geblieben. Ein sehr bedeutender Teil des Kaufpreises musste direkt als „Sühneleistung des jüdischen Volkes“ – so der Wortlaut der Nationalsozialisten – an den damaligen NS-Staat für die Schäden abgeführt werden, die die Nazis während des Pogroms selbst verursacht hatten.

Im Paragraf 2 des Vertrages heißt es dazu: „Von dem Kaufpreis sind 1400,-R[eichs]M[ark] unmittelbar an das Finanzamt in Quakenbrück abzuführen, zur Deckung der außerordentlichen Vermögensabgabe, die den Angehörigen des jüdischen Volkes durch Reichsgesetz auferlegt sind.“

Bis zu ihrer Deportation im Dezember 1941 lebte das Ehepaar Weinberg in Fürstenau. Sie waren so normal wie andere Menschen auch. „Ich habe Isidor Weinberg als einen zurückhaltenden Mann erlebt. Seine Frau Adele war eher lebhaft“, so der jetzt in New York lebende Bernhard Süskind.

Im „Adressbuch des Kreises Bersenbrück, Nord-Ausgabe“ für das Jahr 1939 werden die Weinbergs – wie alle noch in Fürstenau lebenden Juden – nicht mehr im Einwohnerverzeichnis genannt. Sie galten somit als nichtexistent und wurden offiziell totgeschwiegen.

Zum Schluss musste das Paar mit insgesamt zwölf Menschen jüdischen Glaubens im „Judenhaus“ in der Bahnhofstraße 40 (heute Schwarzer Weg 3) leben. Dies kann man auf einer Deportationsliste der Nazis nachlesen.

Ein letztes Lebenszeichen zu Isidor und Adele Weinberg ist dem Ende November 1941 geschriebenen Brief der Fürstenauerin Frieda Wolff, einer Schwester Adeles, zu entnehmen. Frau Wolff, die auch im „Judenhaus“ wohnen musste, erwähnte in dem in einer Briefmarkensammlung in New York aufgefundenen Brief, dass auch die Weinbergs im November 1941 in der Kerzenfabrik Hegge in Fürstenau arbeiteten und immer noch auf ein gutes Ende hoffen.

Etwa zwei Wochen später holten Nazi-Schergen Isidor und Adele Weinberg wie auch die noch verbliebenen Fürstenauer Juden ab, deportierten sie in den „Osten“ und ermordeten sie später.

Aufgrund der damaligen Gesetzgebung ging auch das gesamte Vermögen der Familie Weinberg in den Besitz des NS-Staates über. „Für das Deutsche Reich beschlagnahmt. In die Reichskasse geflossen“, heißt es in einem Dokument im Staatsarchiv Osnabrück. Dieses Schreiben des Finanzamtes Quakenbrück vom 14. Februar 1948 belegt, dass der „Verkaufserlös für Hausrat“ der Familie Weinberg 1.121,14 Reichsmark betrug. Auch dieser Hausrat ist wahrscheinlich – wie dem Verfasser dieses Berichts häufiger erzählt wurde – öffentlich in Fürstenau versteigert worden.


Die Pogrom-Gedenk-Veranstaltung in der Stadt Fürstenau beginnt am Montag, 10. November, um 19 Uhr mit einem Rundgang. Treffpunkt ist auf dem Marktplatz, vor dem alten Rathaus an der Großen Straße.

Um 19.30 Uhr schließt sich ein Gespräch mit dem Auschwitzüberlebenden Albrecht Weinberg im evangelisch-lutherischen Gemeindehaus St.-Georg an.

Albrecht Weinberg hat in seiner Kindheit häufiger seine Verwandtschaft in Fürstenau besucht. Dann riss der Kontakt ab. Vor einigen Monaten nun besuchte er erneut Fürstenau. Der fast 90-jährige Jude Albrecht Weinberg erlebte die Schikanen der Nazis in den 30er Jahren und überlebte mit Glück die darauf folgende Vernichtungsmaschinerie von Arbeitslagern und KZ. Nach der Befreiung aus dem KZ Bergen Belsen und Jahren der Regeneration wanderte er nach Amerika aus.

Vor einigen Jahren kehrte er nach Leer zurück und berichtet auf Einladung in Schulen und Veranstaltungen über die Schreckensherrschaft der NS-Diktatur.

Als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen wird er am 10. November in Fürstenau unter anderem von seinen Erfahrungen aus verschiedenen Konzentrationslagern berichten.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN