Für die Studenten von morgen 60 Schüler besuchen Kinder-Uni in Berge

Von Bjoern Thienenkamp


Berge. Universitätsstädte gibt es ja reichlich. Aber ein Universitätsdorf? Gibt es so etwas? Ja, in Berge! Zumindest einen Tag im Jahr. Aber nur für Kinder. Die gehen dann in den Hörsaal, besuchen Vorlesungen und treffen sich zum Essen in der Mensa.

„Wir haben ein ungemein großes Wissen im Dorf, das wir an die Kinder weitertransportieren“, erklärt Heiko Köster den Grundgedanken. „Für die Teilnahme entstehen keine Kosten, wir wollen keine Barrieren“, sagt der Hausarzt. „Die Dozenten wirken ehrenamtlich, das Material für Glasmalerei wird gestellt, Taxi Schulte fährt kostenfrei, und Jürgen Trimpe beköstigt uns zum Selbstkostenpreis“, freut sich der Organisator aus einer Gruppe von sechs Leuten aus der Kirchengemeinde St. Servatius und der Kolpingsfamilie.

Das Konzept kommt an. Rund 60 Schüler der Klassen drei bis sechs haben sich für das Lernen angemeldet. Sogar vier Kinder aus Alfhausen wollten kommen, haben aber kurzfristig abgesagt. „Weil die Kinder ja eingebunden sind, gibt es nur begrenzte Plätze“, sagt Köster. Jedoch: „Von Jahr zu Jahr bieten sich mehr Referenten an“, freut sich der 40-Jährige.

Gerade mit den Pommes von Ute von der Wellen gestärkt, verlassen zehn Kinder ihre Mensa am St.-Servatius-Heim sowie die frittierende Gemeindereferentin und ziehen zur Oberschule am Sonnenberg.

Im Chemie-Raum sind die drei Stationen Wasser, Luft und Feuer aufgebaut. „Nicht essen, sauber arbeiten“, nennt Achim Wolke zwei Grundsätze in seiner Hexenküche. Mit Klemmbrett und Arbeitsanweisungen sollen die Kinder herausfinden: „Wie kann das funktionieren?“ Und so werden dann aus entleerten und angezündeten Teebeuteln fliegende Geister. Oder mit der Tiegelzange in eine Kerze gehaltenes Magnesium zeigt: „Das ist reaktionsfreudig, reagiert super mit Sauerstoff.“

Ganz anderes Wissen vermittelt Hans-Georg Wißmann am Spieltisch der Orgel von St. Servatius. Er kann sogar freihändig spielen. Mit den Pedalen. „Deine Füße wissen, wo jeder Ton ist?“, beeindruckt er seine jungen Besucher. Ob er sich auch verspielt? „Mit 15 Jahren habe ich meinen ersten Gottesdienst gespielt – da habe ich mich vor lauter Aufregung verspielt“, gibt der Organist zu. Kommt das heute nicht mehr vor? „Ich verspiele mich heute auch noch, aber nicht so, dass man es hört.“

Verwaltung, Falknerei, Erste Hilfe, Gedächtnistraining und dann noch Chemie. Volles Programm für Colin Moormann. „Einen Verband mit Gips zu machen, zu sehen, wie schnell ein Frettchen sein kann, und was beim Bürgermeister abläuft“, hat den Elfjährigen am meisten beeindruckt. Ob er auch einmal Bürgermeister werden will? „Weiß ich noch nicht“, antwortet der Schüler aus der 5a in Handrup.

Ein erlebnisreicher Arbeitstag also für die kleinen Studenten. Auffällig allemal, wie wissbegierig sie an die Themen herangehen und Erkenntnisse aufnehmen. Eben keine Stubenhocker. Oder, wie es bei Chemielehrerin Simone Franz auf dem T-Shirt steht: In meiner Kindheit hieß mein soziales Netzwerk Draußen…