Brandstiftung und Missbrauch Als in Schwagstorf eine Familienwelt zusammenbrach

Von Jürgen Ackmann


Schwagstorf. Es ist so viel passiert. So viel. Karin H. könnte Stunden erzählen. Ohne Punkt. Und ohne Pause. Wie es kam, dass im April 2013 ihr Mann das Haus in Schwagstorf (nördlicher Landkreis Osnabrück) angezündet hat, in dem sie mit ihren fünf Kindern lebte. Wie sie erfahren hat, dass ihr Mann sich seinen minderjährigen Töchtern offenbar sexuell genähert hatte. Wie sie die folgenden Gerichtsverhandlungen empfunden hat. Traurig klingt ihre Stimme, manchmal verzweifelt.

Am 23. Juli meldet sich Karin H.* via Facebook und E-Mail bei der Redaktion. „Guten Tag, liebe Redaktion“, fing ihr Schreiben an. Sie sei die Ex-Frau des Mannes, der das Mietshaus in Schwagstorf in der Nacht vom 4. auf den 5. April anzündet habe und der dafür vor Gericht verurteilt worden sei. Am 22. Juli habe er erneut vor Gericht gestanden. Dieses Mal wegen des sexuellen Missbrauchs zwei ihrer Töchter. Ob die Redaktion ebenfalls darüber berichten werde – wie über die anderen Verhandlungen auch? Sie sei stolz darauf, das ihre „beiden Mäuse“ bei der Gerichtsverhandlung so tapfer gewesen seien. Alles sei so schwer.

Es folgen Telefonate, zwei Treffen in der Redaktion und eine Lebensgeschichte, die nicht sehr oft vom Glück beschienen war.

Nach dem Tod ihres Vaters und einer schweren Krankheit der Mutter kommt Karin H. im Alter von drei Jahren zusammen mit ihrem siebenjährigen Bruder als Pflegekind zu einer Familie im Emsland. Im Alter von 16 Jahren entschließt sie sich, eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin zu machen. Nach bestandener Prüfung zieht Karin H. 1994 nach Osnabrück, um dort zu arbeiten. Ein Jahr später lernt sie ihren künftigen Mann kennen. 1997 – Karin H. ist 23 Jahre alt – bekommt das Paar das erste Kind. Ein Mädchen. 1998 folgt die Heirat. Da lebt die Familie bereits in Ankum.

Alles läuft zunächst gut. Ihr Mann hat nach einer Umschulung Arbeit gefunden. Es folgen vier weitere Kinder. Aber auch Eheprobleme. Eifersucht. Alkohol. Streit. Die schönen Momente im Leben gibt es zwar noch, aber sie werden seltener. Karin H. erzählt das alles sehr konzentriert. Sie möchte reden.

Auszug mit fünf Kindern

Unvermeidlich steuert das Gespräch auf den April 2013 zu. Jener Monat, jenes Jahr, in dem das Paar endgültig die Kontrolle über das Familienleben verliert. Karin H. hat per Zufall über soziale Netzwerke von Bekannten Hinweise erhalten, dass sich ihr Mann möglicherweise zwei Töchter in sexueller Weise berührt hat. Sie ist entsetzt. Und zugleich erschrocken. Darüber, dass sie nichts gemerkt hat.

Karin H. zieht die Konsequenzen und verlässt am 3. April mit ihren Kindern das gemeinsame Haus. Es folgt ein Streit am Telefon. Und eine letzte Rückkehr nach Schwagstorf am Nachmittag des 4. April. Mit zwei Bekannten holt Karin H. einige Dinge ab, die sie und ihre Kinder zum Leben brauchen.

Bei dieser Gelegenheit trifft das Ehepaar noch einmal aufeinander. Karin H. sagt ihrem Mann, dass zwei Anzeigen gegen ihn vorlägen. Er solle ausziehen. So ist die Geschichte auch bei Gericht niedergeschrieben.

Der Abend des 4. April zieht herauf . Der Ehemann von Karin H. betrinkt sich. Wein, Sherry, Whisky und Sekt fließen. Schließlich fasst er den Gedanken, dass die Kinder es nicht mehr kalt haben würden, wenn er das Haus anstecke. Grillanzünder und Heizöl verfehlen ihre Wirkung nicht. Das Gebäude brennt lichterloh. 140 Feuerwehrleute rücken an. Sie können nichts mehr ausrichten, ahnen aber sofort, dass sie es nicht mit einem gewöhnlichen Brand zu tun haben.

Noch in der Tatnacht stellt sich der Mann von Karin H. der Polizei. 1,9 Promille hat er im Blut. Aus seiner Tat macht er keinen Hehl. Das Haus liegt da bereits in Schutt und Asche. Gebäudeschaden 406224 Euro. Hausratsschaden: 17500 Euro. Das gibt der Sachverständige einer Versicherung zu Protokoll.

Die Dinge nehmen ihren rechtsstaatlichen Lauf. Es folgen Gerichtsverhandlungen wegen schwerer Brandstiftung und sexuellen Missbrauchs. Am 22. Juli schließlich verurteilt das Amtsgericht Bersenbrück nach Abwägung aller Umstände und Erkenntnisse den Mann von Karin H. wegen sexuellen Missbrauchs in drei Fällen sowie wegen Brandstiftung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren. Dabei berücksichtigt das Gericht zu Gunsten des Angeklagten, dass er zu den jeweiligen Tatzeiten nicht vorbestraft war und dass die „Intensität der sexuellen Handlungen im Vergleich zu anderen Taten (...) relativ niedrigschwellig“ gewesen sei. Auch habe der Angeklagte weder Gewalt noch Drohungen ausgesprochen, hält ihm das Gericht zu Gute. Ob damit allerdings der gerichtliche Schlusspunkt gesetzt ist, muss sich erweisen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Ein weiterer Gang zum Gericht besiegelt im Mai außerdem das offizielle Ende der Ehe. Für Karin H. ein Neuanfang in schwerer Zeit. Freunde wenden sich ab, weil sie nicht glauben, was sie hören. Sie hat Mühe, eine neue Mietwohnung zu finden, zieht deshalb mit ihren Kindern zunächst in eine provisorische Unterkunft in Bersenbrück ein. All das habe sie sehr belastet. Noch heute könne sie schlecht einschlafen, sagt die Mutter von fünf Kindern im Alter zwischen 5 und 16 Jahren.

Spuren hinterlassen

Karin H. und die beiden Töchter befanden oder befinden sich in professioneller Behandlung. Es sei nicht einfach, das Erlebte zu verarbeiten und neuen Lebensmut zu fassen, sagt sie. Allen, die mit sexuellem Missbrauch konfrontiert seien, rät sie, darüber zu reden. Nur nicht schweigen. Das sei falsch und führe zu noch mehr Leid. Es sei wichtig, dass das im Artikel erwähnt werde.

Bei Karin H. ist inzwischen die Verzweiflung und die Angst vor der Zukunft ein wenig dem Mut zum Neuanfang gewichen. Sie hat einen neuen Partner gefunden, dem sie vertraut. Die älteste Tochter – 16 Jahre alt – beginnt eine Ausbildung zur Sozialassistentin.

Anklagen möchte Karin H. nicht. Sie möchte einfach nur aus dem Altkreis Bersenbrück wegziehen, Ruhe für sich sowie ihre Kinder finden und alles neu bedenken. Leicht wird das nicht, zumal es derzeit eine Auseinandersetzung wegen des künftigen Nachnamens der Kinder gibt. Karin H. hat beantragt, dass die drei Töchter und die zwei Söhne ihren Mädchennamen annehmen. Die Kinder sind damit einverstanden. Das zuständige Standesamt auch. Der Ex-Ehemann aber nicht. Eine weitere gerichtliche Klärung wird sich deshalb wohl nicht vermeiden lassen.

Gleichwie: Die Scheidung, der geplante Umzug, die Namensänderung – all das sind für Karin H. wichtige Schritte, damit die Vergangenheit eines Tages endgültig am Horizont verschwinden kann. Darauf hofft sie. Und doch: Das Geschehene hat in den Seelen der Familie „für immer Spuren“ hinterlassen. Auch das weiß sie und schreibt es in ihrer E-Mail vom 23. Juli.

*Name geändert