Ein Gespräch Bernhard Süskind Jüdisches Leben während der Nazizeit in Fürstenau

Von Jürgen Schwietert

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Bernhard Süskind ist Ehrenbürger der Stadt Fürstenau. Foto: Jürgen SchwietertBernhard Süskind ist Ehrenbürger der Stadt Fürstenau. Foto: Jürgen Schwietert

Fürstenau. Der Fürstenauer Ehrenbürger Bernhard Süskind weilt derzeit in seiner alten Heimatstadt. Aufgrund seines jüdischen Glaubens wurde er gezwungen, 1939 Deutschland zu verlassen. Er war zu Gast bei der Stolpersteinsetzung und stellt heute, 17. Juli, 19.30 Uhr, im Forum der IGS Fürstenau sein Buch „Wir waren doch alle Freiwild“ vor.

Herr Süskind, was empfinden Sie, wenn Sie an Ihre Heimatstadt Fürstenau denken?

Wenn ich an Fürstenau denke, denke ich auch an das Buch des Heimatvereins. Im Grußwort der Geistlichkeit steht: „Meine Heimat ist für mich der Ort, an dem ich mich wohlfühle und geborgen bin. Meine Heimat ist da, wo mich die Menschen respektieren, wie ich bin. Meine Heimat ist für mich der Ort, an dem ich geboren bin, wo mein Elternhaus steht und wohin ich immer wieder zurückkehren kann. Das Wort Heimat weckt Emotionen, ruft Gefühle hervor. Der eine hat seine Heimat ganz bewusst verlassen, der andere wurde aus seiner Heimat vertrieben.

Es gab damals eingefleischte Nazis und Mitläufer, aber auch Bürger, die sich dem braunen Terror entgegengestellt haben. Haben Fürstenauer Bürger sich für Mitbürger jüdischen Glaubens engagiert und haben sie trotz angedrohter Repressalien geholfen?

In Fürstenau gab es viel reine Mitläufer. Die Bürger, die mit den Machenschaften der Nazis nicht einverstanden waren, konnten nichts ausrichten. Im Hintergrund haben mehrere Fürstenauer Bürger geholfen. Von innen her waren es gute Menschen. Nach außen hin mussten sie sich anpassen. Damals haben sehr viele Leute nicht begriffen, was vor sich ging, sich nicht mit der Sache auseinandergesetzt. Sie wurden gezwungen mitzumachen. Wenn sie sich weigerten, verloren sie ihre Arbeit und damit die Möglichkeit, ihre Familie zu ernähren. Die Bürger, die nach wie vor bei Juden einkauften oder mit Juden verkehrten, wurden denunziert. „Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein, und gebe nichts darum, verhaftet zu werden“, schrie ein Fürstenauer mir öffentlich auf der Großen Straße nach meiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Buchenwald zu.

Sie haben es mit Mühe und Not über Schweden in die USA geschafft. Wie hat sich Ihr Leben dort entwickelt?

Es gab ein Abkommen mit Schweden. Dadurch wurden die jüdischen KZ-Insassen unter 18 Jahren aus dem KZ Buchenwald herausgenommen. Ich bekam ein Visum für die USA. Meine Eltern waren bereits dort. Den Nazis gelang es aber, mir ein Minderwertigkeitsgefühl zu suggerieren. Mein ganzes Leben lang wollte ich beweisen, dass ich ein ebenbürtiger Mensch bin. Ich komme auch nach Fürstenau, um zu zeigen: Hitler hat es nicht geschafft, uns zu vernichten und dem Vergessen anheim zugeben . Ich habe mein ganzes Leben hart lang gearbeitet. Nach dem Krieg habe ich auf Long Island eine Schlosserei aufgebaut.

Durch den Krieg kamen Sie als Soldat zurück nach Deutschland. Wie ist man Ihnen begegnet?

Bis auf die Personen, für die ich übersetzten musste, hatte ich zunächst keinen Kontakt zu den Deutschen. Es wusste auch niemand, dass ich Deutscher war. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich noch nichts mit Fürstenau zu tun haben. Zunächst waren meine Gefühle noch von Hass geprägt. Freundschaften auch in Fürstenau waren mir seinerzeit zuwider.

Sie haben in Ihrem Buch Ihre Lebenserinnerungen aufgeschrieben. Am Donnerstag wird das Buch der Öffentlichkeit präsentiert. Was hat Sie zu diesem Buch veranlasst?

Das Buch habe ich für meine Familie geschrieben. Ich zeige ihr damit meine Wurzeln, ich zeige ihr, wo ich herkomme. Ihr zeige ich aber auch, was wir in Deutschland durchgemacht haben und warum wir Deutschland verlassen mussten. Trotz alledem, was passiert ist, ist meine Familie von der Stadt Fürstenau begeistert.

Zum Schluss: Was würden Sie der heutigen Generation, die diese schreckliche Zeit nur aus Erzählungen und Veröffentlichungen kennt, ins Stammbuch schreiben?

Was hier passiert ist, kann man nicht vergessen und vergeben. Aber man kann lehren und lernen, dass so etwas in Zukunft nie wieder passiert. Ich möchte gerne, dass die heutige und die zukünftigen Generationen davon gelernt haben. Ich möchte gerne, dass alle Menschen sich akzeptieren, egal welcher Religion sie angehören oder welche Hautfarbe sie haben. Ich hoffe, dass die Menschen dieses auch aus meinem Buch lernen.


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