Arbeiten im Salsa-Rhythmus Brot gegen Not: Fürstenauer Bäcker in Nicaragua


Fürstenau. Ernst-Otto West ist ein vielseitiger Mann. Der Fürstenauer, den alle nur Otto rufen, schlüpft gerne mal in die Rolle des Nachtwächters und führt Besuchergruppen durch die Stadt. Als Bäckermeister verwöhnt er im Hauptberuf die Städter mit Brötchen, Baguettes, Kuchen und Pizza, das ist sein täglich Brot. Zurzeit backt er aber nicht in der Fürstenauer Backstube, sondern in San Carlos in Nicaragua, in der dortigen Ausbildungsbackstube Pantzin der San-Lucas-Stiftung.

Drei Monate ist Ernst-Otto West dort im Auftrag der Hilfsorganisation „Brot gegen Not“ der Heiner-Kamps-Stiftung tätig. Sie baut in Entwicklungsländern Bäckereien auf und betreibt sie.

„Wir backen im Salsa-Rhythmus“, schreibt West in einer E-Mail. Wegen der heißen Temperaturen, die tagsüber bis auf 40 Grad Celsius hochklettern, wird in zwei Schichten gearbeitet: Die erste beginnt eine Stunde nach Mitternacht, die zweite morgens um sechs Uhr. „Ich bin hier als Backstubenleiter, um die Bäckerei weiter auszubauen und Jugendliche im Bäckerhandwerk auszubilden. Was mir auch gelingt“, schreibt er weiter.

Dabei ist das gar nicht so einfach, nicht zuletzt wegen der knappen Rohstoffe: Mal gibt es Mehl, mal Nüsse, dann wieder ganz andere Zutaten. „Improvisieren ist alles, aber darin bin ich ja Weltmeister“, sagt der Bäcker mit 45-jähriger Berufserfahrung ganz selbstbewusst.

Dies gilt übrigens auch für die Verständigung. Es gibt eine Deutsche in der Nachbarschaft, bei der Ernst-Otto West Spanisch lernt. Einen Tablet-Computer zum Übersetzen benutzt er während der Arbeit in der Backstube.

„Zu unserem Team gehören zwei Frauen, Fanny und Antonia, sowie zwei Männer, Walter und Waltercito, sein Sohn. Es macht mir Spaß und Freude, mit den Menschen hier zu arbeiten und ihnen Know-how beizubringen. Ich selber bin vom bärtigen ‚Don Ernesto‘, als der ich hier ankam, aufgrund der Temperaturen zum glatt rasierten ‚Don Otto‘ geworden“, schreibt West weiter.

Die Bäckerei in San Carlos liegt direkt am Nicaraguasee mit Blick auf die Vulkankette von Costa Rica. „Die unchristlichen Arbeitszeiten bescheren uns immerhin herrliche Sonnenaufgänge“, beschreibt der Bäcker die Naturschönheiten vor Ort.

Für die Menschen in San Carlos hat das Leben allerdings auch viele hässliche Seiten. Die Gewaltbereitschaft ist sehr hoch, das gilt auch für innerfamiliäre und sexuelle Gewalt. Vor sechs Jahren wurde von der Fundación San Lucas, einer Nichtregierungsorganisation in San Carlos, das Projekt Arete gestartet. Dort werden Frauen und Kinder von Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen betreut, Lehrerinnen bieten Gesundheitserziehung und Alphabetisierungskurse an. Die Gewinne der Bäckerei Pantzin kommen dem Frauenhausprojekt Arete zugute. Außerdem sollen die Frauen als Verkäuferinnen der Backwaren ihr eigenes Einkommen erzielen ebenso wie die Auszubildenden in der Bäckerei, um so ihre Familien zu unterstützen und unabhängig zu sein.

Zusätzlich soll die Grundversorgung der Bevölkerung mit qualitativ hochwertigen Backwaren verbessert werden. Unter dem Strich ist es also ein ehrgeiziges Projekt, das die Hilfe zur Selbsthilfe in den Vordergrund stellt.

„Das wollte Otto immer schon machen, weil er auf diese Art etwas zurückgeben möchte, was ihm vergönnt war“, sagt derweil seine Frau Zetti West zu Hause in Fürstenau. Sie beschreibt auch die lange Planungsphase im Vorfeld der Südamerika-Reise, die nur in Absprache mit der Familie und den Mitarbeitern der Bäckerei West funktioniert hat. Schließlich ist Ernst-Otto West auch während seiner normalen Arbeitszeit in Fürstenau ziemlich aktiv, in der Backstube, im Büro oder beim täglichen Zubereiten des Mittagessens, das im Café West ebenfalls angeboten wird.

Dies übernehmen seit Januar die Familienmitglieder und Mitarbeiter zusätzlich, und sie tun es gerne, wie Zetti West versichert. „Wenn der Betrieb nicht dahinterstehen würde, würde so ein ehrenamtlicher Einsatz nicht funktionieren“, sagt die Bäckerin und verschwindet schnell wieder in die Backstube.

Vieles von dem Nicaragua-Bäcker-Abenteuer erfährt sie durch die regelmäßigen Telefonate mit ihrem Mann. Trotzdem freut sie sich natürlich auf seine Rückkehr in der Osterwoche.

Und wie groß ist bei Ernst-Otto West die Sehnsucht nach Fürstenau? Nach sechs Wochen zum sogenannten Bergfest schrieb er in einer E-Mail: „Mein Heimweh ist verflogen, aber trotzdem würde ich gern mal wieder Schwarzbrot essen, weil Heimweh bei mir auch Vollkornzeit heißt.“

Das dürfte ihm bei seiner Rückkehr sicher sein – natürlich frisch aus der Backstube.


0 Kommentare