75 Jahre Reichspogrom Fürstenauer Thorarolle heute in Kalifornien

Von

Uniformierte SA- und SS-Männer zünden das Gestühl des jüdischen Betraumes an. Repro: Archiv Bernd KruseUniformierte SA- und SS-Männer zünden das Gestühl des jüdischen Betraumes an. Repro: Archiv Bernd Kruse

bern Fürstenau. Zum Thema „75 Jahre Reichspogrom – auch in Fürstenau“ stellt Bernd Kruse aus Lonnerbecke neue Forschungsergebnisse vor. Im Mittelpunkt stehen dabei die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Osnabrück sowie der Verbleib der kleinen Fürstenauer Thorarolle in Kalifornien. Hier der Beitrag.

Die Staatsanwaltschaft Osnabrück führte von 1949 bis 1951 Ermittlungen zu den Vorkommnissen durch, die in Fürstenau in aller Öffentlichkeit am 10. November 1938 (Reichspogrom) passierten. Am 18. Juni 1951 stellte der leitende Oberstaatsanwalt das Verfahren ein. Viele Beschuldigte zeigten in den Vernehmungen große Erinnerungslücken.

„Ich kann mich heute nicht mehr besinnen, ob damals über diesen oder jenen etwas Bestimmtes gesagt worden ist“, so der ehemalige nationalsozialistische Ortsgruppenleiter Fürstenaus in seiner Vernehmung im August 1949. „Ich kann mich nicht mehr erinnern“, äußerte sich wenige Tage später auch der im November 1938 amtierende Bürgermeister Fritz Werkenthien gegenüber der Staatsanwaltschaft.

Diese und ähnlich lautenden Äußerungen durchziehen den gesamten etwa 250 Seiten umfassenden Untersuchungsbericht der Ermittlungsbehörde.

Die Staatsanwaltschaft hatte 52 Männer und Frauen zu den Geschehnissen in Fürstenau im November 1938 befragt, alles säuberlich notiert, die Protokolle abgeheftet und dann ins Archiv gestellt. Später landeten die Akten im Staatsarchiv Osnabrück – bis sie vor ein paar Jahren freigegeben und erstmalig ausgewertet wurden.

Der Oberstaatsanwalt hat die Ermittlungen zur Kenntnis genommen und das Verfahren rechtens „gemäßParagraph 3, Absatz 1 des Straffreiheitsgesetzes vom 31. Dezember 1949 eingestellt“. Dieses Amnestiegesetz bewirkte, dass in Fürstenau – wie in den meisten Städten Deutschlands – die Vorkommnisse der sogenannten „Reichskristallnacht“ bis in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts unter den Teppich gekehrt wurden.

Was aber ist in Fürstenau am 10. November 1938 passiert? Vor allem SA-Männer, aber auch SS-Leute Fürstenaus sammelten sich ab acht Uhr morgens, besorgten sich Benzin, stürmten in das Haus des jüdischen Schlachters Frank am heutigen Schwarzen Weg Nr. 3 und warfen sämtliche Möbel durch die Fenster aus dem im Obergeschoss befindlichen jüdischen Gebetsraum auf die Straße.

Gebetbücher, die den Juden heiligen Thorarollen und weitere Kultgegenstände landeten ebenfalls dort. Die Männer türmten alles wie auf einem Scheiterhaufen auf.

SA- und SS-Uniformierte posierten mit einer auseinandergerollten Schriftrolle vor diesem Haufen und setzten alles in Brand. Eine kleine Thorarolle der jüdischen Gemeinde Fürstenau wurde an diesem Tage jedoch nicht ein Raub der Flammen. Sie wurde gerettet und gelangte auf abenteuerlichem Weg nach Kalifornien (USA) in eine Synagoge. Bis heute geben Texte dieser Fürstenauer Thorarolle gläubigen Juden Hoffnung, Mut und Zuversicht für ihr Leben.

Während der Zerstörungsaktion des jüdischen Gebetsraumes waren auch Schulkinder anwesend, die von ihrem Volksschullehrer dorthin geführt worden waren. „Er hat vor allem die älteren Jungen vor dem Frank’schen Hause aufgefordert, Steine in die Fensterscheiben des Judenhauses Frank zu werfen“, so erzählte die jetzt 86-jährige, heute in Bremen lebende Erika Kuhn, die aus Fürstenau stammt. Ihre und ähnliche Aussagen von heute noch lebenden Augen- und Zeitzeugen werden durch die Protokolle der Staatsanwaltschaft und durch vor ein paar Jahren wiederaufgetauchte Fotobeweise bestätigt.

Über die Festnahme fast aller jüdischen Männer Fürstenaus am Vormittag des 10. November 1938, ihre bedrückenden Erlebnisse im Altkreis Bersenbrück, im Gestapokeller in Osnabrück und später im KZ Buchenwald bei Weimar finden sich Aussagen in den Protokollen der Staatsanwaltschaft, aber vor allem in dem handschriftlichen „Tagebuch“ von Bernhard Süskind, dem heutigen Ehrenbürger Fürstenaus.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN