zuletzt aktualisiert vor

Eine Apotheke als Hochzeitsgeschenk Wolfgang Gerhardt und die Apotheke am Markt in Fürstenau

Von Cristina Schwietert


Fürstenau. Um die 51-jährige Geschichte der Apotheke am Markt in Fürstenau zu erzählen, muss man weit ausholen. Die Eltern von Apotheker Wolfgang Gerhardt sind noch Zugereiste im quirligen Fürstenau der Fünfzigerjahre. Hatte doch der Großvater mütterlicherseits im Jahr 1951 beschlossen, seiner Tochter Gisela und seinem Schwiegersohn Wolfgang Gerhardt eine Apotheke zur Hochzeit zu schenken.

Beide haben ihr Pharmaziestudium in München gerade beendet – sie freuen sich besonders über das Geschenk, obwohl ihnen der Nordwesten Deutschlands erst einmal ziemlich fremd ist, wie ihr Sohn Wolfgang Gerhardt jun. zu berichten weiß. „Ich komme aus einer alten Apothekerfamilie mit Ursprüngen in Breslau und Kassel“, erzählt er. Gerhardts Eltern übernehmen mit der Einhorn-Apotheke die älteste und über Jahrhunderte einzige Apotheke in Fürstenau. „Nachweislich gibt es sie seit 1710“, erzählt er. Zwei Söhne und eine Tochter werden dem Apothekerpaar in Fürstenau geboren.

Die Einhorn-Apotheke läuft gut. Als 1960 einige Hausbesitzer auf der Großen Straße versuchen, die Randlage dieser Apotheke auszunutzen, um in der Innenstadt eine Konkurrenzapotheke zu etablieren, ergreift Gisela Gerhardt die Gelegenheit beim Schopf und eröffnet in der Großen Straße Nr. 30, dem ehemaligen Textilgeschäft Broermann, eine weitere Apotheke: die Geburtsstunde der Apotheke am Markt, in direkter Nachbarschaft zur Praxis Dr. Zinkant gelegen.

„Die räumliche Anbindung an Arztpraxen ist heute für Apotheken ein gängiges Modell, leben sie doch im Wesentlichen von den Rezepten der sie umgebenden Ärzte“, erklärt Wolfgang Gerhardt. Regelrecht ins Schwärmen gerät der 1951 geborene Gerhardt über seine Kindheit und Jugend im Fürstenau der Fünfziger- und Sechzigerjahre: „Stadt und Große Straße waren ungemein belebt, die Apotheke am Markt immer ein Anlaufpunkt. Bekleidungs- und Stoffgeschäfte, Spielwaren- Lebensmittel- und Feinkostgeschäfte, Metzgerei, Banken, ein Kino, Juweliere – es gab einfach viel Laufkundschaft und eine Menge zu sehen auf der Großen Straße.

Ende am 1. September

Als Fürstenau dann 1959 auch noch Bundeswehr-Standort wurde, erhöhte sich die Kaufkraft noch einmal beträchtlich. Zahlreiche Kleinkneipen gab es damals in Fürstenau – die liefen alle gut. Die Leute gingen da hin – die Fürstenauer waren geselliger damals.“

1985, nach dem Tod seines Vaters, übernimmt Wolfgang Gerhardt die Einhorn-Apotheke, zieht später um auf die gegenüberliegende Straßenseite in das neue Ärztehaus. Doch die goldenen Zeiten für den Einzelhandel in der Fürstenauer Innenstadt wandeln sich allmählich, auch für die Apotheke am Markt. Der erste Einschnitt ist der Tod des Praxisinhabers Dr. Zinkant sen., mit Verlegung der neuen Praxis in die Schorfteichstraße.

„Noch schlimmer hat uns die Fürstenauer Altstadtsanierung Ende der 80er-Jahre getroffen“, erzählt Wolfgang Gerhardt, dessen kürzlich verstorbene Frau Nadine Glaston-Gerhardt die Apotheke am Markt inzwischen leitet.

Ein Vierteljahr bleibt die Apotheke geschlossen, weil sich im Zuge der Straßenarbeiten Risse im Schmuckgiebel des Hauses gebildet hatten und er umzustürzen drohte. „Das war schon schlimm“, resümiert er. Und dann schimpft er noch über die Stadt, die im Rahmen der Straßensanierung genau vor der Apotheke am Markt anstelle von Parkbuchten einen kleinen Spielplatz einrichtet. „Die Leute konnten nicht mehr vor der Apotheke parken, das hat man richtig gemerkt – der Umsatz ging zurück.“ Zwei weitere Großereignisse kommen hinzu, die den Fürstenauer Geschäftsleuten in den letzten Jahren die Luft zum Atmen genommen haben: die Schließung des Bundeswehrstandortes im Jahr 2007 und die Errichtung des Aue-Centers an der B 214 2008. „Letzteres gegen den ausdrücklichen Willen der Werbegemeinschaft. Die Politik hat die Leute regelrecht aus der Innenstadt vertrieben“, sagt Wolfgang Gerhardt.

„Eigentlich hat Fürstenau ja einen schönen Innenstadtbereich, aber es gibt hier nicht mehr viel zu gucken und zu schlendern in der Großen Straße. Viel zu viel Leerstand. Im Aue-Center kann man nicht flanieren, da fährt man hin, kauft ein, und dann fährt man wieder weg. Uns bleiben die Kunden weg“, sagt Gerhardt. Dabei haben wir hier einfach nur unseren Dienst getan, unsere Kunden gut beraten, wir hatten immer sehr gute Mitarbeiterinnen, haben unsere Schaufenster immer selbst mit aktuellen Themen dekoriert. Mehr konnten wir nicht tun.“

Die Apotheke am Markt hat am 1. September 2011 ihre Pforten für immer geschlossen.