E-Mail aus Argentinien (17) Hollenstederin erliegt (als einzige?) nicht dem Maradona-Rausch

Von Nicole Klostermann

Er ist allgegenwärtig in Argentinien: Diego Maradona – hier ein Bildnis am Gelände des Heimatclubs Boca Juniors in Buenos Aires. Foto: Nicole KlostermannEr ist allgegenwärtig in Argentinien: Diego Maradona – hier ein Bildnis am Gelände des Heimatclubs Boca Juniors in Buenos Aires. Foto: Nicole Klostermann

Hollenstede/Buenos Aires. Die gebürtige Hollenstederin Nicole Klostermann lebt mit ihrer Familie in Argentinien. Regelmäßig berichtet sie für das Bersenbrücker Kreisblatt über ihren Alltag in Südamerika. Hier die 17. E-Mail aus Argentinien.

Der Tankwart starrt zwischen meinem Ausweis, den ich zur Kartenzahlung vorlegen muss, und mir hin und her. Dann fängt er plötzlich an zu grinsen, und ihm geht irgendein Licht auf: „Ahhh, Deutschland! Ihr gewinnt immer gegen uns im Fußball!“ Ich stutze. Es ist mitten in der Nacht, und ich stehe mehrere 100 Kilometer von Buenos Aires entfernt an einer kleinen Tankstelle in der Pampa. Ich überlege, in welchem Jahrhundert der gute Mann wohl noch lebt und wie lange er schon kein Spiel unserer Nationalmannschaft mehr gesehen hat.  

Aber manche Dinge dauern in Argentinien eben einfach länger. Das Land bewegt sich zwar mit rasanter Geschwindigkeit auf eine neue Staatspleite zu, aber auf der Bank verbringe ich auch mal mehrere Stunden, um Geld abzuheben. Die Erneuerung meiner Aufenthaltsgenehmigung nahm diesmal so viel Zeit in Anspruch wie noch nie. Zuerst waren die Computer der Behörde kaputt, dann streikten alle Mitarbeiter, und der nächste Termin fiel aus, weil allen Angestellten auf einen Schlag gekündigt wurde.

Er will einfach nicht verschwinden...

Wer auch einfach nicht verschwinden will, ist Diego Maradona. Ohne Frage, Maradona war ein begnadeter Fußballspieler. 259 Tore in 491 Vereinsspielen, Weltmeistertitel, bester Spieler des 20. Jahrhunderts und natürlich sein unvergessenes Tor durch seine „Hand Gottes“, durch das Argentinien sich gegen England den Weltmeistertitel erschummelte.

Aber Maradona ließ in seinem Leben eben auch nichts anbrennen, denn mit seinen Eskapaden machte er mindestens genauso viel Schlagzeilen wie auf dem Fußballplatz. Ob Kokain in rauen Mengen, Dealerei, Doping, Steuerhinterziehung, unzählige Vaterschaftsprozesse oder als er aus seinem Haus in Buenos Aires auf draußen wartende Journalisten schoss.

Völlig durchgeknallte Willkommens-Show

Nun ist Maradona wieder da. Gott bewahre - natürlich nicht als Spieler, denn mittlerweile ist er nicht nur 58 Jahre alt, er wiegt auch das Dreifache von damals und sieht auch ansonsten ziemlich abgehalftert aus. Er ist zurück in Argentinien als Trainer eines Vereins, von dem zumindest ich noch nie etwas gehört habe. Das soll natürlich nichts heißen, aber der Empfang, der ihm in seinem Heimatland bereitet wurde, war unglaublich.

Als Diego kürzlich den Rasen seines neuen Clubs „Gimnasia y Esgrima“ betrat, rastete halb Argentinien völlig aus. Bengalische Feuer schossen durch das Stadion, und die Fans waren außer Rand und Band. Einige schafften es sogar durch die Security bis auf den Platz und fielen anbetend vor ihm auf die Knie. Es liefen stundenlange Live-Übertragungen der völlig durchgeknallten Willkommens-Show im Fernsehen, und Internet und Zeitungen waren so randvoll wie Diego zu seinen besten Zeiten.

90 Minuten Fußballidol frontal und pur

Das erste Spiel seines neuen Clubs verlor Diego Maradona dann. Genützt hatte das Theater also nichts. Wer allerdings noch immer nicht genug von Diego hatte, für den hatte der Sender TNT während des Matches eine live „Maradona-Cam“ eingerichtet. 90 Minuten war eine Kamera einzig und allein auf das Fußballidol am Spielfeldrand gerichtet. Stellen Sie sich das mal vor: Es ist Sonntagnachmittag, und Sie starren eineinhalb Stunden lang Lothar Matthäus an. Völlig freiwillig.

So, und jetzt können Sie sich vielleicht ungefähr vorstellen, wie verrückt dieses Land doch manchmal ist.


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