Vom Eispalast in die Tigerhöhle Kerstin Wittstamm spielt zwei Märchen für Erwachsene in Restrup

Von Liesel Hoevermann

Mit ihrem Spiel zweier skurril-fantastischer Märchen verzauberte Kerstin Wittstamm das Publikum in der Compagnia Buffo. Foto: Liesel HoevermannMit ihrem Spiel zweier skurril-fantastischer Märchen verzauberte Kerstin Wittstamm das Publikum in der Compagnia Buffo. Foto: Liesel Hoevermann

Restrup. Von der ersten Minute ihres von dunklen Trommelschlägen begleiteten Barfuß-Auftritts hat Kerstin Wittstamm von der freien Theaterbühne Wendland das Publikum in der Compagnia Buffo in ihren Bann gezogen. Diese Spannung hielt zwei Stunden und zwei Märchen lang, fesselte und begeisterte die Zuschauer gleichermaßen.

Sowohl in „Die Eisprinzessin“ von Friedrich Karl Waechter als auch in „Geschichte einer Tigerin“ von Dario Fo spielte sie alle Rollen selbst, für die Zuschauer erkennbar durch wechselnde Körpersprache, Mimik und Stimmlage. Grafisch animierte Bilder auf einer riesigen Leinwand ergänzten die Geschichte um die Eisprinzessin, die mit bläulicher Glitzerhaube, eisblauem Röckchen und Tutu unter schneefarbigem Umhang auf ihrem gläsernen Eispalast sitzt und die Liebe des Königs von Sizilien verschmäht.  

Des Teufels Großmutter hilft dem liebenden König mit einer List, sich der Eisprinzessin als Mädchen zu nähern und so langsam ihr Herz zum Schmelzen zu bringen. Mit Kraft und Fleiß gelingt es ihr, den wohlig warmen, süßen Regen der Liebe zu empfinden und zu genießen. Des Teufels Großmutter wird dabei zur frivol-voyeuristischen Erzählerin, die das Publikum auch an pikanten Details teilhaben lässt. Die Eisprinzessin entdeckt nicht nur die Liebe, sondern auch das falsche Spiel des sizilianischen Königs und lässt diesen mit einer Gegenlist eine weitere Runde zappeln. Beim Happy End begegnen sich die Liebenden schließlich auf Augenhöhe – eine märchenhafte Romanze.

Beeindruckender Lautstärke

Weniger romantisch, aber durchaus fantasievoll ist die „Geschichte einer Tigerin“, in der Kerstin Wittstamm in der zweiten Hälfte des Abends als Soldat in olivfarbener Militärkleidung auf die Bühne tritt, mit von Lederriemen gehaltenen Fußlappen an den Unterschenkeln. Mit beeindruckender Lautstärke brüllt sie Kommandos eines imaginären chinesischen Regiments, dass dem Publikum die Ohren dröhnen, um dann im forschen Ton des Soldaten seine ungewöhnliche Geschichte zu erzählen. Schwer verwundet bleibt er zurück und findet Zuflucht in einer Höhle, die auch von einer Tigerin und ihrem Jungen bewohnt wird.

Die Tigerin leckt seine Wunde sauber, säugt ihn mit ihrer Milch und versorgt ihn mit erlegtem Fleisch, das er brät und dadurch eine neue Begehrlichkeit bei den Tigern weckt. So entsteht eine absurde Zwangs-WG, die Wittstamm mit den Kommentaren des Soldaten, dem Brüllen der Tigerin und dem Maunzen des Tigerkindes anschaulich darstellt.

Offenes Ende

Schließlich hat der Soldat genug und flüchtet aus der Höhlenidylle zurück in eine menschliche Siedlung und wieder hinein ins Kriegsgeschehen rund um die chinesische Revolution. Die Tiger folgen ihm – ob aus purer Zuneigung oder aus Gier nach gebratenem Fleisch bleibt dabei offen. Letztlich unterstützen sie die Dorfgemeinschaft bei Kämpfen gegen aus- und inländische Feinde. Das offene Ende der Geschichte überlässt es den Zuschauern, sich einen mehr oder weniger positiven Schluss auszudenken.

Und es bleibt dem Publikum auch überlassen, nach den beiden so unterschiedlichen Stücken zu erkennen, dass es durchaus Gemeinsamkeiten gibt. In beiden geht es um Liebe, um egoistische Bedürfnisse, um Zuneigungen und um die Gemeinschaften, die aus diesen Gemengelagen entstehen. Bei allem Märchenhaften also ein bisschen Lebensweisheiten, wunderbar in spannende Szenen gesetzt von Kerstin Wittstamm.


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