Die Hölle im Frauengefängnis Hoheneck Vortrag von Elske Oltmanns bewegt Fürstenauer Landfrauen

Von Maria Kohrmann-Unfeld

Pastorin Elske Oltmanns hielt einen bewegenden Vortrag über ihre Zeit in einem Frauengefängnis der DDR. Foto: Maria Kohrmann-UnfeldPastorin Elske Oltmanns hielt einen bewegenden Vortrag über ihre Zeit in einem Frauengefängnis der DDR. Foto: Maria Kohrmann-Unfeld

Fürstenau. Bei der Jahreshauptversammlung des Landfrauenverein Fürstenau hat Pastorin Elske Oltmanns einen bewegenden Vortrag über ihr Leben in der DDR gehalten. Nach einer behüteten Kindheit erlebte sie als junges Mädchen die Hölle im Frauengefängnis Hoheneck im Erzgebirge.

Elske Gesine Oltmanns ist eine charismatische Frau, die ihren Humor trotz des erlittenen Unrechts in der DDR und der schweren Schicksalsschläge niemals verloren hat. „Der liebe Gott muss gegrinst haben, als er mich schuf“, begann sie ihren Vortrag bei den Landfrauen, der unter die Haut ging und doch mit einem Schuss Humor gewürzt war. 

Geboren und aufgewachsen ist Elske Oltmanns in Qudlinburg im Harz. Dahin wurde ihr Vater, Dr. Aiko Oltmanns, ein echter Ostfriese aus dem Rheiderland, als Leiter der Gynäkologie versetzt. Ihre Mutter stammte aus Berlin. „Ich hatte eine wunderbare Kindheit zusammen mit meinen jüngeren Geschwistern Theda und Frerk. Allein durch unsere ostfriesischen Vornamen waren wir Exoten am Harzrand.“ Die Familie bekannte sich zum Christentum und lebte ihre ostfriesischen Traditionen aus. Dazu gehörte die plattdeutsche Sprache, das Teetrinken und „updröchte Bohnen“, die von der Großmutter im Paket geschickt wurden. Es bestand enger Kontakt zur Großmutter in Ostfriesland. Mit dem Bau der Mauer im August 1961 wurde alles anders. „Ein großer Schnitt ging durch das Land, die Familie, durch die Herzen“, so Oltmanns.

„Die Stasi hat jeden unserer Schritte und jedes unserer Worte auf subtile Weise verfolgt"Pastorin Elske Oltmanns


Als dann 1967 die geliebte Großmutter starb, wurde Aiko Oltmanns nicht gestattet, sich von ihr zu verabschieden. „Die Stasi hat jeden unserer Schritte und jedes unserer Worte auf subtile Weise verfolgt. Unsere komplette Wohnung war verwanzt, und wir haben es nicht bemerkt.“

Die Kinder hatten eine gute Schulbildung, aber die „politische Bildung“ war stets präsent. Gegen den Willen ihrer Eltern ging die sechsjährige Elske heimlich zu den Jungpionieren, um das begehrte blaue Halstuch zu bekommen.

Sie engagierte sich in der Schule im kulturellen Bereich. „Ich habe aus der Tatsache, dass ich Christin war, keinen Hehl gemacht. Anstatt zur Staatsbürgerkunde ging ich zur Christenlehre und ließ mich als einzige Schülerin der ganzen Schule konfirmieren." Obwohl sie kein Arbeiter- und Bauernkind war, sondern der „falschen“ Schicht der Intelligenz angehörte, wurde sie auf die erweiterte Oberschule delegiert. Allerdings konnte sie nicht wie gewünscht Medizin studieren. Man bot ihr ein Fischereistudium an.

„Die Familie hörte plötzlich auf, so zu existieren wie bisher.“Pastorin Elske Oltmanns


„Am 27. Januar 1975 wurden meine Eltern verhaftet. Die Familie hörte plötzlich auf, so zu existieren wie bisher.“ Die Mutter war von zuhause abgeholt worden. Der Vater wurde vom OP-Tisch weg verhaftet. Die Kinder wurden beim Nachbarn untergebracht. Am 5. Februar 1975, dem ersten Tag ihrer schriftlichen Abiturprüfung, wurde Elske Oltmanns in der Schule von vier Männern in Lederjacken verhaftet.  

Während der Fahrt zum „Roten Ochsen“, dem Gefängnis in Halle, herrschte eisiges Schweigen. Erst als sich das Gittertor hinter dem Wartburg schloss, hörte sie einen der Männer sagen: „Wenn die Tore einmal zu sind, machen die nicht so schnell wieder auf!“ Nach dem ersten Verhör wurde sie komplett entkleidet. „Es gibt kaum etwas Entwürdigenderes.“ Zwölf Wochen Einzelhaft in einer kargen Zelle lagen vor ihr. Ein 100-Watt-Strahler ging alle 20 Minuten an, rund um die Uhr. Ab und zu durfte sie nach draußen in sogenannte Freiluftzellen. Oben gingen Uniformierte mit entsicherten Maschinengewehren. „Ein Löwenzahnpflänzchen gab mir in dieser Zeit Kraft und Hoffnung“, erinnert sich die Pastorin. „Ich hatte Angst zu verblöden. Darum begann ich Gedichte zu rezitieren und habe Psalmen und Arbeiterlieder gesungen.“ 

„Die Hölle ist nicht heiß. Die Hölle ist dunkel, eiskalt und nass.“Pastorin Elske Oltmanns


Am Verhandlungstag vor dem Bezirksgericht in Halle sah die inzwischen 18-Jährige ihre Eltern wieder, die in der Haft derart abgemagert und grau geworden waren, dass sie sie nicht erkannte. Sie wurde zu zwei Jahren und vier Monaten schweren Strafvollzug verurteilt wegen versuchter Republikflucht und staatsfeindlicher Verbindungen. Elske wurde ins Frauengefängnis Hoheneck verlegt. „Meine langen blonden Haare wurden abgeschnitten. Damit verlor ich ein Stück Würde.“ Sie musste sich eine Zelle mit 15 Frauen teilen. Privatsphäre gab es nicht. Der Tagesablauf bestand aus „Zelle, Essen, Rundlauf im Schlosshof, Arbeit“. Nicht immer gewährten ihnen die Wärter den Rundlauf an der frischen Luft. Im heißen Sommer 1975 setzte sie sich beim Gefängnisdirektor dafür ein, dass der Rundlauf stattfand. Kurz darauf erhielt sie Arrest wegen Anstiftung zur Revolte. In einer Dunkelzelle im Keller wurde sie mit Handschellen arretiert. Dann wurde die Zelle geflutet. Elske Oltmanns verlor jegliches Gefühl für Raum und Zeit. „Die Hölle ist nicht heiß. Die Hölle ist dunkel, eiskalt und nass“, so ihre Erkenntnis.

Kurz darauf wurde sie wieder nach Halle transportiert, wo sie ihre Mutter wiedersah, die ihr unter Tränen mitteilte, dass ihr Vater in der Haft gestorben war. Mutter und Tochter wurden wegen „guter Führung“ auf Bewährung entlassen und stellten einen Ausreiseantrag, der nach langem hin und her genehmigt wurde.

Heute lebt Elske Oltmanns in Ostfriesland. Sie hat dann doch in Berlin Medizin studiert und das Physikum gemacht. Dann lernte sie ihren ersten Mann, einen Theologiestudenten kennen und stellte fest, dass Medizin und Theologie, Körper und Seele nahe beieinander liegen. So wurde sie Pastorin. Heute lebt die Mutter von fünf Söhnen mit ihrem zweiten Ehemann im Rheiderland und ist Pastorin in der Kirchengemeinde Bagband. 


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